Das Hörspiel als Gradmesser: Was vom Jahrgang übrig blieb

31.03.2016 •

Von Jochen Meißner

Er wisse schon, was er seinen Hörer zugemutet habe, gestand Regisseur Walter Adler bei der Preisverleihung für das Hörspiel des Jahres (vgl. MK-Meldung) am 27. Februar im Frankfurter Literaturhaus. Seine Inszenierung von Lothar Trolles Theatertext „Dshan“ nach dem Roman des russischen Schriftsteller Andrej Platonow schwebt knapp 80 Minuten „auf einem Atem“. Will heißen: Adler und sein Tontechniker haben vier Tage damit zugebracht, jeden Atmer aus dem Hörspiel herauszuschneiden, was dem Stück über die zahlreichen Sprecher hinweg eine merkwürdige Homogenität gibt. Der nichtlinear erzählte Text spielt in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und handelt von dem nomadisierenden Volk der Dshan in der turkmenischen Wüste. Einem Volk, das nicht entdeckt werden will und dennoch von dem jungen Ingenieur Nasar Tschagatajew (Florian Lukas) für den Sozialismus gerettet werden soll.

Hermann Beil, Präsident der Akademie der Darstellenden Künste, die seit 1977 das Hörspiel des Monats auszeichnet und seit 1987 aus den zwölf Hörspielen des Monats jeweils das Hörspiel des Jahres kürt, bildete im vergangenen Jahr zusammen mit Nathalie Singer, Lehrstuhlinhaberin für Experimentelles Radio an der Bauhaus-Universität Weimar, und dem Schriftsteller und Hörspielautor Oliver Bukowski die Jury des Wettbewerbs. Beil lobte auf der Frankfurter Veranstaltung Trolles Text als „eine Überschreibung [von Platonows Roman], die kraftvoll und souverän an ihrer Eigenständigkeit als Hörspiel keine Zweifel ließ“. Lothar Trolle und sein Regisseur Walter Adler verwandelten Platonows „bedächtig beobachtende Erzählweise radikal und beeindruckend stringent in einen atemlosen Erzählstrom, der sich unweigerlich auch zu einem Hörstrom steigert“.

Atemloser Erzählstrom

„Platonows Menschheitsparabel“, fuhr Beil fort, werde so „zu einem an die Schmerzgrenze reichenden akustischen Marathon, der die eigentlich in einer früheren und abgelegenen Welt angesiedelte Handlung angesichts der gegenwärtigen Bilder von gewaltigen Flüchtlingsströmen durch Wüsten und über Meere unabweisbar gegenwärtig erscheinen lässt.“ Nun kann man geteilter Meinung sein, ob es eine so gute Idee war, einen diskontinuierlichen Text in ein akustisches Kontinuum zu verwandeln, auf dass man sich in ihm verirren kann wie in der turkmenischen Wüste. Das Konzept aber ist konsequent und virtuos umgesetzt.

Erstmals in der Geschichte des Hörspiel-des-Monats-Wettbewerbs hatte die Jury im vorigen Jahr weniger als einhundert Neuproduktionen zur Auswahl. Statt der bei zehn öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD-Sender und Deutschlandradio) maximal möglichen 120 Ursendungen wurden diesmal insgesamt nur 98 eingereicht. Dass die kleinen Sender wie Radio Bremen und der Saarländische Rundfunk nur drei bzw. fünf Produktionen zum Hörspiel des Monats 2015 beitragen konnten, ist schon traurig genug. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) musste in einem Monat auf eine Nominierung verzichten, der Rest der Fehlanzeigen geht auf das Konto des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Sieht man sich die Nominierungen genauer an, so musste man beim MDR für die Einreichungen auch auf „Radio-Tatort“-Folgen und zwei Kinderhörspiele zurückgreifen. Letzteres jedenfalls wird es in diesem Jahr nicht mehr gehen, weil sich der MDR aus der Produktion von Kinderhörspielen zurückgezogen und die entsprechenden Sendeplätze gestrichen hat. Als Ersatz stellt man den Ausbau eines Internet-Angebots für Kinder in Aussicht.

Sparen, sparen, sparen

Mutwilliger kann man sich nicht von der künftigen Hörerschaft verabschieden und seinen rundfunkbeitragsfinanzierten Kulturauftrag vernachlässigen, als wenn man ausgerechnet an den Programmteilen spart, die die Legitimation eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks bilden. Für ein paar Promille des insgesamt fast 7 Milliarden Euro schweren Etats für die ARD-Anstalten inklusive Deutschlandradio riskiert man hier einen überproportionalen Reputationsverlust – was aktuell auch wieder angesichts der Entkernung zu beobachten ist, die der Westdeutsche Rundfunk (WDR) beim Programm Funkhaus Europa betreibt (vgl. MK-Artikel). Oder meint etwa jemand, den WDR-Verantwortlichen würden in zehn Jahren Kränze gewunden, weil sie bei Funkhaus Europa 900.000 Euro eingespart hätten?

Beim Deutschlandradio hat man auch gerade ein bisschen gespart, indem man die vierteljährliche Hörspielbroschüre zu einer halbjährlichen gemacht hat. Was natürlich auch die Flexibilität in der Programmplanung einschränkt. Der WDR hat zwei Jahre nach der Abschaffung seiner zweimal pro Jahr erscheinenden Hörspielbroschüre mit Ablauf des Jahres 2015 auch sein Monatsheft eingestellt – Imagebildung, Programmübersicht und Hintergrundberichterstattung übers Hörspiel finden seither nur noch im Internet statt.

Gespart hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk auch die energie- und damit kostenintensive Verbreitung von Hörfunkprogrammen über die Mittelwelle (MW). In Berlin-Britz sprengte man am 18. Juli des vergangenen Jahres den noch verbliebenen MW-Sendemast, der einst die ganze DDR mit Westradio versorgt hatte. Und an Silvester 2015 schaltete als letzte öffentlich-rechtliche Anstalt der Deutschlandfunk (DLF) kurz vor Mitternacht auch noch die letzten Mittelwellensender ab – ohne Verabschiedung, ohne Ankündigung, mitten hinein ins Wort von Hubert Winkels, der gerade zusammen mit seinen DLF-Redakteurskollegen Denis Scheck und Hajo Steinert den Literatur-Jahresrückblick „Bestes und Allerletztes“ präsentierte.

Religion und Gewalt

Aber investiert wurde auch ein wenig, sogar ins Hörspiel. Deutschlandradio Kultur ließ mit „Blowback“ ein Hörgame für Smartphones entwickeln, das sich in der Form eines Science-Fiction-Thrillers an die Computerspieler wandte, erzähltechnisch aber nicht zu überzeugen vermochte und trotzdem zum Hörspiel des Monats Januar gewählt wurde (vgl. MK-Meldung). Im Februar zog der WDR mit der Produktion „39“ nach, einem „HörSpiel für mobile devices“, das auf Spielanteile verzichtete und sich auf die Navigation durch die labyrinthische Erzählung konzentrierte – und nicht als Hörspiel des Monats ausgezeichnet wurde. Kombinationen von Ton und Bild gab es auch in dem zu Gerhard Meiers Hörspiel „Ob die Granatbäume blühen“ erstellen Multimedia-Projekt, das, kostengünstig vom Regisseur Janko Hanushevsky produziert, im Netz des Deutschlandradio-Labs zu sehen und zu hören war – und dort inzwischen nicht mehr zu finden ist.

Hatte das Hörspieljahr 2014 am 1. Januar mit dem lyrisch ebenso dichten wie musikalisch vielschichtigen Hörspiel „Arabische Apokalypse“ von Etel Adnan gleich ganz stark begonnen, so musste man im Jahr 2015 bis zum 3. Dezember warten, um ein Hörspiel ähnlicher sprachlicher Wucht und musikalischer Komplexität zu hören: An diesem Tag lief bei SWR 2 das autobiografische Stück „Mit anderen Augen“ des Komponisten Helmut Oehring. Doch das schrammte ebenso an der Wahl zum Hörspiel des Monats vorbei wie das Stück „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, das, ursprünglich als Hörspiel konzipiert, auf den Theaterbühnen Erfolge feierte. Auch Bonn Parks Humoreske „Traurigkeit und Melancholie“ und Sibylle Bergs Hörspiel „Und jetzt: Die Welt!“konnten bei der Jury für das Hörspiel des Monats nicht punkten.

Ungemütliche Zeiten

Betrachtet man mit etwas Abstand den insgesamt eher durchschnittlichen Hörspieljahrgang 2015 noch einmal, so empfiehlt es sich, eine größere Perspektive einzunehmen und die Hörspielproduktionen in ihrer Gesamtheit als Symptom oder als Gradmesser gegenwärtiger Diskurse zu betrachten. Bei den Hörspieltagen im Mai in der niederösterreichischen Stadtgemeinde Neulengbach in der Villa Berging kam kaum ein Hörspiel ohne religiösen Bezug auskam. In Mark Watsons Stück „Elf Leben“ wurden die Buchstaben C, H, R, I, S, T von einem Flugzeug in den Himmel gemalt und die Figur des allwissenden Erzählers war hier endlich einmal plausibel legitimiert – es konnte nur Gottvater selbst sein. „Ein verrauchtes Idyll“ von Robert Schoen feiert die Transzendenz in einer Weise, wie man es im Hörspiel noch nicht gehört hatte.

In dem Stück „Aller Seelen“ von Werner Fritsch vereinigt sich der im Titel angedeutete religiöse Diskurs mit der – akustisch überinstrumentierten) – mörderischen Gewalt der Nazis gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Österreich. Nimmt man die thematische Unterströmung der Gewalt hinzu, wie sie sich in der Auswahl der Stücke bei den ARD-Hörspieltagen des vorigen Jahres offenbarte (vgl. MK-Artikel), dann stellt man fest, dass die ungemütlichen Zeiten, in denen wir leben, im Hörspiel schon präsent waren. Am Ende der ARD-Hörspieltage im November erreichten die Nachrichten der Terroranschläge von Paris die Hörspielgemeinde in Karlsruhe.

31.03.2016 – MK