Andreas Ammer/Andreas Gerth/Martin Gretschmann: Tatsachenreihe – Wie Brecht und Benjamin einen Krimi schreiben wollten (WDR 3)

„Gefahr, reise ab!“

11.03.2019 •

Im Juli und August 1933, als Bertolt Brecht samt Familie sowie seinem hochgeschätzten und vertrauten Freund Walter Benjamin die Ferien in Skovsbostrand am Stadtrand von Svendborg auf der dänischen Insel Fünen verbrachte, war die aus Deutschland drohende Gefahr noch kaum mehr als ein Schemen, dem man in den frischen nordischen Sommer entfliehen zu können glaubte. Die beiden Freunde rauchten, spielten Schach und hatten auch sonst Vergnügen an weltlichen Dingen. Schließlich waren geehelichte wie auch nicht geehelichte Damen anwesend. Außerdem beschäftigten sie sich mit dem Entwicklung eines Kriminalromans.

Auch in den Folgejahren hielten sich Brecht und Benjamin mehrere Wochen in Dänemark auf – doch da war aus dem Ferienidyll bereits der Beginn einer jahrelangen Emigration geworden. Vorerst aber – zwei erhaltene Schwarzweiß-Fotos aus diesen Tagen belegen es – waren beide, Theaterautor wie Kulturkritiker, bestrebt, ihre jeweiligen theoretischen Ansätze zur Erfassung der Publikumsbedürfnisse in künstlerische Wirklichkeit umzusetzen. Entsprechend ihren politischen Zielsetzungen und Visionen war es vornehmlich das „proletarische“ Publikum, dem sie sich nun mit einem für beide neuen Genre nähern wollten. Es bot sich an, einen Kriminalroman zu schreiben. Hierzu gibt es maschinenschriftliche Entwürfe Brechts, eine Handvoll Anmerkungen Benjamins zur Gliederung von Brechts Entwurf, theoretische Überlegungen zum Kriminalroman im Allgemeinen und schließlich Dokumente über den Besuch von Benjamin bei Brecht.

Bemerkenswert daran ist unter anderem zweierlei. Erstens weist ein Obertitel – „Tatsachenreihe“ – darauf hin, dass mehr als ein einziger Roman geplant war. Eine ganze Reihe sollte es werden. Zum zweiten ist die erste Geschichte, wenn auch fragmentarisch, doch so weit gediehen, dass die Autoren-Musiker Andreas Ammer, Andreas Gerth und Martin Gretschmann das Werk, wie sie schreiben, „so authentisch wie möglich in seiner Unfertigkeit radiophonisch umsetzen“ konnten. Die notwendigen Interpolationen wurden dem Mitschnitt einer Rede Bertolt Brechts entnommen, die dieser in seiner spektakulären Verteidigung vor dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ am 30. Oktober 1947 im Repräsentantenhaus in Washington gehalten hatte. Er soll dabei, wie Erika Mann bezeugt hat, „gekonnt einfältig herumgestottert, manches im Vagen gelassen und mit einem gewissen Grad von Unschärfe brilliert“ haben. Auf fast Schweijksche Manier machte Brecht das gefürchtete Tribunal der McCarthy-Ära zu einer Theaterszene.

Was lag näher, als sich dieses O-Ton Materials zu bedienen und einzelne Worte – niemals ganze oder partielle Sätze – in den vorhandenen Text einzuflechten. Dies geschieht sensibel und gleichzeitig sperrig und es ist ein bemerkenswerter Einfall des Autorenkollektivs, auf diese Weise dem abwesenden Brecht Anwesenheit zu geben und gleichzeitig ein Sprachklima zu erschaffen, das in seiner Rauheit und absichtlichen Holprigkeit dem Genre angemessen ist.

Der Plot selbst ist dabei eher belanglos. Ein Chesterton ist aus dem Duo Brecht/Benjamin nicht geworden. Der Stoff ist konventionell, aber viel zu unoriginell, um als „klassische Kriminalhandlung“ bezeichnet werden zu können. Es gibt keinen Pater Brown, keinen Maigret oder gar einen James Bond, sondern nur einen mickrigen Handelsreisenden, der seine Frau mit seiner Sekretärin betrügt. Um sich einen einigermaßen aufwendigen Lebensstil leisten zu können, hat sich der unauffällig nette Herr Seifert etwas einfallen lassen: Er kauft von Unternehmen, mit deren Waren er handelt, jeweils eine einzelne Aktie. Das genügt nicht zum Reichwerden, aber dazu, bei diesen Unternehmen Geschäftsberichte anzufordern. Und wenn diese nicht vorliegen, das heißt, wenn die Firmen ihrer Veröffentlichungspflicht nicht fristgerecht nachgekommen sind, erpresst Herr Seifert sie auf Schweigegeld. Das ist sein Geschäftsmodell. Doch im Dreiklang mit seiner eifersüchtigen Ehefrau und seiner Geliebten (oder sind es zwei?) wird es ihm zum Verhängnis.

Die Worte auf einem Zettel, den der ängstliche Herr Seifert seiner Sekretärin hingeworfen hat, als die Gattin nahte, könnten als Motto für diese Lebensphase der beiden Berliner Intellektuellen universalen Formats gelten: „Gefahr, reise ab!“ – das hatte sinngemäß auch Hannah Arendt dem geistesverwandten Walter Benjamin dringlich ans Herz gelegt. Benjamin zögerte zu lange. Brecht folgte den schrecklichen Zeichen der Zeit noch rechtzeitig. Was aus der Zusammenarbeit der beiden während des dänischen Sommers übrig blieb, dient nun als Textvorlage einer interessanten und hörenswerten Radioproduktion.

Das Fragmentarische des Textes wird durch bewusste Auslassungen oder Unklarheiten betont. Dazu tragen auch die Klangelemente bei, die den gesprochenen Text mit gekonnter Unaufdringlichkeit begleiten und unterlaufen. Die Stimmen von Frauke Poolmann, Peter Wawerzinek als (etwas zu deutlich) berlinernder Walter Benjamin und Albert Ostermaier als stimmlich täuschend ähnlicher Bertolt Brecht führen durch das 30-minütige Hörspiel, das trotz seiner formatbedingten Kürze bemerkenswerte Substanz bewahrt.

11.03.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK