Karlheinz Koinegg: Lauter liebe Worte. 2-teiliges Hörspiel (WDR 3)

Originaltonrecherche zum Tod des Vaters

05.05.2017 •

05.05.2017 • Karlheinz Koinegg ist einer der produktivsten und auch renommiertesten Autoren des Genres Kinder- und Jugendhörspiel. Die Sujets seiner zahlreichen Originalhörspiele und Adaptionen literarischer Vorlagen reichen von antiken Mythen und mittelalterlichen Sagen über die „Märchen aus 1001 Nacht“ und dem historischen Jeanne-d’Arc-Stoff bis hin zur modernen Weihnachtsgeschichte. Koinegg wurde mehrmals für den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Bestes Kinderhörbuch“ nominiert; für seine Hörspielbearbeitung des Gesprächsbuches „Papa, was ist der Islam?“ (WDR) von Tahar Ben Jelloun wurde er 2004 mit dem Civis-Medienpreis ausgezeichnet.

Ein Traumerlebnis hat den am Niederrhein aufgewachsenen, in Berlin lebenden Autor zu seinem zweiteiligen Hörspiel „Lauter liebe Worte“ inspiriert. Das insgesamt 106 Minuten lange Stück ist das Ergebnis einer Recherche in Originaltonaufnahmen zur totgeschwiegenen Lebensgeschichte seines Vaters Hans, die auch ein verschüttetes Trauma des Sohnes bewusst macht. Der neunjährige Junge Karlheinz hat den in seinem Kinderbett liegenden Vater tot aufgefunden. Im Alter von 36 Jahren hat sich der Vater, ein Stahlarbeiter, der mit seiner Familie in einer Zechensiedlung in Duisburg-Hamborn lebte, 1969 mit dem Unkrautvernichtungsmittel E 605 das Leben genommen. Fast 50 Jahre später ist der Autor mit einem Aufnahmegerät aus Berlin in seine Heimat gereist, um O-Töne von Familienmitgliedern, Verwandten und Bekannten zum Leben und Tod des Vaters zu dokumentieren.

Die biografische Recherche fokussiert die zum Freitod führende psychische Krankheit des Vaters: die Schizophrenie, deren medizinische Erforschung und Behandlung seinerzeit noch im Frühstadium steckte und die den Kranken häufig sozial ausgrenzte und auch stigmatisierte. Nachdem die Krankheitssymptome auftreten und Hans Koinegg bei der Arbeit ‘ausgerastet’ ist, wurde er in die psychiatrische Klinik in Viersen-Süchteln zwangseingewiesen, für den Vater war es „die Hölle“.

Nach der Entlassung mit einem bezweifelbaren Gesundheitsattest fand der Mann sich nicht mehr in seinem Leben und in der sozialen Umwelt zurecht und wählte den Freitod. Er war Familienvater, hatte Ehefrau und drei Kinder; sie haben ihm keine Lebenssicherheit geben können, alle haben die Krankheit auf unterschiedliche Weise verdrängt. Und auch die Todesumstände wurden geleugnet und falsch dargestellt als „Schädelbasisbruch nach einem Treppensturz“.

Die Aussagen der Befragten beschreiben den Vater als einen sensiblen, klugen und in seinem Beruf intellektuell unterforderten Mann, sie finden für ihn „lauter liebe Worte“. Selbstkritisches zum damaligen Verhalten der Befragten, das Hans keine Hilfe geboten hat, kommt allenthalben in einigen Phrasen zum Ausdruck, und auch der Autor drückt in einigen einmontierten Reflexionen vor allem seine Empathie und nur vage das traumatische Erlebnis in seiner Kindheit aus. Im Subtext vermittelt das Originaltonhörspiel, bei dem der Autor und Martin Zylka Regie geführt haben, Vorstellungen über die Lebenseinstellungen und die kommunikativen Defizite einer sozialen Schicht im „Kohlenpott“ der 1960er Jahre.

05.05.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 3/2020

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren