Andreas Ammer/FM Einheit: Radio Inferno (BR 2)

The Dante Horror Show

05.11.1993 • Brad und Janet, jene so naiven Protagonisten der in einem wahren Kult gefeierten Rockoper „The Rocky Horror Show“, haben nunmehr womöglich ausgedient. Denn: Es lebe Dante! – Dante ist ‘in’! Manchem, dem dieser Name nur als italienischer Dichter beim Kreuzworträtsel bis­lang begegnet war, wird zugerufen: Dante (1265-1321) ist ein Vorläufer der Postmoderne. Ein audiophoner ‘Trip’ mit ihm durch die Hölle ist für zirka 30 DM als CD zu erwerben, der infernalische Gang durch die neuen Höllenkreise um uns ist ab sofort beliebig abrufbar.

Für die furchtlosen Radiohörer gab es dieses Spektakel in der Late Show des freitäglichen BR-2-Hörspieltermins sogar als Premiere zu hören. Andreas Ammer, der junge Münchener Autor, knüpft an seinen Erfolg mit dem „Orbis-auditus“-Hörspiel an (vgl. FK-Kritik). Wie vor ein paar Jahren in der zum „Hörspiel des Jahres“ gekürten Produktion überzeugten auch in „Radio Inferno“ zunächst einmal der Einfall und die Grundidee, hier nun Dante und den ersten Teil seiner „Divina Commedia“ zum literarischen Ausgangspunkt für einen (post)modernen Horrortrip zu nehmen. Von der musikalischen Umsetzung einer solchen Folie dann zusammen mit FM Einheit, von der rhythmischen, klanglichen und geräuschsymphonischen Ausgestaltung der infernalischen Eindrücke, von dieser ‘Machart’ einer – wie es in der zeitgenössischen Hörspieldiskussion oft heißt – „Musikalisierung der Hörspielform“ (Stephan Hardt) muß an dieser Stelle berichtet werden.

„You are listening ‘Radio Inferno’“, meldet zwischen weißem Rauschen und den ständig wechselnden Programmen beim Drehen am Transistor eine Stimme. Dante und sein Führer Vergil können keinen Schritt tun, ohne daß das Medium dabei wäre. Kurz peitschende und auf Effekt haschende Erkennungsjingles, die von CNN und anderen Nachrichtenkanälen (allerdings weniger von dem langweiligeren hausinternen BR-Programm Bayern 5) entlehnt werden – wenn diese ihre „News“ als Schlagzeilen verkünden, sie bilden ein Leitmotiv. Dazwischen entspannen sich die höllischen Szenarien, die der klassische Text anbietet. Natürlich wird dabei kräftig aktualisiert, wenn uns beispielsweise im 1. Kreis der Hölle, wo sich die ungetauften Künstler befinden, James Joyce und Marcel Duchamps begegnen.

Textpassagen und sprachliche Bedeutung bleiben insgesamt jedoch sekundär in einer Produktion, die sich der musikalischen Semantik verschrieben hat. Entscheidend ist beispielsweise nicht der italienische Originaltext, der des öfteren zitiert wird, sondern die stimmlich-rhythmische Rezitation durch einen italienischen Lautpoeten (Enzo Minarelli). Überhaupt verteilt sich die „Commedia“-Vorlage auf polyglotte Sprecher. Zum Italienisch gesellt sich nämlich das an einen Shakespeare-Rhapsoden erinnernde Englisch, die deutschen Teile wiederum spalten sich auf in „Dantes Augen, Hirn und Mund“ und ein Dante-Ich (Blixa Bargeld). Dazwischen wieder der englische Nachrichtensprecher von „Radio Inferno“ (John Peel) sowie schließlich Vergil (Phil Minton) und die Hölle selbst, die – wie könnte es anders sein?! – natürlich weiblich besetzt ist (Yvonne Ducksworth).

Alle Textpartien sind musikalisch gestaltet (FM Einheit; E-Gitarre: Caspar Brötzmann). Das Repertoire zieht dabei alle Register, ein wahrer Gang entlang der „Pictures at an Exhibition“ entsteht. Scratching und Wagnersche Fanfarenklänge, harter Beat und klassische Streicherklänge ziehen in ihrer infernalischen Mischung den Hörer immer schneller zum luziferischen Mittelpunkt der Höllenkreise. „Die ewig wiederkehrenden Gesänge“, von denen schon Dante wußte, entwickeln in der Produktion „Radio Inferno“ mit ihren einzelnen Musiktakes einen regelrechten Sog zum Hineinhören. Auf CD gepreßt, wie es der Medienverbund des Bayerischen Rundfunks (BR) mit dem Label „Rough Trade“ ermöglicht, werden sie problemlos zum „Hör-Spiel in Permanenz“. Ein schaurig-schönes Spiel ist entstanden, eine neue Horror-Rock-Oper und nicht zuletzt gelungener „Hörspiel-Pop“, wie ihn die Münchener Dramaturgie seit längerem propagiert.

• Text aus Heft Nr. 44/1993 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

05.11.1993 – Hans-Ulrich Wagner/FK

Print-Ausgabe 24/2018

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