Böhmermann und der Unsagbarkeitstopos

08.04.2016 •

Es war zwei Wochen vor jener Ausgabe vom „Neo Magazin Royale“ (ZDFneo/ZDF), die in den letzten Tagen so heftige Diskussionen ausgelöst hat. Jan Böhmermann ging am 17. März in seinem Eingangssolo auf eine Meldung in den Boulevardblättern ein, der zufolge sich zwei Prominente der deutschen Fernsehbranche in einem Kölner Hotel eine Schlägerei geliefert haben sollten. Doch noch ehe Böhmermann ein Wort dazu verloren hatte, tauchte in der Show ein kleinwüchsiger Mann aus der Versenkung auf und protestierte gegen die beabsichtigte Darstellung des Vorfalls, denn das sei eine „eklatant rechtswidrige Verdachtsberichterstattung“. Jan Böhmermann, der den Mann als „unseren Scherzanwalt“ bezeichnete, nahm gemeinsam mit seinem Sidekick Ralf Kabelka dies zum Anlass, die Geschichte dennoch detailliert nachzuerzählen, nur dass die beiden die Schilderungen jeweils mit dem Satz einleiteten, sie dürften also nicht erzählen, dass jener Prominente „rotzbesoffen“ den anderen getreten und gekratzt haben sollte. Die Erzählung schloss Böhmermann mit den Worten ab: „Dann machen wir es also auch nicht.“

Die Nummer bediente sich eines Mittels, das man in der Rhetorik „Unsagbarkeitstopos“ nennt. Mit ihm drückt man aus, dass einem zu einem bestimmten Thema die Worte fehlen, um dann anschließend – meist umständlich und weitschweifend – genau dazu Worte zu verlieren. Es handelt sich mithin um einen nur sprachlich konstruierten Widerspruch, der sich in der derzeitigen politischen Debatte zeigt, wenn Menschen erklären, man dürfe dieses oder jenes in der „Lügenpresse“ nicht sagen, was sie dann aber genau dort aussprechen.

Böhmermann machte sich dies in der Show vom 17. März zu eigen, um die Klagen wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten zu persiflieren, die gerade jene Prominente gerne anstrengen, die sich sonst jede Mühe geben, um in die Medien zu gelangen. Deshalb auch die Bezeichnung „Scherzanwalt“, die auf einen relativ bekannten Juristen anspielt, der mit seiner Kanzlei gerne solche Klagen anstrengt. Die beiden Personen, deren Namen in dieser Ausgabe vom „Neo Magazin Royale“ genannt wurden, reagierten darauf nicht. Ja, selbst in der Branche sorgte dieses Spiel um Persönlichkeitsrechte nicht für Aufsehen.

Ganz anders dann die Reaktion auf die Sendung vom 31. März, in der Böhmermann zum Rechtstatbestand der „Schmähkritik“, die verboten sei, sprach und zu diesem Zweck ein Gedicht verlas, das eine solche verbotene Schmähkritik artikulierte und im Titel auch noch so hieß. In dem Gedicht schmähte und beleidigte der Moderator den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan ohne Sinn und Verstand, aber mit vielen Sexualanspielungen, solange sich nur jede Schmähung und Beleidigung ordentlich reimte. Anlass dieser Nummer war der Protest des türkischen Staatspräsidenten gegen einen eher harmlosen Satire-Song über ihn in der am 17. März im Ersten ausgestrahlten Folge der Sendereihe „Extra 3“ (NDR). Wenn Erdogan schon dagegen intervenierte, so mag sich die Redaktion vom „Neo Magazin Royale“ gedacht haben, wird er dann gegen uns etwas unternehmen, wenn wir die Schmähkritik mal richtig ernst nehmen und sie zudem einbinden in einen Rechtsdiskurs über das, was verboten ist und was nicht? Dummerweise war das Gedicht nicht nur eben Teil eines Rechtsdiskurses, sondern zugleich der Beweis dafür, dass solche Pennälerlyrik jenseits aller Einbettungen und Subtexte dann doch auch ihr Publikum findet. Die Zuschauer im Fernsehstudio kicherten bei der Aufzeichnung bei jeder Sexualschmähung, die da geäußert wurde, so begeistert, dass der Moderator einmal die Lesung unterbrechen musste.

Schon am Tag nach der Erstausstrahlung trat der von Böhmermann und seiner Crew erwünschte Effekt ein: Alle Welt sprach und schrieb über die Schmähkritik und die meisten fanden, dass der Moderator, dem gerade sein zweiter Grimme-Preis zuerkannt worden war, diesmal zu weit gegangen war. Was Böhmermann selbst gar nicht bestreiten konnte, hatte er doch genau das selbst erklärt. Das ZDF erkannte, dass stimmte, was der Moderator behauptete hatte, dass das Gedicht tatsächlich einen ausländischen Staatspräsidenten schmähte und dass dieser, wenn er dagegen Strafantrag stellte, vielleicht Recht erhielte. Und deshalb nahm der Sender – ausgerechnet am 1. April – die entsprechende Szene aus der Sendung heraus, so dass sie weder bei der Wiederholungsausstrahlung des „Neo Magazins Royale“ am Freitagabend zu sehen war noch in der Fassung, die man in der Mediathek findet, enthalten ist.

Als sich dann auch noch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Telefongespräch mit dem türkischen Ministerpräsidenten von dem Gedicht distanzierte und es, wie Regierungssprecher (und Ex-ZDF-Nachrichtenmoderator) Steffen Seibert mitteilte, als „bewusst verletzend“ kennzeichnete, und kurz darauf bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Mainz gegen Böhmermann Vorermittlungen aufgenommen habe, schien der Moderator die Spitze der Aufmerksamkeit erklommen zu haben. Die Branche redete über nichts anderes mehr als darüber, ob Böhmermann das gedurft hätte, ob das von ihm selbst erkannte Verbot einer solchen Schmähkritik auch die Zensur des Stücks zwangsläufig nach sich ziehen müsse, ob – und hier enden solche Debatten im Grundsätzlichen – Satire alles dürfe, wenngleich das Gedicht ja nun gerade keine Satire war, sondern eben eine Schmähung, wie dessen Titel richtig besagte.

In seiner jüngsten Ausgabe (am 7. April) unterließ Jan Böhmermann jeden direkten Verweis um die Gedichtaffäre; stattdessen verwandelte das Team des „Neo Magazins Royale“ ein Gespräch des Moderators mit dem Gast Anne Will in einen rasend schnell geschnittenen und in sich vollkommen absurden Parforceritt durch die derzeitige Fernsehlandschaft, bei dem sich die beiden Gesprächspartner mal bei „Anne Will“, mal im „Promi-Dinner“, mal in der Folge einer Serie wiederfanden, um am Ende auf die Frage, ob man in Talkshows stets dasselbe frage, keine Antwort zu finden.

Am 8. April (Freitag) wurde dieser Parforceritt gleichsam in Nachrichtenform über diverse Kanäle wiederholt, als vermeldet wurde, dass Böhmermann am Abend dieses Tages nicht zur Grimme-Preisverleihung nach Marl komme, weil er sich in allem erschüttert fühle, an das er je geglaubt habe, und dass er zuvor in der Affäre Kanzleramtschef Peter Altmaier um Unterstützung geben habe. Verwirrt reibt man sich die Augen und fragt sich: War es in Wirklichkeit nicht anders? So zum Beispiel: Hat Böhmermann vielleicht Altmaier nur gebeten, für ihn den Grimme-Preis entgegenzunehmen, da diese Auszeichnung doch dessen Chefin Angela Merkel für ihre Auftritte bei „Anne Will“ verdient habe, wobei Altmaier den Preis aber nicht abholen kann, weil er gerade mit Mainzer Staatsanwälten in Istanbul auf einem Rechtskongress weilt?

Bei seinem artistischen Gedanken-Loopings hat Jan Böhmermann nur eines nicht bedacht: dass es durchaus Zuschauer gab (und geben wird), die vor allem von der Schmähung und den darin enthaltenen sexuellen Anspielungen des Gedichtes begeistert sind, während sie sich für die antiautoritäre Volte gegen einen zunehmend autokratischer werdenden Staatsmann kaum und für die juristischen Metaebenen gar nicht interessieren.

08.04.2016 – Dietrich Leder/MK