Björn SC Deigner: In Stanniolpapier (SWR 2)

Lakonische Abbreviaturen

02.09.2019 •

Am 23. Juni 2018 kam es anlässlich der Autorentage am Deutschen Theater in Berlin zu einem veritablen Eklat. Auf dem Programm stand die Aufführung von Björn SC Deigners Monologstück „In Stanniolpapier“, das in der Regie von Sebastian Hartmann zu heftigen Protesten des Autors führte, da „die Inszenierung dem Prinzip der Werktreue bei der Uraufführung nicht folgte“. In Konsequenz dieses „Theaterskandals“ bemühten sich der Südwestrundfunk (SWR) und sein Hörspiel-Chefdramaturg Manfred Hess um die radiophone Realisierung des Textes, einer Vorlage, welche die „Gattungsbeschreibung Theater oder Hörspiel obsolet erscheinen lässt“, wie es in einer Pressemitteilung des SWR nachdrücklich heißt.

Der Komponist, Hörspiel- und Theatermacher Björn SC Deigner („sich abarbeiten“, 2012, „zusammen zittern, 2015; jeweils SWR 2) ließ für sein Stück „In Stanniolpapier“ von einer Prostituierten einverständlich akustische Protokolle aufnehmen und verarbeitete diese in einem autonomen künstlerischen Prozess zu dem aufrüttelnden Lebensbericht einer Geschundenen, Missbrauchten und doch aufrecht gehenden Prostituierten. Aufhorchen lässt der Hinweis, dass Björn SC Deigner die Frauengestalt nie persönlich getroffen, sondern sich immer in bewusst gesuchter Distanz zu ihr gehalten hat: „Als Mann mit Mitte 30“, so erläutert er, „hätte ich mich an das Thema nie herangetraut, weil ich immer das Gefühl gehabt hätte, da überschreite ich eine Grenze. Genauso wollte ich nicht Voyeur werden, in dem Sinne: Sie soll uns mehr erzählen, mir reicht der Stoff nicht. Die Grundlage war schon voller Potenzial und hat bei mir sofort die Frage evoziert, wie geht man damit um.“

Die Umgestaltung und Verdichtung der Protokolle „nach einer wahren Begebenheit“ gehört sicherlich zu einem künstlerischen Prozess, der vor allem dem Autor Deigner und dessen Handschrift und zu verdanken ist. Die getretene, vergewaltigte und missbrauchte Frauengestalt verliert nie ihre Würde oder erobert sich diese in lakonischen Abbreviaturen zurück, ohne Selbstmitleid, ohne Larmoyanz. Sie sagt (kleinschreibung laut Manuskript): „ich hab keine angst. von kindheit an nicht gehabt. hat der kinderarzt schon gewusst: ihr kind, das springt nochmal vom hochhaus und schüttelt sich danach nur kurz. ich hab in meinem leben viel im dunklen rumgefischt. ich bin durch alles gegangen in meinem leben. nur eben ohne angst. achtzig prozent der zeit war einfach reden. oder lecken an den stiefeln. siebenhundert mark für ein bisschen quatschen oder den schuh hinhalten.“

In der SWR-Hörspielproduktion führt die Protagonistin den Namen Maria und es mag kaum Zufall sein, wenn der Autor damit auch nolens volens und mit sanfter Entschiedenheit an Lukas 7,36-50 (Jesu Salbung durch die Sünderin) erinnert. Das Aufbrechen des Monologs in indikativische Perspektiven des erzählenden Ichs unter gleichzeitiger Einbindung der Außenwelt in der dritten Person macht das Hörgeschehen zu einem grandiosen Wechselspiel zwischen befremdlicher und zufügender Gesellschaft und dem standhaltenden, aber auch leidenden Wesen der Frau Maria. Regisseurin Luise Voigt – sie hat bei zahlreichen Hörspielen mit Björn SC Deigner zusammengearbeitet – konnte Josefin Platt als (alleinige) Sprecherin gewinnen. Platt springt dabei mit größter Selbstverständlichkeit und Kunstfertigkeit in die oft befremdliche stimmliche Gegenwelt von Ärzten, Vater, Mutter, Kolleginnen und Polizisten, so dass sich das Gegenüber in Marias Stimme nahezu ‘natürlich’ zu amalgamieren beginnt.

Der Schnitt (u.a. Thomas Rau und Martin Vögele) machte es dem Hörer vor allem zu Beginn nicht leicht, Konzeption und Taktung zu verstehen. Der Nachhall von Endsilben (zum Beispiel „t“ als Staccato!) war gewiss ein kühner Versuch, nur eben nicht zwingend für die Hörlandschaft des 51 Minuten langen Stücks „In Stanniolpapier“. Ansonsten mochte der Hörer den kompositorischen Einschüben (Friederike Bernhard) mühelos und gerne folgen. Der Titel „In Stanniolpapier“ bezieht sich darauf, dass Maria in einer Situation vielfach ins Gesicht geschlagen wird, woraufhin ein Sanitäter gerufen wird, der die Verletzte in Stanniolpapier einpackt.

Ältere Hörspielhörer aus dem Sendegebiet des damaligen Süddeutschen Rundfunks (einer der beiden Vorgängeranstalten des SWR) werden sich im Übrigen vielleicht noch an die Kunstkopfproduktion „Bedingungen einer schönen Frau“ (SDR/SR/SWF; vgl. FK-Kritik) von Helmut Walbert erinnern, mit Lore Brunner in der Hauptrolle. Ein vergleichbares, aber fiktionales, Frauenschicksal wurde damals verhandelt.

02.09.2019 – Christian Hörburger/MK