McLuhan, Nachrichten und eierlegende Wollmilchsäue

15.06.2018 • Der im folgenden zitierte längere Textausschnitt stammt aus einem ausführlichen Essay des Radio- und Fernsehreporters Matt Aufderhorst (der auch Autor unter anderem von Gedichten ist) über das Nachrichtenfernsehen. Der Text ist nachzulesen in „Lettre International“, Nr. 121, Ausgabe Sommer 2018 (S. 125 bis 128), und hat die Überschrift: „Der forensische Fall. Versuch über das Nachrichtenfernsehen“. Dort ist unter anderem diese Passage nachzulesen:

«Die Massage, von der Marshall McLuhan in seinem 1967 veröffentlichten Klassiker The Medium is the Massage: An Inventory of Effects spricht – ursprünglich ein Fehler des Setzers, den der Kanadier, der eigentlich von Message sprechen wollte, benutzt, um die Auswirkungen der Medien zu beleuchten, die unsere Sinneswahrnehmungen massieren –, diese Massage hat sich in der digitalen Welt als Mittel ubiquitärer Durchdringung etabliert. Das Medium ist die vollständige Penetration.

Die orphischen, zauberhaften Qualitäten, die McLuhan den Massenmedien des größtenteils analogen 20. Jahrhunderts noch halb frohgemut zugewiesen hat, haben sich im digitalen 21. Jahrhundert zur panoptischen Qual entwickelt: Sie besitzen Millionen Augen, richten diese zielgenau auf uns und lassen uns nicht mehr entkommen. Alles ist potentiell News, News ist potentiell alles.

Die TV-Nachrichtensender haben im letzten halben Jahrzehnt ihr Alleinstellungsmerkmal – kurze Newsbeiträge mit Bildern und längere Direkt-Berichterstattung – verloren. Zeitungen und Zeitschriften sind online zu halben Nachrichtensendern geworden. Vor kurzem konnte man die Anhörung Mark Zuckerbergs vor dem amerikanischen Kongress wegen der Cambridge-Analytica-Affäre auf dem YouTube-Account des Guardian live verfolgen.

Onlineartikel werden zunehmend von Bildbeiträgen begleitet, die hinsichtlich Qualität und thematischer Übereinstimmung mit dem Text oftmals eine erstaunliche Diskrepanz aufweisen. Ihr einziges Ziel scheint häufig zu sein, werberelevante Klicks zu generieren und das Abspielen eines zwanzigsekündigen Werbespots zu erlauben. Dass der Filmbeitrag das Geschriebene inhaltlich erweitert oder gar abhängt, ist eher die Ausnahme. Umgekehrtes kommt auch vor: aus Agenturmeldungen im Akkord zusammengeschusterte Texte, die „sensationellen“ Bildern eine dünne Buchstabenhülle und den Anschein der Schrift-Autorität verleihen. [...]

Von der jetzt ausgebildeten Journalistengeneration wird erwartet, dass sie sowohl visuell als auch textlich beschlagen ist. Damit meine ich nicht, dass Fernsehredakteure vor dem digitalen nicht gut geschrieben oder nicht auf die Bild-Text-Schere geachtet hätten. Allerdings hat es eine enorme Steigerung des Anspruches gegeben, sowohl im Fernsehen als auch in den Printmedien, online alle Berichtebenen von einer einzigen Person, die sowohl Journalist als auch Cutter und Producer ist, abdecken zu lassen. Die klassische Zeitungsfrau oder den klassischen Fernsehmann gibt es nicht mehr. Journalistinnen und Journalisten sind zu eierlegenden Wollmilchsäuen geworden.»

15.06.2018 – MK

Print-Ausgabe 23/2018

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