Thomas Harlan/Michael Farin: Hiob Gesicht Gottes (Deutschlandradio Kultur)

Das Eins-Werden durch Sprache. Ein Klagelied.

04.04.2015 •

„Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Derselbe war rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.“ So steht es in der Bibel-Übersetzung Martin Luthers im Buch Hiob, 1. Kapitel, Vers 1, und so beginnt einer der tiefsten und leidvollsten Texte des Alten Testamentes. Hiob ist der Inbegriff dessen, dem Gott Leid zufügt und den er straft, ohne dass der Betreffende selbst irgendjemandem ein Leid angetan hätte.

Unzählige Varianten beleben die Kraft und die interpretatorische Spannweite des Hiob-Themas. Scholem Alejchems 1864 begonnener und ursprünglich in Jiddisch geschriebener Roman „Tewje, der Milchiker“, in dem der Autor einen bäuerlichen, armen Hiob zur Zeit der russischen Pogrome in der Ukraine darstellt, war bereits ein „Bestseller“, als er ab 1964 unter dem Titel „Anatevka“ die internationale Musical-Bühne eroberte. Joseph Roths Buch „Hiob“ (1930) trägt den Untertitel „Roman eines einfachen Mannes“. Hier wird das von Schicksalsschlägen geprägte Leben des jüdischen Bibellehrers Mendel Singer und seiner Familie erzählt, das sich von einem fiktiven Schtetl im zaristischen Russland bis ins New York nach dem Ende des Ersten Weltkriegs spannt.

Und dann kommt eine weitere Version mit völlig unterschiedlichem, ganz eigenem Charakter: Der Autor ist Thomas Harlan, Romancier, Theater- und Filmautor, 1929 in Berlin als Sohn Veit Harlans geboren, des Regisseurs des Nazi-Propagandafilms „Jud Süß“. Ein Leben lang hat Thomas Harlan, der 2010 verstarb, unter dem Schatten des seinerzeit während des „Dritten Reichs“ umjubelten Vaters gelitten. Das gesamte künstlerische Schaffen des Sohnes durchzieht das Rechten mit dem ungewollt und schuldlos aufgestülpten „Erbe“, vor dem es kein Entrinnen gab. Auch ein Pseudonym hätte ihn nicht geschützt – und so stellte er sich. Unter anderem in „Veit“, einem Text, der 2011 vom Bayerischen Rundfunk (BR) unter der Regie von Bernhard Jugel als Hörspiel produziert wurde (vgl. FK 11/11). In einem verzweifelten Werben um die niemals gezeigte Liebe des Vaters schrieb er sich diesen Text von der Seele. Hochemotionale Komponenten wechseln darin mit elegischen und kühl räsonierenden Passagen.

Noch als Thomas Harlan gesundheitlich schon am Ende seiner Kräfte war, beschäftigte ihn sein Lebenstraum: Er wollte einen Film über Hiob drehen. In einem Berchtesgadener Sanatorium führte Harlan einen letzten Kampf gegen ein gnadenloses Emphysem. Dort erzählte er seinem jüngeren Kollegen Michael Farin, der Text des Films solle sich auf die Übersetzung des Bibeltextes des italienischen Dichters Guido Ceronetti stützen. Ihn hatte er in den Jahren kennen gelernt, in denen er sich der linken politischen Gruppierung „Lotta Continua“ („Der Kampf geht weiter“) angeschlossen hatte.

Harlans Variation des Textes von Ceronetti ist nun die Grundlage des Hörstücks „Hiob Gesicht Gottes“ in der Bearbeitung und Regie von Michael Farin geworden. Mit Ceronettis „unfassbar schöner“ Übersetzung feiert Thomas Harlan „das Ineinanderfließen der Gedanken. Durch die Jahrhunderte. Das Eins-Werden durch Sprache. Über Jahrhunderte hinweg. Das Entzweit-Werden selbst engster Gefährten. In kürzester Zeit. Die Selbstgespräche unter Gleichgesinnten“ (Michael Farin). Der Film hätte eine Hommage auf Hiob werden sollen. Ein Echo seiner Klagen. Ein Lobpreis seiner Auflehnung. Man könnte auch sagen: ein letzter Schrei nach Verständnis seiner, Thomas Harlans lebenslanger Not. Ein Rechten mit Gott. Ein Aufbegehren gegen das Schicksal.

Farin ordnet Harlans nachgelassenen Text meist in Zwei-, gelegentlich auch in Drei- und Vierzeilern, die inhaltlich zusammengefasst sind. Es ist ein klares, unverschnörkeltes Bearbeitungsschema, das dem Lamento Raum lässt, ohne dabei Raum für Lamentieren zu geben.

Blixa Bargeld, einst als Leadsänger der Band Einstürzende Neubauten und Star der Rockszene, hat sich längst zum eindrucksvollen Schauspieler und Sprecher gewandelt. Schon in seinem Part als Erzähler der WDR-Hörspielproduktion „Elementarteilchen“ von Michel Houellebecq (vgl. FK 8-9/01) war zu erkennen, wie wandlungsfähig seine Stimme ist und wie sie dennoch ihr ganz eigenes Timbre bewahrt. Noch ausgereifter ist diese Fähigkeit hier in „Hiob Gesicht Gottes“ und sie lässt die knapp 50-minütige Klage zu einer nur gesprochenen und dennoch fast musikalisch wirkenden Interpretation werden. Die Komposition von Zeitblom bleibt im Hintergrund, ist aber ständig präsent.

Nachdem, wundersam, Gott seine Geiselung Hiobs beendet hat, beschenkt er ihn reichlich. Auch das trägt Blixa Bargeld vor im Ton, wie man ihn sich von einem antiken Histrionen vorstellen könnte. Zeitlos, klar, luzide und eindringlich. „Hiob Gesicht Gottes“ schließt, anklingend an den Wortlaut des Alten Testaments, mit den Sätzen: „Daraufhin lebte Hiob vierundvierzig Jahre und erlebte seine Söhne und die Söhne seiner Söhne vier Generationen. Dann starb Hiob alt und des Lebens müde.“

Die Erstsendung dieses Hörstücks wurde vom federführenden Hessischen Rundfunk (HR) am 1. März in dessen Programm HR 2 Kultur ausgestrahlt. „Hiob Gesicht Gottes“ ist Teil des von dem Sender im vorigen Jahr gestarteten Großprojekts „Bibel“, das bis 2016 einen Programmschwerpunkt bei HR 2 Kultur bildet (vgl. hierzu FK 51-52/14).

04.04.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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