Fabrice Melquiot: Schwanengesänge (SR 2 Kulturradio)

Über das Altern

27.01.2017 •

Seit zehn Jahren richtet die Hörspielabteilung des Saarländischen Rundfunks (SR) in Kooperation mit dem Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken unter dem Titel „Primeurs“ jeweils im Herbst das Festival frankophoner Gegenwartsdramatik aus. Es werden Texte, zumeist französischsprachige Theaterstücke, als Hörspiel-Live-Inszenierungen an verschiedenen Spielstätten aufgeführt und am Ende bestimmt das Publikum, wer den „Primeurs“-Autorenpreis erhält. Im vergangenen Jahr wurde Fabrice Melquiot, Autor des Kammerspiels „Schwanengesänge“, zum Preisträger gekürt. In seinem Stück geht es ums Altern.

Melquiot wurde 1972 im kleinen Savoyen-Ort Modane geboren, er ist Schauspieler, Theaterleiter und Autor von etwa 50 Theaterstücken und Hörspielen für Kinder und Erwachsene, wofür er unter anderem den Theaterpreis der Académie Française erhielt. Sein Hörspiel „Schwanengesänge“ entstand als Studioproduktion in einer Kooperation des SR mit dem Deutschlandradio Kultur. Die Besetzung in dem Drei-Personen-Stück besteht aus Tatja Seibt, Oliver Urbanski und Wolf-Dietrich Sprenger, Regie führte Anouschka Trocker. Melquiot gewinnt in dem 76-minütigen Stück dem Thema ‘Altern’ zwar keine spezifische Originalität, aber doch eine hörens- und nachdenkenswerte Variante ab.

Das handlungsarme und ausschließlich in Dialogen und Gesprächen zu dritt dramaturgisch entwickelte Hörspiel beginnt am Morgen nach einem ungewöhnlichen One-Night-Stand, aus dem sich eine mehrmonatige Liebesbeziehung entwickelt. Anna Solari, eine 70-jährige Pariserin, war eine gefeierte Opernsängerin mit Diva-Allüren; ihre Stimmbänder sind seit langem stark lädiert und sie hat große Probleme, mit dem verblassten Ruhm und dem Altern fertigzuwerden. Sie ist keine „Femme fatale“, aber in der letzten Nacht hat sie den 40 Jahre jüngeren Bogdan, der ihr das Wohnzimmer gestrichen hat, zu einem Sexabenteuer verführt. Der enorme Altersunterschied bekümmert nun die Solari, die sich wegen ihres erkennbaren körperlichen Verfalls geniert und ihren Liebhaber schnell wieder loswerden möchte. Ganz anders bewertet Bogdan die Affäre. Er schwärmt von dem phantastischen Sex mit Anna, er bekennt sich zu seiner Gerontophilie, die Anna als psychopathologisches Phänomen einschätzt, nachdem sie ihn mit einer sehr alten, schon fast hinfälligen Frau im Bett überrascht hat.

Die Enttäuschung über ihren jungen Liebhaber motiviert Anna, einen neuen Anfang in dem Verhältnis zu dem gleichaltrigen André zu wagen, mit dem sie vor fast zwei Jahrzehnten in einer kurzzeitigen Partnerschaft verbunden war und dessen Verliebtheit in Anna nie aufgehört hat, seit er sie zum ersten Mal singen gehört hat. André ist schon erkennbar verwirrt, aber der Kunstmaler, dessen Stilmerkmal die Dekonstruktion der natürlichen Lebenswelt ist, hat noch Visionen und Träume, Veränderungswillen und Glückserwartungen, die er mit Anna teilen und mit deren Einverständnis erleben will. Er imaginiert, in China den Mandschureikranich tanzen zu sehen, um ihn zu malen und danach das Bild zu zerstören: „Wichtig ist nur der Vogel, den man davonfliegen sieht [...]. Der Vogel wird mit uns leben. Mit dir und mir.“ Mit diesem poetischen Bild endet der mehrdeutige, mit nachvollziehbarer Empathie geschriebene Text, dem die drei Sprecher und die ganz der Dialogqualität vertrauende Regisseurin alle sprachlichen Nuancen der Gefühle und Gedanklichkeit abgewinnen.

27.01.2017 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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