Michael Krüger: Das Glasauge (HR 2 Kultur)

Eine Nachkriegskindheit in der SBZ

21.06.2019 •

Es ist erstaunlich, welche große Anzahl von Büchern Michael Krüger neben seinem Fulltime-Job als Lektor und seit 1986 als Leiter und Geschäftsführer des Hanser-Verlags veröffentlicht hat: zahlreiche Gedichtbände, Romane, Erzählungen, für die er mit renommierten Literaturpreisen und zwei Ehrendoktoraten ausgezeichnet wurde. Krüger war als Herausgeber und Übersetzer tätig, er redigiert seit 1981 die Literaturzeitschrift „Akzente“, er ist Mitglied mehrerer Akademien und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Und jetzt debütiert der 1943 in Wittgendorf in Sachsen-Anhalt Geborene als Hörspielautor mit dem Stück „Das Glasauge“, produziert vom Hessischen Rundfunk (HR) unter der Regie von Ulrich Lampen.

Einige Zeilen aus dem Erinnerungsgedicht „Wo ich geboren wurde“ in Krügers Lyrikband „Kurz vor dem Gewitter“ (2003) können als Keimzelle des poetisch verschlüsselten autobiografischen Hörspiels gedeutet werden: „Als ich mein Dorf kürzlich besuchte / fiel mir alles wieder ein, nur ungeordnet [...], die fromme Armut, / [...] Und in der Mitte mein Großvater, ein Auge auf die Welt / und eines nach innen gerichtet [...]“. Der Hörspielanfang konkretisiert die mehrmals genannte ‘Innenschau’ des Großvaters, der „nur ein Auge hatte, das andere war aus Glas.“ Der Großvater ist die zentrale Person in den Erinnerungen des Ich-Erzählers, der als kleiner Junge in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei den Großeltern in einem Dorf in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) aufgewachsen ist. Das 55-minütige Hörspiel entwickelt keine lineare geschlossene Erzählhandlung, es facettiert die Lebensverhältnisse und das Verhalten der Großeltern, die der Junge aus seiner Erlebnisperspektive zu verstehen versucht, dargestellt in den mit dem Erzählerpart korrespondierenden Spielszenen.

Der Großvater ist Soldat im Russland-Feldzug gewesen, nach dem Krieg ist sein Gutshof enteignet und kollektiviert worden, er musste untätig erleben, dass sein Hof aus Unfähigkeit und Nachlässigkeit des von den sowjetischen Besatzungsbehörden eingesetzten Verwalters heruntergewirtschaftet wurde. Die Großeltern und der Enkel, dessen Eltern in Berlin lebten (Details spart der Erzähler aus), hausten in einem Dachzimmer und sie lebten in großer Armut. Die Großeltern sind verbitterte Menschen geworden, der Großvater war schwermütig und wünschte seinen baldigen Tod. Dem Enkel vertraute er an: „Ich lebe eigentlich nur noch deinetwegen.“ Die Großmutter haderte mit Gott, der ihr ein elendes Schicksal beschert habe, der Enkel hörte nachts im gemeinsamen Bett ihre Jeremiaden und flüchtete sich tagsüber in Phantasien eines besseren Lebens. Der Schluss des Hörspiels offeriert einen Showdown, der Erinnerung und Vision des Erzählers mischt: Der Pfeife rauchende Großvater verursachte einen Zimmerbrand mit fatalen Folgen – zum wiederholten Mal bleiben aber dezidierte Informationen dazu ausgespart. Lapidar ist der Schlusssatz: „Meine Kindheit war zu Ende.“

Michael Krüger hat ein emotional verstörendes Hörspiel (s)einer Kindheit in der Nachkriegszeit geschrieben, in dem Günter Lamprecht als Großvater das anrührende Porträt eines gebrochenen alten Mannes bietet. Er dominiert das gute Sprecher-Ensemble mit Barbara Nüsse (Großmutter), Justus Hebestreit (namenloser Junge) und Rainer Bock als Erzähler. Die Regie Ulrich Lampens konzentriert sich in den subtil gestalteten Dialogen auf die Psychogramme der Personen; Geräuschkulissen und Musikzuspielungen benötigt sie nicht, um eine nachvollziehbare Atmosphäre herzustellen.

21.06.2019 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK