Sophie Calle/Ulrike Haage: True Stories (Bayern 2)

Kunstfiguren und Kunstproduzenten

05.07.2019 •

Die französische Konzeptkünstlerin Sophie Calle hat als Zimmermädchen und als Striptease-Tänzerin gearbeitet. Sie hat Unbekannte verfolgt und sich selbst von einem Privatdetektiv beschatten lassen. Und sie hat sich so verhalten wie eine Figur in dem Roman „Leviathan“ von Paul Auster, der sich Sophie Calle für ebendiese Figur zum Vorbild genommen hatte.

Der Hörfunk hat sich schon mehrfach mit dem Werk von Sophie Calle auseinandergesetzt: Die Schriftstellerin Elke Heinemann ist in ihrem Stück „Doppeltes Spiel“ (Deutschlandradio Berlin 2002) den wahren Geschichten von Sophie Calle und Paul Auster nachgegangen und die Autorin Carrie Asman hat mit dem Stück „Erlesener Schmerz – Stimmen einer Ausstellung“ Bilder und Texte von Sophie Calle für das Radio umgesetzt (RBB/WDR 2005). Beide Stücke sind für die Feature-Abteilungen der jeweiligen Sender entstanden.

Die Autorin und Komponistin Ulrike Haage nähert sich einem Werk von Sophie Calle in Hörspielform. Calles aus dem Jahr 2004 stammendes Text- und Fotobuch „True Stories“, das 36 Kurz- und Kürzestgeschichten enthält, ist die Vorlage für das gleichnamige, vom Bayerischen Rundfunk (BR) produzierte Hörspiel. Welchen Wahrheitsgehalt die Geschichten von Sophie Calle haben, ist uneindeutig. Im Hörspiel sind die Geschichten auf drei Figuren verteilt. Die deutsche Stimme gehört der Schauspielerin Birte Schnöink. Die Sängerin Françoise Cactus (Stereo Total) reichert ihr Deutsch und Englisch mit ihrem unverwechselbaren französischen Akzent an und auch der aus Australien stammende Schauspieler und Performer Damian Rebgetz pflegt seinen Akzent im Deutschen ebenfalls: drei Stimmen, drei Sprachen und drei Akteure, die im Hörspiel auf der gleichen Ebene agieren wie Sophie Calle in ihrem Werk, nämlich als Kunstfiguren und Kunstproduzenten zugleich – und nicht als Sprechdienstleister.

Insgesamt 22 der 36 Geschichten haben ihren Weg in das 47-minütige Hörspiel gefunden. Sie beginnen 1964 mit der elfjährigen Sophie, die sich mit einer Freundin systematisch durch die Kaufhäuser geklaut haben will. Im Alter von 15 Jahren sollten ihr die Ohren angelegt, die Nase gerichtet und die Beine unterhalb der Knie gebrochen werden, um die O-Beine zu korrigieren. Sophie weigert sich. Zwei Jahrzehnte später, 1983, wird sie von ihrem Vater wegen ihres Mundgeruchs zum Arzt geschickt – überraschenderweise zu einem Psychoanalytiker.

Der Mittelteil des Hörspiels, der die Jahre von 1989 bis etwa 1996 umfasst, besteht aus zehn Episoden, die als „Radio Road Movie“ um den Ehemann kreisen – vom Kennenlernen über die Durchquerung der USA in einem Cadillac bis zur Scheidung. Der dritte Teil nimmt Motive aus den ersten beiden Teilen wieder auf, geht über die literarische Vorlage hinaus und handelt von Trauer und Trost. Anlass dafür sind der Tod der Mutter von Sophie Calle im Jahr 2006 und der ihres Vaters, der 2015 im Alter von 94 Jahren starb. Sophie achtet auf seine Worte, denn es könnten die letzten sein. Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet er mit dem Satz „Je fais aucun progrès“ („Ich mache keine Fortschritte“), mit dem auch das Hörspiel endet.

Zwischen ebenso lakonisch wie anrührend erzählten Geschichten sind improvisierte Szenen eingefügt. Die drei Akteure wollen sich mit der von ihnen verehrten Sophie Calle treffen, die natürlich nicht kommen wird. Sie teilen gemeinsam das Gefühl, die Künstlerin gut zu kennen – eine weitverbreitete Suggestion, die von dem autofiktionalen Werk und den auf Empathie abzielenden Selbstinszenierungen der Sophie Calle ausgeht. So ist denn die Sprachbewegung der drei Akteure eine suchende und manchmal unsichere. Birte Schnöink beschreibt das Verfahren mit einem Rilke-Zitat: „Das Ereignis ist unserem Denken und unseren Ansichten so weit voraus, dass wir es niemals einholen und seine wahre Erscheinung erkennen können.“

Wie wahr diese Erscheinungen sind, bleibt jedoch vage und bestenfalls im Nachhinein rekonstruierbar. Beispielsweise wird im zweiten Teil des Hörspiels ein Liebesbrief, den sich Sophie von ihrem Mann gewünscht hatte, Wort für Wort von hinten nach vorne gelesen – er war an eine andere gerichtet. Sophie ersetzt die Initiale „H.“ der Adressatin durch das „S.“ ihres eigenen Namens und erhält so den Liebesbrief, den sie nie bekommen hatte. Man kann das als einen Akt der Fälschung oder einen der (künstlerischen) Wahrheitsproduktion auffassen.

Ulrike Haage hat durch die Überblendung dreier Sprachen und durch ineinandergemischte unterschiedliche Sprechhaltungen eine radiophone Form gefunden, die der Vermischung von Wahrem und möglicherweise Erfundenen in Sophie Calles Texten entspricht. Denn ebensowenig wie das Wahre und das Ausgedachte nicht in Opposition zueinander stehen, schließen sich das Konzeptuelle und das Empfundene aus. In Sophie Calles Werk ist das eine die Voraussetzung für das andere und das gilt auch für die Hörspielfassung von Ulrike Haage. Auch hier sind Komposition und Inszenierung die Voraussetzung für den Freiraum der Akteure, die das Stück auf beeindruckende Weise verlebendigen.

05.07.2019 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 19/2019

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