Christoph Rüter: Krimis und das Dritte Reich (Arte)

Der Kommissar geht um

31.03.2016 •

31.03.2016 • Krimis sind mehr als nur Jerry Cotton und Kolportage. Das vermeintlich triviale Genre zählt, zumindest teilweise, zur ambitionierten Literatur. Zuweilen bildet die Jagd nach dem Mörder gar den Hintergrund für abgründige Charakterstudien und ausschweifende Gesellschaftspanoramen. So schien es nur eine Frage der Zeit, bis Autoren von Detektivromanen auch jene düstere Epoche aufgriffen, die für Unterhaltungsliteratur eigentlich tabu schien. Der Kommissar geht um, nun also auch im Dritten Reich.

Filmautor Christoph Rüter, bekannt für seine Dokumentationen über Schriftsteller und Schauspieler, porträtiert drei arrivierte Schreiber, einen Briten, eine Französin und einen Deutschen, die mit der Situierung ihrer Kriminalgeschichten in der Nazi-Ära eine breite Leserschaft gefunden haben und mit zahlreichen Preisen dekoriert wurden. Zu Beginn seines kurzweiligen Films treten in Berlin Philip Kerr, Dominique Manotti und Volker Kutscher gemeinsam vor die Kamera. Im Hintergrund ist das Brandenburger Tor zu sehen. Es regnet in Strömen. Alle drei tragen Schirme. Diese Szene mit Krimiatmosphäre bildet den Auftakt einer facettenreichen Dokumentation, die von den unterschiedlichen Persönlichkeiten der drei Autoren profitiert.

Vor allem der distinguierte Brite ist ein dankbarer Protagonist. Rüter begleitet den Krimiautor während einer Lesung in New York und auf einer Recherchereise nach Berlin in die Villa Marlier. Die Wannseekonferenz, auf der 1942 in dieser Villa die von den Nationalsozialisten so bezeichnete „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, spielt eine Schlüsselrolle in Kerrs neuen Roman, über den der Schriftsteller aus dem Nähkästchen plaudert. Eindrucksvoll führt der Film vor Augen, wie der als „Recherchejunkie“ bekannte Bestsellerautor sich den zeitgeschichtlichen Kontext hineinversetzt. Das geht so weit, dass er beinahe in Tränen ausbricht, als er vor der Kamera erklärt, er müsste KZ-Opfer eigentlich um Erlaubnis bitten, wenn er über sie schreibe. Diese Sensibilität paart Kerr mit typisch britischem Humor.

Detailgenau nähert sich auch Volker Kutscher in seinen Romanen dem politischen Geschehen im Berlin der 1930er Jahre an. Eine Lesung in einem ehemaligen Berliner SA-Gefängnis verdeutlicht seine Akribie. Mit beklemmender Plastizität zeichnet der Autor Folterpraktiken der Nazis nach – ohne dass man dabei an spekulative Gewaltpornografie denken würde. Auf Präzision in der Schilderung geschichtlicher Details baut ebenso die französische Historikerin Dominique Manotti alias Marie-Noëlle Thibault, eine Wirtschaftshistorikerin, der es an der Universität zu langweilig wurde, woraufhin sie ihre präzisen Gesellschaftsanalysen in Romanform verpackte. Mit jenen zahlreichen französischen Kollaborateuren, die SS und Gestapo unterstützten, greift sie in ihren Büchern ein in Frankreich bis heute noch gern verdrängtes Thema auf.

Die Einblicke, die Rüters Dokumentation in die Schreibwerkstatt der drei höchst unterschiedlichen Autoren ermöglicht, sind interessant, kurzweilig und mit Ausschnitten aus einschlägigen Filmen garniert, von denen sie sich jeweils inspirieren ließen. Man hätte sich allerdings auch gewünscht, dass der Filmemacher in seinem rund einstündigen Beitrag auch einmal über den Tellerrand hinausgeschaut hätte, um das Genre zu hinterfragen. Schließlich wird heutzutage nicht nur das sogenannte Dritte Reich, sondern praktisch jede gesellschaftsrelevante Problematik, ja sogar philosophische Themen auf verhältnismäßig leicht konsumierbare Kriminalgeschichten heruntergebrochen. Man denke an Umberto Ecos Welterfolg „Der Name der Rose“, der in Form eines historischen Detektivromans nebenbei noch die erkenntniskritischen Implikationen des Universalienproblems durchdekliniert.

Den möglichen Einwand, Krimis über das Dritte Reich könnten das Andenken von Holocaust-Opfern beschädigen, kann Rüters Film entkräften. Dabei kam aber die spannende Frage zu kurz, warum eine Thematik wie die Shoa sich aus der Perspektive eines fiktiven Ermittlers publikumswirksam(er) vermitteln lässt. Erleichtert die Verpackung in vertraute Genremuster die Annäherung an das Unfassbare der Konzentrationslager? Adorno meinte, nach Auschwitz sei kein Gedicht mehr möglich. Warum also ein Krimi? Solche Fragestellungen wurden hier leider ausgespart. Rüter konzentriert sich auf die faktisch-inhaltliche Ebene. Ästhetische Fragen zur Erzählweise des Krimis werden nur am Rande aufgeworfen. Von diesen Einwänden abgesehen, gelingt dem Dokumentaristen ein schillerndes Porträt über drei Autoren an der Grenze zwischen E- und U-Literatur.

31.03.2016 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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