AnniKa von Trier: Wer Wagenitz, der nichts gewinnt! (RBB Kultur)

Im Kulturbetrieb

31.05.2019 •

Die Performance-Künstlerin, Musikerin und Autorin AnniKa von Trier erhielt 2017 ein Literaturstipendium im brandenburgischen Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf. Während ihres Aufenthalts dort verwirklichte sie Hörspielinstallationen, schrieb neue Liedtexte und als Hommage an die frühere Schlossherrin den fiktiven „Brandenburger Brief – Bettine von Arnim an Achim von Arnim September 1816“. Außerdem wurde AnniKa von Trier durch ihre Zeit in dem Schloss zu einem Hörspiel inspiriert, das den wortspielerischen Titel „Wer Wagenitz, der nichts gewinnt!“ trägt. Urgesendet wurde das vom Rundfunk Berlin-Brandenburg produzierte Stück nun im Mai im Programm RBB Kultur (das seit dem 6. Mai diesen neuen Namen hat, vorher hieß es RBB Kulturradio; vgl. diese MK-Meldung).

AnniKa von Trier ist nicht nur die Autorin dieses Hörspiels, sondern ebenso die Heldin der Geschichte und sie spielt sich auch selbst. Diese Konstellation funktioniert erstaunlich gut und ist keine reine Selbstfeier. AnniKa von Trier nimmt einfach ihre Ortskenntnisse und die Tatsache ihres Stipendiums als Ausgangspunkt einer fiktiv fortgesponnenen Geschichte.

Der Plot läuft ungefähr so: Die Figur von Trier bekommt als Autorin mit Schreibblockade eines Tages Besuch vom Geist Bettine von Arnims (gesprochen von Astrid Meyerfeldt) und macht nach und nach auch noch die Bekanntschaft von Jenny Marx (Lisa Hrdina) und der Dada-Künstlerin Hannah Höch (Valery Tscheplanowa). Mit ihnen spricht die Stipendiatin unter anderem über die Rolle von Frauen im Literaturbetrieb. Wenn die halluzinierten Gesprächspartnerinnen verschwinden und die Trance endet, stehen an deren Stelle allerdings regelmäßig menschliche Platzhalter wie der Schlossgärtner oder die Bibliothekarin.

Als Übergänge zwischen den einzelnen Szenen kommen immer wieder deutschsprachige Chansons zum Einsatz, in denen AnniKa von Trier singt und sich dazu selbst am Akkordeon begleitet. Thematisch haben die Lieder keinen unmittelbaren Bezug auf die Handlung, sondern sie beschäftigen sich unter anderem kritisch und (selbst)ironisch mit dem Zeitdruck, den ständige Facebook-Postings, Stipendiumsbewerbungen und Auftragsakquisen verursachen. Die Chansons dienen vor allem dazu, Stimmungsbilder zu malen.

Gehetzt und überfordert läuft auch die Hauptfigur von „Wer Wagenitz, der nichts gewinnt!“ im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf herum und hat ihre Halluzinationen. Die drei historischen Geistergestalten, die ihr dabei begegnen, sind nicht zufällig gewählt. Bettine von Arnim wohnte mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Achim von Arnim, auf eben jenem Schloss. Jenny Marx, die Frau von Karl Marx, kommt aus der gleichen Stadt wie AnniKa von Trier, die ihren Herkunftsort in ihren Künstlernamen eingearbeitet hat (bürgerlich heißt sie Annika Krump).

Hannah Höch wiederum nimmt eine Sonderstellung in der Dreierreihe ein. Denn sie stand nicht im Schatten eines berühmten Mannes, sondern machte sich selbst als Dada-Künstlerin einen Namen. Über sie zu Schreiben ist von Triers eigentlicher Aufenthaltszweck während des Stipendiums. Hannah Höch zeigt sich ihr aber erst gegen Ende des Hörspiels. Man kann die Reihenfolge der Begegnungen eventuell so verstehen, dass von Trier sich als Hörspielfigur an der lange andauernden männlichen Vorherrschaft in der Literatur abarbeiten muss, bevor sie zu ihrem weiblichen Künstleridol vordringen kann.

Das 54-minütige Hörspiel präsentiert sich wie nebenbei also auch als kleine Lektion in feministischer Literaturgeschichte. Vor allem lässt AnniKa von Trier die in ihrem Hörspiel auftauchenden berühmten Persönlichkeiten fiktive Briefe und Gedichte vorlesen, die sie selbst verfasst hat: Bettine von Arnim etwa dichtet mit brandenburgischen Orts- und Städtenamen, Jenny Marx mit Buchtiteln und Hannah Höch mit Blumennamen. Diese Begriffe werden jeweils so angeordnet, dass sie die Bedeutung ähnlich klingender Wörter aufnehmen können. Daraus ergibt sich auch der Titel des Hörspiels, eine Formulierung, die dem fiktiven Brief von Bettine von Arnim an Achim von Arnim entnommen ist (hier wurde aus „Wer nichts wagt…“ die Zusammenziehung „Wagenitz“, nach einem gleichnamigen Ort in Brandenburg).

Mit „Wer Wagenitz, der nichts gewinnt!“ hat Regisseurin Heike Tauch das ansprechend bunte Pop-Hörspiel einer Autorin inszeniert, die ihre eigene Position im Kulturbetrieb mit historischem Bewusstsein gerüstet hinterfragt und dabei nie den gewissen Witz verliert.

31.05.2019 – Rafik Will/MK