Andreas Ammer: GOTT (Bayern 2)

Der Flow der Denkfiguren

06.09.2013 •

Ein Wunder ist es eigentlich nicht, dass Andreas Ammer, der als Hörspiel- und Fernsehmacher („Druckfrisch“, ARD) ursprünglich von der Literatur herkommt, der Gott einer Buchreligion in einer Bibliothek erscheint. Aber darüber, dass einem Agnostiker wie ihm überhaupt eine solche Epiphanie zuteil wird, darüber wundert sich Ammer selbst am meisten.

Es war eine Leipziger Bibliothek, in der Ammer die „Allgemeine Encyclopädie der Wissenschaften und Künste“, ab 1818 herausgegeben von Johann Samuel Ersch und Johann Gottfried Gruber, ins Auge sprang – und zwar der „75. Theil der 1. Section ‘GOSA – GOTT’“. 1889 wurde nach 167 Teilbänden das wohl ambitionierteste lexikografische Projekt des analogen Zeitalters mit dem Eintrag „Phyxius“ aufgegeben. 400 Wissenschaftler haben über 70 Jahre an dem Werk gearbeitet und der immerhin 84-seitige Artikel über GOTT von Ch.H. Weise ist bei weitem nicht der längste. Allein für das Stichwort „Griechenland“ wurden acht Bände verbraucht.

Dass in einer Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste überhaupt das Lemma „GOTT“ vorkommt, hat Andreas Ammer zunächst überrascht, wie er in einem Interview mit Annegret Arnold („GOTT auf der Spur“) erzählt hat. Wann Ammer, der sich schon öfters in Hörspielen mit Texten der christlichen Überlieferung auseinandergesetzt hat – mit der Offenbarung des Johannes in „Apocalypse Live“ (vgl. FK-Kritik), mit Heiligenlegenden in „7 Dances of the Holy Ghost“ und mit Dantes „Die göttliche Komödie“ in „Radio Inferno“ (vgl. FK-Kritik) – seine Epiphanie erreichte, hat er nicht verraten. An einem Lexikon hat sich Ammer selbst auch schon versucht. Sein erstes Hörspiel, „Orbis Auditus – Das Lautlexikon“ aus dem Jahr 1990 (entstanden in Zusammenarbeit mit Carl-Ludwig Reichert) war eine „Enzyklopädie der Geräuschkunst“. Darin beginnt der Buchstabe G mit hörbarem Gegacker und behandelt die beiden Schlagwörter „Geräusch“ und „Gespenster“, aber nicht „Gott“ oder „Glossolalie“.

An einer üblichen Literaturbearbeitung kann man Ammers Gottsuche zwischen den Buchdeckeln einer Enzyklopädie nicht messen (keine Figuren, kein Plot). Denn Weises Satzbau folgt nicht dem parataktischen Stakkato von typischen Radiosätzen (Subjekt, Prädikat, Objekt), sondern ist in der umständlichen „philosophischen Umgangssprache der Zeit“ verfasst, der lange Satzperioden mit mehreren Einschüben erforderte. Andreas Ammer hat den Text von der Sängerin Katharina Franck lesen lassen, die ihn spricht wie eine interessierte Leserin, die sich dem Text als interessierte Laiin nähert, sich bemüht, ihn zu verstehen, daran manchmal hörbar scheitert, aber auch Momente der Erkenntnis aufblitzen lässt.

Darunter liegt eine Musikspur, eine Art Ambient-Soundtrack, nämlich ein Set der DJs Console und NU, sowie Musik des Vibraphonisten Karl Ivar Revseth. Im Ergebnis bekommt das rund 55-minütige Hörspiel einen Flow, der mal von der Musik, mal vom Text dominiert wird und den Hörer bestenfalls in die Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts hineinzieht. Eine Zeit der Hegelschen Dialektik, in der Nietzsche den Tod Gottes verkündet hatte, während die Enzyklopädisten um Ersch und Gruber sich bemühten, in einem „Riesen- und Ehrenwerk teutscher Gründlichkeit und teutschen Fleißes“ das Weltwissen in ein Buch zu packen.

Denn der Anspruch von Ch.H. Weise ist ein allgemein-theologischer, kein christlicher. Jesus kommt nicht vor, ebenso wenig Allah. Dennoch hält der Verfasser am Konzept eines personalen Gottes fest. Für einen Lexikonartikel tauchen erstaunlich häufig die Personalpronomen „ich“ und „wir“ auf – und über allem spürt man das intensive Bemühen Weises, das aufzuschreiben, was man über Gott wissen kann. Die Hochachtung, die Andreas Ammer dafür empfindet, wird nicht dadurch geschmälert, dass er den in weiten Passagen nur schwer verständlichen Text, positiv formuliert, für dadaistisch, oder, negativ formuliert, für schwachsinnig hält. Im Hörspiel kommentiert er, sozusagen aus dem Off, im Gespräch mit Carl-Ludwig Reichert ein wenig spöttisch die theologischen Verrenkungen des Textes.

Dennoch bekommt man, wenn man sich gerade nicht dem musikalischen Flow überlässt, auf einer Metaebene jede Menge Anregungen zu bestimmten Denkfiguren des 19. Jahrhunderts (beispielsweise über Gottes autopoietische Ursprünge, über das Böse, die Materie, die Weltschöpfung und die Weltregierung), die sich auch im 21. Jahrhundert noch fruchtbar weiterverfolgen lassen. Im 75. Teilband des Ersch-Gruber ist der umfangreiche Text über GOTT nicht das letzte Wort. Nach dem 84-seitigen Artikel von Ch.H. Weise folgt noch einer. Er lautet vollständig: „Gott (Johann von), s. Barmherzige Brüder Bd. 7. S. 402 fg.“

• Text aus Heft Nr. 36/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

06.09.2013 – Jochen Meißner/FK