Andreas Ammer/FM Einheit: Apocalypse Live (BR 2)

Große Form

22.12.1994 • „Das ist das Ende der Welt... Wir hoffen, Sie hatten einen schönen Aufenthalt. Und Hallelujah für Euch alle.“ Der ehemalige Mr. „Tagesthemen“ Hajo Friedrichs sprach das in seiner unverwechselbaren Art und beendete die aktuelle Sonderausgabe des Nachrichtenmagazins. „Das Ende der Welt wurde live übertragen“ – und viele waren dabei. Für alle freilich, die am 14. Oktober 1994 noch nicht live mit dabei sein konnten, als Andreas Ammer und FM Einheit im Bayerischen Staatsschauspiel (im Marstall) die Produktion „Apocalypse Live“, ihr neues „Hörspiel in Concert“, präsentierten, gab es die Aufzeichnung. Das Weltende, im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit beliebig oft wiederholbar, fand jetzt noch einmal im Hörfunk des Bayerischen Rundfunks (BR) statt, kurz vor Jahresende.

Wie schon bei „Radio Inferno“ (vgl. FK-Kritik) des Duos Andreas Ammer und FM Einheit ist man auch hier wieder unterwegs. Diesmal nicht mit Vergil durch Dantes Hölle, sondern mit dem Heiligen Johannes zum Weltenende: Auf den Radio-Höllentrip von 1993 folgte die Schau vom kosmischen Showdown. Die Reise hält abwechslungsreich Rezitative, Arien, Duette und Improvisationen bereit und fährt in Cover-Versionen durch die Klangwelten der Musikgeschichte. Kein Untergang schließlich ohne Händels „Hallelujah“. Gloria Gaynor und die Popindustrie versprechen: „I will survive“.

Der Münchner Autor Andreas Ammer hat seine eingestandene Liebe zur Weltliteratur nun mit dem biblischen Johannes-Text zum vielleicht vorläufigen Höhepunkt geführt. FM Einheit, der Schlagzeuger der Gruppe Einstürzende Neubauten, zeichnet wiederum für die Kompositionen verantwortlich. Phil Minton, Stimmenkünstler aus England, agiert in der Doppelrolle von „Hl. Johannes“ und „The Angel“, Alex Hacke spricht „Die Bibel“, David Greiner singt als Countertenor „Den Kastraten“", ein echter Pater schließlich, Karl Kleiner als „Der alte Grieche“, rezitiert den kanonisierten griechischen Urtext.

Die Themenfolge der großen Songs von den „apokalyptischen Reitern &  den 7 Siegeln“ sowie dem „apokalyptischen Weib & dem Drachen“, vom „Zorn Gottes“ und der „großen Hure Babylon“ erzählt uns mit allen erdenklichen musikalischen und stimmkünstlerischen Mitteln, mit Geräuschen und in dreisprachigen Texten assoziationsreich von den letzten Dingen. Wie ein Blues oder wie eine Ballade à la Bob Dylan kann das klingen, in Techno-Rhythmus und mit Scratching werden einzelne Textpartikel zum Klingen gebracht. Dazwischen nicht nur Werbung, sondern auch ein Fetzen „Walkürenritt“, immer wieder dichte gesampelte Teile sowie ein präpariertes Klavier und „Gitarre psychedelisch“, wie es in der Partitur heißt.

Telemann, Bach und Händel geben aber mehr als nur die Folie für Cover-Versionen einiger ihrer Arien. In „Apocaklypse Live“ feiert die große Form der Oper noch einmal fröhlich Urständ. Eine barocke, spielerische Lust ist spürbar und teilt sich dem Publikum mit. Die gute Unterhaltung korrespondiert mit dem Tanz auf dem Vulkan. Ein brillantes akustisches Feuerwerk ist entstanden. Wenn dieser soundpoetische Weltuntergang mit Beginn des nächsten Jahres auf Tournee gehen wird, sollte man ihn nicht versäumen.

• Text aus Heft Nr. 51-52/1994 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

22.12.1994 – Hans-Ulrich Wagner/FK

Print-Ausgabe 24/2018

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