Frank Witzel: Jule, Julia, Julischka (HR 2 Kultur)

Dreiersprung oder die Kunst der Brechungen

20.08.2019 •

Mag sich der Titel „Jule, Julia, Julischka“ auch wie ein Steigerungsreihe anhören oder wie eine kleine Anleihe an Thomas Bernhards Theaterstück „Ritter, Dene, Voss“, so ist er doch keines von beidem. Bernhard hat mit seinem Theaterstück den großen Burgtheater-Schauspielern Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gerd Voss Reverenz erwiesen. Frank Witzel jedoch hat weder Grammatik noch Bühne im Sinn. Der 1955 in Wiesbaden geborene Schriftsteller und Musiker hat einen anderen Fokus, er wagt einen literarischen Dreiersprung.

Zum einen geht Witzel darum, drei Personen in Brechungen und Spiegelungen zu einem einzigen Phänomen zusammenzudrechseln, zum anderen darum, mit Identitätsverschiebungen zu spielen, und zum dritten ist intendiert, das Navigieren des Schauspielers zwischen Rolle und Person, zwischen dem Dargestellten und dem Darsteller nachzubilden. Schauspielern ist diese Komplexität intellektuell oder intuitiv, oft in einer Mischung aus beidem, bekannt und vertraut. Zuschauern und Zuhörern hingegen kaum oder gar nicht. Das macht die Rezeption dieses neuen Hörspiels von Frank Witzel schwierig, gleichzeitig aber auch (oder vielleicht gerade deswegen) zu einem intellektuellen Vergnügen.

Spiegelungen und Brechungen waren bereits in Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ strukturelle Elemente. 2015 wurde der Autor dafür mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Die Jury begründete dies unter anderem damit, der Roman sei „ein hybrides Kompendium aus Pop, Politik und Paranoia“. Schon im folgenden Jahr wurde in der Bearbeitung durch den Autor zusammen mit dem Regisseur Leonhard Koppelmann vom Bayerischen Rundfunk (BR) eine Hörspielversion des Romans produziert. Das Stück wurde von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste als Hörspiel des Monats Juni 2016 ausgezeichnet (vgl. MK-Meldung) und erhielt 2017 auch den Deutschen Hörbuchpreis in der Kategorie „Bestes Hörspiel“.

Man durfte also auf Witzels neues, für den Hessischen Rundfunk (HR) produzierte Hörspiel gespannt sein, die Sprunglatte war hoch. Und mit „Jule, Julia, Julischka“ präsentieren Witzel und Koppelmann hier nun etwas scheinbar ganz anderes, eine Art Ménage à trois in unterschiedlichen Konstellationen und dennoch mit den immer gleichen Personen: Drei jüngere Frauen warten irgendwo, vielleicht in einem etwas heruntergekommenen Büro, auf ein Casting; sie sind nicht mehr jung genug, um jung zu sein, und nicht alt genug, um nicht noch immer irgendwie auf so etwas wie ewige Jugend zu hoffen. Schauspielerinnen, könnte man denken.

Aber das sind nicht alle, zumindest nicht im professionellen Sinn. Wollen sie tatsächlich ein Engagement? Oder nur etwas ausprobieren? Ihre Wirkung auf andere etwa, ihren Stellenwert testen? Das Gespräch der drei Frauen oszilliert, nimmt keine Kontur an. Mehr und mehr nähert es sich auch im Hörspielrepertoire immer wieder beliebten Themen wie der Identitätskrise, der Frage nach dem Ich, nach dem Du und überhaupt nach der Welt … und so. Erstaunlich, dass Frank Witzel sich solch profilarmen Fragestellungen zuwendet. Und sich dabei mit recht gelungenen Pirouetten über Klischees amüsiert, die er selbst so bereitwillig bereithält. Höhepunkt: Eine der Schauspielerinnen, die eigentlich keine ist, hat sich in den Freund einer der beiden anderen verliebt, die aber davon nichts weiß. Bis zu dem Gespräch im Vorzimmer des Castingbüros. Sapperlot!

Regisseur Leonhard Koppelmann geht gewitzt mit den Fähigkeiten der drei mitwirkenden Schauspielerinnen um, Banalitäten und ihre Überspitzungen dialogisch umzusetzen: Jule Böwe, Julia Riedler und Julischka Eichel, deren Vornamen für das 85-minütige Hörspiel titelgebend sind, können unter seiner Regie ihrem Talent zu einer gewissen schauspielerischen Akrobatik Raum lassen und damit dem Hörer durchaus Vergnügen bereiten. Wer Hörspielarbeiten von Koppelmann kennt, der weiß allerdings, dass für ihn die Sprunglatte hier zu niedrig hing. Aber der weiß ebenfalls, dass Koppelmann auch einem etwas schrägen bzw. schwächeren Text amüsante Facetten entlocken und in Tiefen schürfen kann, die vielleicht so tief doch gar nicht sind. Die Komposition zum Stück stammt von Frank Witzel, der ja auch ausgebildeter Musiker ist, und sie suggeriert eine Stimmung, mit der die eher bruchstückhafte Handlung zusammengehalten wird. Fazit: Es wird in diesem Hörspiel hoch gesprungen, aber nicht immer ist der Sprung jeweils gelungen.

20.08.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK