Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe (NDR Info)

Hörenswerte Variante

31.10.2016 •

Alina Bronsky wurde 1978 in Jekatarinenburg in Russland geboren, kam Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland, lebt heute in Berlin und arbeitete nach einem abgebrochenen Medizinstudium als Werbetexterin, Redakteurin und freie Schriftstellerin. Ihr verfilmter Debütroman „Scherbenpark“ (2008) war ein mittlerer Bestseller, es folgten die Romane „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“ (2010) und „Nenn mich einfach Superheld“ (2013); ihr jüngster Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ schaffte es im Jahr 2015 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und jetzt hat der Norddeutsche Rundfunk (NDR) den Roman in der Bearbeitung und Regie von Anja Herrenbrück als Hörspiel produziert.

Die Funkbearbeitung folgt im Wesentlichen der Erzähldramaturgie des Romans und in der Spielzeit von 55 Minuten transportiert das Hörspiel sehr viel (etwa zwei Drittel) vom Erzählinhalt des 160 Seiten umfassenden Buchs. Die 80 Jahre alte Ich-Erzählerin und Protagonistin Baba Dunja, sehr einfühlsam gesprochen von Barbara Nüsse, kehrt fast drei Jahrzehnte nach dem atomaren Super-GAU vom April 1986 in das kontaminierte Tschernobyl zurück, wo niemand mehr leben möchte – außer einer kleinen Kolonie alter, zum Teil moribunder Sonderlinge mit Baba Dunja als Mittelpunkt der Gemeinschaft. Die alte Frau, im Berufsleben eine Krankenschwester, zieht ihre Bilanz: „Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst.

Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.“ Baba Dunja hat eine in Deutschland lebende Tochter namens Irina und eine Enkelin, Laura, die sie nie gesehen hat. Als Irina ihre Mutter nach deren vorzeitiger Haftentlassung – sie war mit mehreren Kolonisten zu Unrecht wegen eines Mordes verurteilt worden – nach Deutschland holen will, lehnt die alte Frau ab und nimmt in Kauf, dass sie ihre Enkelin, ihre im Titel genannte „letzte Liebe“, wohl nie sehen wird. Ihr hatte Baba Dunja während ihrer Haft Briefe über das Lagerleben und ihre Straf­arbeit als Näherin und später über das elende Leben in der Todeszone geschrieben, in der die Outlaws die Fiktion eines würdigen Lebens und Sterbens aufrechtzuerhalten versuchen. Baba Dunja berichtet unter anderem über die Hochzeitsreise der Melkerin Maja (Marianne Sägebrecht) und neben dem bald hundertjährigen Sidorow (Wolf-Dietrich Sprenger) porträtiert sie mit großer Empathie den sterbenskranken Petrow (Peter Striebeck), der aus der Literatur Reste seines Lebenswillens bezieht.

Die verschiedenen Tonlagen des Erzählten werden von den gut besetzten Sprechern differenziert gestaltet, so dass komische, phantastische und tragische Effekte eine klug austarierte Melange ergeben, die Triviales neben das Grauen in den Kulissen des Horrorsets stellt. Der Regie gelingt dabei die Balance der stilistischen Formen (Erzählungen, Monologe, Phantasie-Gespräche mit Toten, Dialoge, Ensemble-Szenen), so dass sich als Fazit festhalten lässt: Das Stück ist eine hörenswerte Variante der Literatur zur Tschernobyl-Katastrophe.

31.10.2016 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

` `