Elfriede Jelinek: Wut (Bayern 2)

Gegen den zivilisatorischen Rückschritt

26.01.2018 • Nachdem Tom Buhrow im Mai 2013 ins Amt des WDR-Intendanten gewählt worden war, kündigte er vor der versammelten Presse an: „Ich bring die Liebe mit.“ Was auch immer er damit gemeint hat, es klingt auf jeden Fall schön. Zitiert hatte er damals einen Song der Band ‘Deutsch-Österreichisches Feingefühl’ (DÖF): „Codo…düse im Sauseschritt“ aus dem Jahr 1983. In den hasserfüllten Zeiten, die mittlerweile angebrochen sind, erinnert man sich mitunter noch etwas wehmütiger an das utopische Potenzial der Liedzeile, als es Buhrow seinerzeit tat.

Während sich im DÖF-Song der Außerirdische Codo anschickte, die Jahrtausende dauernde Herrschaft des Hasses mit Hilfe der messianischen Liebesfracht zu beenden, scheint heute das reale Weltgeschehen stärker denn je von negativen Gefühlen vorangetrieben zu werden – ohne begründete Hoffnung auf eine extraterrestrische Intervention.

Die österreichische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek widmet sich diesen negativen Gefühlen als Triebkräften des allgemeinen zivilisatorischen Rückschritts nun in ihrem neuen Hörspiel „Wut“, einer Produktion des Bayerischen Rundfunks (BR). Inszeniert hat das fantastische Stück Leonhard Koppelmann. Zwei Gruppen setzt Jelinek in dem Hörspiel zueinander ins Verhältnis und zeigt deren Parallelen des Hasses auf: die neue Generation islamistischer Terroristen und ihre Anhänger zum einen und zum anderen die in ganz Europa massiv erstarkten Rechtsextremen, die mit ihren identitären und völkischen Phrasen immer weitere ‘Follower’ sammeln.

Konkret setzt sich Jelinek mit den Pariser Terroranschlägen Anfang 2015 auf die Redaktion des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ und auf den koscheren Supermarkt „Hyper Cacher“ auseinander. Die Autorin zeichnet das Tatgeschehen nach und legt dabei besonderes Augenmerk auf das Selbstverständnis der islamistischen Mörder. Jelinek verortet in deren Köpfen eine kranke Selbstüberhöhung zu Richtern über Leben und Tod und vermeidet dankenswerterweise einen Erklärungsansatz, der in die Richtung ginge, Terrorismus erwachse ausschließlich aus sozialer Benachteiligung alleingelassener Jugendlicher. Sie zeigt die Terroristen als Leute, die den Sinn in ihrem eigenen Leben darin gefunden haben, den Wert des Lebens an sich zu verneinen, indem sie andere und auch sich selbst töten. Oder wie Georg Seeßlen vor einiger Zeit in der Zeitschrift „Konkret“ schrieb: „Wenn man schon nicht leben kann, dann kann man wenigstens sterben machen.“

Eine zwangsläufige Ableitung aus dieser Selbstüberhöhung ist die Gotteslästerung, die ihr innewohnt. Sie steht im Widerspruch zum angeblich göttlichen Handlungsauftrag. Um das aufzuzeigen, verfällt Jelinek nicht in frömmelnde Argumentationen, sondern entwickelt aus dem Kampfruf „Gott ist groß“ (arabisch: „Allahu Akbar“) die Frage, wie groß dieser Gott denn eigentlich genau ist und ob bei der Klärung der Frage nicht ein Maßband helfen könne. Mit bissigem Humor aufwarten, wenn es eigentlich nur Grund zum Trübsal blasen gibt – auch dafür muss man Elfriede Jelinek einfach lieben.

Das 80-minütige Hörspiel „Wut“ besteht aus atemberaubenden Wortkaskaden und zeichnet sich durch einen hochfrequenten und trotzdem inhaltlich stimmigen Wechsel der Perspektiven aus, der mit einem steten Sprecherwechsel korrespondiert. Umgesetzt wird dieser geradezu artistische Umgang mit der gesprochenen Sprache von der Zunge der Autorin selbst sowie von denen der Schauspielerinnen Katja Bürkle und Petra Morzé und der Schauspieler Thomas Loibl, Stefan Wilkening und Jan Bluthardt. In O-Ton-Ausschnitten hört man antisemitische muslimische Hassprediger und rechtsextreme sogenannte Wutbürger. So wird denn auch der Menschentyp analysiert, der um den Untergang des Abendlandes fürchtet und alles Fremde weghaben will. Den eigenen Tellerrand als sicheren Denkhorizont zu ummauern, das wird hier klar, ist eine Absage an das Konzept von Gesellschaft und eine Hinwendung zur biologistisch gedachten Gemeinschaft. Jelinek lässt einen völkischen Chor an einer Stelle sagen, man brauche keine neuen Entwürfe, denn: „Wir sind unser eigener Entwurf.“

Die Weltlage als unübersichtlich bezeichnen, so weiß man nach diesem Stück, das tun nur Menschen, die eine Auseinandersetzung mit den Problemen der heutigen Zeit scheuen und lieber der eigenen Denkfaulheit frönen. Elfriede Jelinek scheut die Analyse nicht und entwickelt in literarischer Form eine Theorie von der Spirale des Hasses und der Wut. Obwohl die Gegenwart allen Anlass zu vollkommener Verzweiflung bietet, findet die Schriftstellerin, deren Hörspiel auch Ausdruck ihrer eigenen Wut auf die derzeitige Entwicklung ist, deutliche Worte gegen rechte und islamistische Tendenzen und nutzt ihre beeindruckende und unnachahmliche Artikulationsfähigkeit. Elfriede Jelinek können wir uns alle als Vorbild im Kampf gegen die Sprachlosigkeit nehmen.

26.01.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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