Werner Cee: Gesänge des Charon (Deutschlandfunk Kultur/HR 2 Kultur)

Sizilianische Hochkultur

09.02.2018 • Charon war im Götterreich der Antike der Sohn des Erebos, des Herrschers der Finsternis, und der Nyx, der Königin der Nacht. Ihm, der immer als Dämon und Inbegriff des Grauens dargestellt wird, oblag es, die Toten als Fährmann über den Fluss Acheron zum Eingang des Hades in das Reich des Todes zu geleiten.

Charon ist eines der Leitmotive, die der Komponist Werner Cee dem Roman „Horcynus Orca“, einem monumentalen Werk der europäischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts, entliehen hat. Verfasser von „Horcynus Orca“ ist Stefano D’Arrigo (1919 bis 1992). Erst seit 2015 ist der Roman des sizilianischen Autors in der deutschen Übersetzung von Moshe Kahn zugänglich.

„Horcynus Orca“ hat eine lange und verwickelte Entstehungs- und Editionsgeschichte. D’Arrigo, der 1942 in Rom mit einer Arbeit über Friedrich Hölderlin promoviert wurde, fand sein Thema schon 1956. Die Essenz der Geschichte und der Geheimnisse Siziliens, seine Insel (die mehr Kontinent ist als Insel) sollte der Kern dieses Romans werden. Unter dem Titel „La testa del delfino“ („Der Kopf des Delphins“) erschienen die ersten beiden Episoden. Erst fast zwanzig Jahre später fand sich ein Verlag (Mondadori in Mailand), der den Mut hatte, das knapp 1500 Seiten umfassende Opus summum zu publizieren.

Orca, die größte Art aus der Familie der Delphine, ist ein weiteres Leitmotiv des Romans. Dazu kommt die Geschichte von N’drja Cambrìa, des jungen Fischers, der im Jahr 1943 aus dem Krieg nach Hause zu seiner Familie und in sein sizilianisches Dorf zu gelangen versucht. Aus Kalabrien kommt er, wandert, wie es im Roman heißt, viele tausend Schritte entlang der Küste, auf der Suche nach einer Fähre, die ihn übersetzen würde nach Sizilien. Doch die Fähren wurden versenkt. Eine der Folgen der Besetzung Siziliens im Zweiten Weltkrieg durch die Amerikaner, die im Kampf gegen die Faschisten Juli 1943 auf der Insel landeten.

In weitem Schwung holt D’Arrigo mythologische Elemente in sein Werk. Homers „Odyssee“ bietet Anknüpfungspunkte. D’Arrigos Roman lebt von breitgefächerten Verweisen auf literarische Vorläufer. Auch James Joyce, Robert Musil und nicht zuletzt Herman Melville bei „Moby Dick“ sind ähnlich verfahren. Die Essenz von „Horcynus Orca“ sind jedoch die Kraft und die Poesie des Sizilianischen. Diese literarische und poetische Besonderheit ließen das Werk unübersetzbar erscheinen, bis 2015 nach achtjähriger Arbeit die hochgelobte deutsche Übersetzung Moshe Kahns erschien.

Auf dieser Version basiert Werner Cees 90-minütige, von Deutschlandfunk Kultur und HR 2 Kultur gemeinsam produzierte Klangkomposition „Gesänge des Charon“, wobei nur auf einzelne Motive zurückgegriffen wurde und somit in gewisser Weise eine Neuschöpfung entstanden ist. Substanziell ist dabei die Einbeziehung des „Cunto“, einer Vortragsweise, die sich – verkürzt gesagt – auf das seit Generationen gespielte und von Sizilianern geliebte Volkstheater zurückführen lässt. Dieses Puppentheater heißt nicht etwa „Teatro dei pupi“, sondern „Opera dei pupi“, was eine Ahnung gibt von der opernhaften Theatralik der dargestellten Kämpfe zwischen Mauren und Christen oder der Siegeszüge des Orlando Furioso (des Rasenden Rolands) und anderer Ritterepen. Dieses Theater zeigt keine verstaubten Possen, sondern ist äußerst spielfreudig und derart bedeutend, dass es 2008 in die UNESCO-Liste der immateriellen Kulturgüter der Menschheit aufgenommen wurde.

„Cunto“, der Vortragsstil dieses Volkstheaters, ist die sizilianische Version des italienischen „Canto“ (Gesang oder auch Erzählung). In Gaspare Balsamo, einem 1975 im westsizilianischen Ort Erice geborenen und in Rom ausgebildeten Schauspieler, fand Werner Cee den Rezitator, der für die entsprechenden Aufgaben in den „Gesängen des Charon“ wie geschaffen ist. Bei Balsamo ist Sprache Klang, brüllend, heulend, aufgereizt, schnaubend, dann wieder leise, kaum vernehmbar. Mit seinem Sprechgesang, der gleichsam roh und ungeschliffen wirkt, gibt er in der Radioarbeit dem Lebensgefühl Raum, das D’Arrigos Roman verströmt.

Auch Hörer mit guten Italienischkenntnissen werden dabei vergeblich nach einem hundertprozentigen Hörverständnis suchen. Das Sizilianische ist nicht nur im Wortsinne quasi eine eigene Sprache; dazu kommen D’Arrigos Neologismen und Kunstworte, die denen eines Joyce ebenbürtig sind. Und dazu kommt die Aussprache, in der etwa das Adjektiv bei der Klage über „Messina distrutta“ (das zerstörte Messina) klingt wie „dischdrudda“. Harte Konsonanten werden zu weichen, stimmhaftes s wird zu einem Zischlaut – auch manche deutschen Dialekte weisen solche klanglichen Mutationen auf. Aber hier klingen sie grollend und aufheulend, zischend, rollend und klirrend. Und so erlebt man, auch ohne zweifelsfreies Wortverständnis, das Lamento über das brennende Messina. Den tobenden Krieg. Die herniederprasselnden Bomben – amerikanische, englische, deutsche, quasi die Bomben der ganzen Welt.

Werner Cee hat sich in diesem neuen Hörstück als Komponist klug und durchdacht zurückgehalten. Leise Melismen im Hintergrund bilden ein Gegengewicht zur Wucht der Sprache. Einmal erschallt eine Kirchenorgel, Königin der Instrumente, amalgamiert mit dem Scheppern eines Tamburellos. Einspielungen aus Aufnahmen, die Werner Cee auf Sizilien gemacht hat, werden eingefügt zu einem stimmigen Ganzen. Die Arbeit von Martin Eichberg beim Ton und Sonja Rebel bei der Technik ist radiophonisch einfühlsam und sensibel – ein großer Gewinn für die Produktion. Ebenso wie Sandra Borgmann als Erzählerin und Gerd Wameling als Zitator, die beide, selbst mit kurzen Textstellen, dem Ozean der Klänge Inseln der Sprechkunst abgewinnen. Und so ist, alles zusammengenommen, „Horcynus Orca“ ein Hörstück geworden, das große Aufmerksamkeit verdient.

09.02.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK