Milo Rau: The Dark Ages (WDR 5/WDR 3)

Intime Blicke in die Seelen der Erzählenden

21.04.2016 •

„The Dark Ages“ bildet den zweiten Teil der „Europa-Trilogie“, die Milo Rau mit „The Civil Wars“ im August 2014 begann und mit „Die „Geschichte des Maschinengewehrs“ im Januar 2016 zum Abschluss brachte. Uraufgeführt wurden die Bühnenstücke in Zürich, München und Berlin. „The Dark Ages“ wurde von Rau, der für „Hate Radio“ vor zwei Jahren mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet wurde (vgl. FK-Heft Nr. 26/14), jetzt für den WDR auch als Hörspiel eingerichtet.

Das 55-minütige Stück beginnt mit einem kurzen Anreißer, der mit Voice-over das vermutlich größte europäische Massengrab seit dem Zweiten Weltkrieg beschreibt, nämlich das in Tomasica in Bosnien-Herzegowina. Anschließend stellen sich die vier Darsteller (im Theater waren es noch fünf) aus Bosnien, Deutschland und Russland mit Namen und einer kurzen Episode aus ihrem Leben vor.

Vedrana Seksan, geboren 1976, erlebte und überlebte den Balkankrieg als Jugendliche in ihrem Geburtsort Sarajevo. Valery Tescheplanowa, geboren 1980 in Russland, dort fast am schlechten Leitungswasser krepiert, kam als Kind nach Deutschland und sollte sich integrieren. Manfred Zapatka, geboren 1942 in Bremen, hat Erinnerungen an Krieg und Nachkriegszeit und machte seine ganz persönlichen „zivilen Kriegserfahrungen“ im Rahmen widerlicher Erbstreitigkeiten. Sudbin Musić, geboren 1974, überlebte ein Konzentrationslager im serbischen Westbosnien und engagiert sich bis heute vor allem für Opfer des Balkankriegs. Mit Ausnahme des Letzteren sind alle professionelle Schauspieler. Aber natürlich hat der Menschenrechtsaktivist, Autor, Journalist und Politiker Musić reichlich Erfahrung darin, vor Publikum zu sprechen.

Nach der Einführung schildern die Mitwirkenden in fünf Akten jeweils Begebenheiten aus ihrem biografischen Erfahrungsschatz. Die Erlebnisse sind sehr unterschiedlich. Die Zuordnung zu den Akten wirkt thematisch nicht zwingend, aber möglich und sie scheint zumindest teilweise dramaturgisch motiviert.

Im ersten Akt, „Die Schutzflehenden“, wird unter anderem über die Kindheit in der deutschen Nachkriegszeit berichtet und über eine illegale Flucht aus einem von der serbischen Mafia kontrollierten Flüchtlingslager in der Slowakei, die nach Deutschland führt. Der zweite Akt, „Die dunklen Jahre“, handelt von brutalen Kriegserlebnissen, von Schlägen, Leichenteilen, Ermordungen, Abtransport ins Konzentrationslager, aber auch von einer 15-jährigen punkigen Teenagerin, die sich in Sarajevo auch nach Kriegsbeginn nicht unterkriegen lassen will. Der dritte Akt ist ein „Versuch über das Böse“. Dabei geht es nicht nur um kriegsbedingte Schrecken oder Prozesse gegen die Täter, sondern auch um private Gemeinheiten und Bösartigkeiten. Der vierte Akt, „Die Lebenden und die Toten“, berichtet unter anderem von einer Vatersuche in Russland, von ehemaligen Tätern und Opfern und von schwer zu verarbeitenden Erlebnissen mit Angehörigen. Der fünfte und letzte Akt beleuchtet unter dem Titel „Schöne neue Welt“ Erfahrungen der Gegenwartszeit und zeigt, dass das Vergangene alles andere als abgeschlossen ist.

Trotz des authentischen Gehalts unterscheidet sich das Hörspiel „The Dark Ages“ deutlich von einem die Mittel des Hörspielgenres benutzenden Kunstfeature. Die Beiträge der Darsteller, wiewohl biografischer Natur, sind sprachlich ausformuliert und dramaturgisch geschickt angeordnet. Anders als in einem Feature geht es hier nicht um Vollständigkeit oder Abgeschlossenheit, es gibt keine umfassenden Hintergrundinformationen zu historischen, politischen oder sozialen Rahmenbedingungen, es werden keine weiteren Kommentare eingeholt. Jede Passage steht für sich, spricht für sich, bleibt persönlich, fragmenthaft und besitzt in der Konzentration auf die jeweiligen Aspekte doch Aussagekraft. Der Hörer erhascht intime Blicke in die Seelen der Erzählenden.

Die geschickte Komposition der Fragmente erzeugt authentische Hörbilder, die beeindrucken. Mehrfach finden sich Verweise auf Shakespeare, sei es in Form einer relativ ausführlichen Rezitation von Hamlets „Sein oder Nichtsein“ – Erdulden oder Widerstand? – oder einer musikalischen Interpretation des von Oscar Wilde adaptierten Shakespeare-Zitats: „Each man kills the thing he loves“, „jeder tötet, was er liebt“. Das klingt – gerade auch in Verbindung mit dem Titel des Hörspiels – sehr depressiv. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Darsteller stellen sich bravourös den schwierigen politischen und persönlichen Wirklichkeiten ihrer Erlebnisse. Das inspiriert und gibt Kraft.

21.04.2016 – Andreas Matzdorf/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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