Hans Schweikart: Es wird schon nicht so schlimm! (RBB Kultur)

Gregor und seine jüdische Kollegin

13.09.2019 •

Im Jahr 1947 drehte der Regisseur Kurt Maetzig den DEFA-Film „Ehe im Schatten“. Es handelte sich dabei um die Verfilmung einer Novelle, die der Filmschaffende Hans Schweikart (1895-1975) nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben hatte und in der er den Tod des seit 1930 verheirateten Schauspieler-Ehepaars Meta und Joachim Gottschalk sowie ihres Sohnes Michael im November 1941 literarisch verarbeitete. Das von den Nazis verfolgte deutsch-jüdische Paar beging in Anbetracht der bevorstehenden Deportation Meta Gottschalks und des damals achtjährigen Sohns Selbstmord; dabei nahmen sie auch Michael mit in den Freitod.

Der Umstand, dass die von Hans Schweikart als „Filmvorschlag“ bezeichnete Novelle mit dem Titel „Es wird schon nicht so schlimm!“ heute für ein lesendes Publikum verfügbar ist, geht auf die Anstrengungen Carsten Ramms zurück, der seit 1998 Intendant der Badischen Landesbühne Bruchsal ist. Er konnte Andreas Nicolaus Vetrone, den Sohn Schweikarts, für eine Druckgenehmigung gewinnen und fand mit Jörg Sundermeiers „Verbrecher-Verlag“ auch eine Plattform für sein Vorhaben.

Eine Neuinszenierung des Textes als Hörspiel hat nun die Regisseurin Christine Nagel für den Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) vorgenommen. Gemeinsam mit Carsten Ramm hat sie auch für die Hörfunkbearbeitung des Buchs gesorgt. Als Sprecher des Stücks „Es wird schon nicht so schlimm!“ agieren sechs Schauspielstudenten der Universität der Künste (UdK) Berlin: Manuel Bittorf, Franziskus Claus, Linda Blümchen, Paulina Bittner, Robert Flanze und Tim Freudensprung. Die subtil-stimmungsvolle Hörspielmusik hat der Saxophonist Peter Ehwald komponiert.

Hauptfiguren des Stücks sind der Schauspieler Gregor Maurer und seine jüdische Kollegin Lilly Hollmann. Zu Beginn der Geschichte bilden sie noch kein Paar, sondern sind als Dreiergruppe befreundeter Theaterleute aus Berlin, zu denen des Weiteren der Jude Kurt Bechstein gehört, auf Urlaub in Süddeutschland unterwegs. Die Figuren von Gregor Maurer und Lilly Hollmann sind an Meta und Joachim Gottschalk angelehnt.

Die ersten Sätze des 55-minütigen Hörspiels lauten: „Heute wissen wir es. Heute fassen wir diesen Sommer 1933 nicht und die Heiterkeit, mit der wir ihn erleben konnten.“ Bereits hier deutet sich an, dass die sich anbahnende Liebesbeziehung zwischen Gregor und Lilly unter dunklen Vorzeichen steht.

Die drei Freunde lernen im Urlaub auch den Verlegersohn Heinz Bluhm kennen, zu dem sich Lilly – sehr zum Verdruss Gregors – hingezogen fühlt und mit dem sie eine Beziehung eingeht, wodurch wiederum die Weiterentwicklung der Lovestory zwischen Gregor und Lilly erst einmal auf Eis gelegt wird. Da sich Bluhm aber im weiteren Verlauf der Geschichte als Karrierist herausstellt, der eine ihm übertragene leitende kulturpolitische Funktion im NS-Apparat nicht der Beziehung mit einer Jüdin opfern will, ist Lilly bald wieder allein. Sie heiratet nun Gregor, der sie noch immer liebt.

Es fällt auf, dass Lilly unterschwellig als eine Art „leichtes Mädchen“ gezeigt wird, das einer gewissen Naivität nicht entbehrt. Abgesehen davon, dass in einer solchen Darstellung immer misogyne Ressentiments mitschwingen, befremdet hier zudem die stark zerrbildhafte Fiktionalisierung Meta Gottschalks. Sie war 1933 bereits drei Jahre mit ihrem Mann verheiratet und werdende Mutter. Doch der Schwerpunkt im Stück „Es wird schon nicht so schlimm!“ liegt auf der schwersten Probe für das Paar: Es ist die Frage, ob Gregor trotz des zunehmenden politischen Drucks seiner mit Berufsverbot belegten Ehefrau die Treue halten wird – oder ob er sich von ihr trennt. Am Ende bleibt als einziger Ausweg der gemeinsame Tod, den das Paar dem getrennten vorzieht.

„Es wird schon nicht so schlimm!“ ist ein Stück, das auch eine Kommentarebene aufweist. Die Sprecherinnen und Sprecher reden dabei aus ihrer heutigen Sicht über Begriffe wie „Kameradschaft“ oder erschließen sich mit eigenen Erklärungen die von ihnen gespielten Charaktere und deren Verhalten. Etwas erhellender als diese Erklärungsversuche ist die Kommentarebene des 2014 erschienenen Buchs, für das die Filmwissenschaftler Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen ein Nachwort verfasst haben. Hier gehen sie auch auf biografische Widersprüchlichkeiten bei Hans Schweikart ein und liefern viele Hintergründe zur Entstehungsgeschichte der Novelle. Bei ihnen erfährt man auch, dass es bereits 1949 eine Hörfunkinszenierung des Textes beim Bayerischen Rundfunk (BR) gab.

Das vorliegende RBB-Hörspiel ist als sehr gute Neubearbeitung des Textes nur zu begrüßen. Den Bezug zur derzeitigen Gefahr durch den sich verstärkenden politischen Rechtsruck in Deutschland gibt es aus sich heraus zwar nicht her; er ergibt ich jedoch aus dem, wie eine Nachfrage in der RBB-Abteilung ‘Künstlerisches Wort’ ergab, bewusst gewählten Zeitpunkt der Ursendung eine Woche vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg, bei denen dann die rechtsextreme politische Seite große Stimmenzuwächse erzielte.

13.09.2019 – Rafik Will/MK