Antje Vowinckel: Goethe to go. Eine Sprechlandschaft (Deutschlandfunk Kultur)

Automatisch gesprochen

30.12.2018 •

30.12.2018 • Es gibt einen Ort, an dem eines der berühmtesten Gedichte deutscher Sprache seinen Platz hat. Es ist die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Berg Kickelhahn bei Ilmenau. An die Wand dieser Hütte hat Johann Wolfgang von Goethe wahrscheinlich am 6. September 1780 sein Gedicht „Wandrers Nachtlied“ geschrieben.

Die Hörspielautorin und Klangkünstlerin Antje Vowinckel hat für ihr Sprechprojekt „Goethe to go“ zehn internationale Performer engagiert: Mat Pogo, Axel Dörner, Marie Goyette, Rafael Jové, Mazen Kerbaj, Dagmara Krauss, Chico Mello, Cia Rinne, Inga Ziska und Wu Jiang. All die Beteiligten hat sie auf den Goethewanderweg bei Ilmenau geschickt, um sie, ausgestattet mit Mikrofon und Aufnahmegerät, ihre Naturerfahrungen direkt verbalisieren zu lassen.

Auch die Autorin selbst gehört, als Elfte, zu den Akteuren, die ihre Begegnungen mit Natur- und Kunstschönem und ununterbrochen in gesprochene Sprache verwandelten. Dabei sollte eine filternde Reflexion vermieden werden und stattdessen „ein Kurzschluss zwischen Wahrnehmung und Sprechen“ entstehen, so die Autorin auf ihrer Website. Die lautliche Qualität der Sprache selbst, die Redundanzen und Transformationen der Wörter lassen auf diese Weise eine bunte Sprechlandschaft erblühen. Beispielsweise wird ein schlüpfender Schmetterling am Wegesrand in der Beschreibung von Antje Vowinckel nicht etwa „geboren“ oder „geworfen“, sondern „entlarvt“.

Es ist nicht das erste Experiment mit automatischem Sprechen, das Vowinckel analog zur écriture automatique der Surrealisten durchgeführt hat. Schon mit ihren Versuchsanordnungen „rochenununterbrochen – eine automatische stunde“ (WDR 2007) und „Folgen Sie mir pausenlos – Ein Speakview mit automatischen Sprechern“ (Deutschlandradio Kultur 2012) entstanden Hörstücke ähnlich der „Sprechlandschaft“, als die die Autorin ihr Stück „Goethe to go“ angelegt hat.

In der Mitte des 50-minütiges Hörspiels steht die Begegnung der Akteure mit dem Goethe-Gedicht, das in der Hütte heute in 15 verschiedenen Sprachen ausgehängt ist. Zugleich nun wurde den an dem Sprechprojekt Beteiligten das Gedicht in ihrer jeweiligen Landessprache auf den Kopfhörer eingespielt, um von ihnen simultan ins Deutsche zurückübersetzt zu werden. Natürlich kommt es dabei zu Abweichungen vom Originaltext:

Über allen Gipfeln
Ist Ruh’,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.

Aus „Wipfeln“ etwa werden bei der Rückübersetzung „Baumköpfe“, aus „Ruhe“ wird „Frieden“, aus „Wald“ „Holz“ und so weiter. In Antje Vowinckels Hörspiel scheint ein Abglanz des Gedichts auf, dessen Original 1870 vernichtet wurde, als die Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn abbrannte. Trotzdem lenkt das Gedicht die Wahrnehmung und die Rezeption seiner Umgebung und reizt zur Überprüfung. Und siehe da: Die Vögelein schweigen nicht im Walde, sondern sie schwelgen und zwitschern wie verrückt. Der Wald ist nicht stumm.

„Wandrers Nachtlied“ ist in der Literaturgeschichte häufig rezipiert und parodiert worden. Im seinem Hörspiel „Die Maschine“ hat Georges Perec 1969 das Goethe-Gedicht verschiedenen statistischen, analytischen und ästhetischen Algorithmen ausgesetzt. Erstaunlich ist, dass die teilweise seriellen Verfahrensweisen, die Perec seiner Maschine unterstellt hat, auch von menschlichen Akteuren ähnlich vollzogen werden. Was daran liegen mag, dass man sich beim automatischen Sprechen zunächst auf die eher mechanischen Funktionen seines Denk- und Sprechapparates verlässt und erst im nächsten Schritt sich selbst zuhört und den eigenen Input wiederum als Ausgangsmaterial weiterverarbeitet. Auch hier stellt sich die Frage, was spricht, wenn es aus einem spricht.

Das beste Beispiel für die Reichweite dieser Verfahrenstechnik hat die Autorin Antje Vowinckel selbst geliefert, indem sich in ihrem Redefluss die vielfältigen Bedeutungen des Verbs „unterstellen“ ineinander verschlingen – ob man sich bei einem Regenschauer irgendwo unterstellt, jemand einer anderen Person unterstellt ist oder jemandem etwas unterstellt wird. In ihrer Variationsbreite reicht die Unterstellung von der Vermutung über die böswillige Behauptung bis hin zu einem Herrschaftsverhältnis. Im Hörspiel wird das Wort zur Funktionsbeschreibung der Hütte verwendet, die dem Goethe-Gedicht Schutz geboten hat: „Ich unterstelle dem Regen ein Häuschen.“ Antje Vowinckel fügt der Rezeption von „Wandrers Nachtlied“ eine neue hinzu, die nicht nur methodisch medienadäquat ist, sondern auch überzeugt, weil man die Verbindung von Perzeption, Rezeption und Interpretation quasi live mitverfolgen und mit den eigenen (hier akustischen) Wahrnehmungen, Vorstellungen und Gedanken abgleichen kann.

30.12.2018 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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