Bill Moody: Auf der Suche nach Chet Baker (NDR Info)

Sympathischer Jazz-Krimi

10.06.2016 •

An einem Freitag, den 13., im Mai 1988 wird der drogensüchtige Jazz-Musiker Chet Baker tot aufgefunden. Offenbar ist der 58-jährige Trompeter aus dem Fenster seines Amsterdamer Hotelzimmers gestürzt. Ob er gesprungen oder im Drogenrausch gefallen ist oder ob er gar gestoßen wurde, das kann nie geklärt werden. Möglicherweise war er, so wurde vermutet, nach dem Rauswurf aus dem Hotel auch an der Dachrinne hochgeklettert, um sein Instrument aus dem Zimmer zu holen, und dabei abgerutscht.

Soweit die Fakten, nun die Fiktion. Evan Home, ein amerikanischer Jazz-Pianist, der sich bereits in mehreren Fällen erfolgreich kriminalistisch betätigt hat, wird von einem alten Bekannten, dem Anglistik-Professor Ace Buffington, um Hilfe gebeten. Ace hat einen für ihn sehr wichtigen Auftrag für ein Buchprojekt über den vor mehr als zehn Jahren verstorbenen Chet Baker erhalten, allerdings unter dem Vorbehalt, dass ihn Evan bei der Recherche unterstützt. Evans nächstes musikalisches Engagement ist zwar sowieso in Amsterdam, aber er lehnt ab, denn Ace hat bereits in einem anderen Fall mit falschen Karten gespielt.

In Amsterdam angekommen, trifft Evan auf den (fiktiven) Jazz-Saxophonisten Fletcher Paige, der seit vielen Jahren in der Stadt lebt und musiziert. Die beiden liegen musikalisch auf einer Wellenlänge und freunden sich schnell an. Dagegen taucht der sich ebenfalls in Amsterdam befindliche Ace zu einem Treffen, zu dem er sich dennoch mit Evan verabredet hatte, nicht auf, er scheint auf geradezu mysteriöse Weise verschwunden. Evan beginnt zu ermitteln, folgt letzten Recherchen von Ace und gelangt darüber zu den Spuren Chet Bakers. Da geht es um Drogen, Schulden und eine ominöse Hinterlassenschaft. Letztlich gelingt es Evan mit Fletchers Hilfe, den Drahtzieher eines Drogenrings hereinzulegen und das finanzielle Erbe Bakers für einen guten Zweck zu retten. Allerdings wurde Evan selbst getäuscht: Als Ace bei seinen Recherchen in die Mühlen der Drogenkriminellen geriet, setzte er sich in die USA ab und ließ seinen Freund ohne Warnung zurück. Jener sollte die Kohlen aus dem Feuer holen, die Ace zu heiß waren.

Der 1941 geborene Jazz-Schlagzeuger und studierte Literat Bill Moody hat seit 1993 neben einem Sachbuch über nach Europa ausgewanderte amerikanische Jazzer („The Jazz Exiles“, 1993) unter anderem sieben Kriminalromane mit dem Protagonisten Evan Home veröffentlicht. Bei den Evan-Home-Romanen werden wie im vorliegenden Fall jeweils reale Charaktere und Ereignisse aus dem Jazz-Milieu mit fiktiven Vorgängen zu einem Kriminalfall verbunden. Evans erster Fall, „Solo Hand“ (1994), ist bereits im Jahr 2003 vom Deutschlandradio als Hörspiel produziert worden.

Beim Hörspiel „Auf der Suche nach Chet Baker“ (Übersetzung aus dem Englischen: Anke Caroline Burger) arbeitet Regisseur Wolfgang Seesko zur Erzeugung einer adäquaten Atmosphäre mit Geräuschen, Durchsagen, Radiosendungen, Telefonaten und amerikanischen O-Ton-Statements. Vor allem aber setzt er auf den Jazz als die Musik des ‘schwarzen Krimis’. Die für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) erstellte 55-minütige Produktion (Komposition: Vladislav Sendecki) geht ganz in dieser Synthese auf, wird vom Jazz durchdrungen, der gewissermaßen eine Hauptrolle spielt und die menschlichen Protagonisten unterstützt, ohne sie an die Wand zu drängen.

Evan und sein Freund Fletcher sind mit Martin Engler und Wolf-Dietrich Sprenger hervorragend besetzt und bewegen sich glaubwürdig im Amsterdamer Milieu: „Hier kann man im Umkreis von 500 Metern kiffen, saufen, vögeln und in der Kirche seine Seele retten.“ Der Hauptdarsteller agiert in einem nahtlosen Wechsel von Dialogen, Ich-Erzählungen und inneren Monologen. Das funktioniert bemerkenswert gut.

Man folgt den beiden sympathischen Helden mit Vergnügen. Dass der Vorlauf bis zum Einstieg in die eigentliche Kriminalgeschichte relativ lang ist, stellt daher keinerlei Problem dar. So sehr allerdings die stimmige Atmosphäre zu erfreuen und zu fesseln vermag, der Kriminalstory gelingt das nur bedingt. Der Druck, der auf die Hauptperson ausgeübt wird, wirkt recht konstruiert. Dass sich jene dann in höchster Gefahr befindet und die Lage sich dramatisch zuspitzt, ist zwar zu hören, aber es überzeugt nicht wirklich.

Es bleibt auch fragwürdig, ob mächtige Drogenkriminelle eine – möglicherweise sogar gefälschte – Bankbestätigung als einzigen Nachweis der Mittellosigkeit mit solch höflicher Naivität akzeptieren: „Sehr enttäuschend. Darf ich das für meine Geschäftsunterlagen behalten?“ Doch vielleicht sollte man hier nicht mit der kriminalistischen Goldwaage antreten. Das durch die Konstruktion verursachte Stirnrunzeln vermag den Genuss dieser gelungenen, sehr einnehmenden Inszenierung jedenfalls kaum zu trüben.

10.06.2016 – Andreas Matzdorf/MK