Kathrin Röggla: Geschäftsführersitzung (Bayern 2)

Off the record

07.02.2019 •

Bevor es technische Aufzeichnungs- und Übertragungsmedien gab, war es eine besondere Textsorte, die die Welt in handhabbare Gegenstände verwandelte: das Protokoll. Umgekehrt ist das Protokoll ebenfalls eine Instanz, die Welten erst erschafft: „Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt“, lautet ein Bonmot unter Juristen. Kathrin Rögglas 52-minütiges Hörspiel „Geschäftsführersitzung“ spielt mit diesen beiden Seiten des Protokolls. So ist denn auch die Protokollführerin Frau Niemöller, gesprochen von Valery Tscheplanowa, Herrin des Verfahrens jener Sitzung, bei der drei Herren und eine Dame den Umgang mit dem neuen Chef diskutieren, der mal als „das sogenannte neue Staatsoberhaupt“, mal als „Gesamtgeschäftsführer“, mal als „Präsidialkanzler/CEO“ tituliert wird.

Wer von den Sitzungsteilnehmern Breithaupt, Vorsitzender der Geschäftsleitung (Bernhard Schütz), Melle, Import/Export (Wilfried Hochholdiger), Klemm, Verwaltung (Martin Rentzsch) und Stelleis, Öffentlichkeit (Anne Ratte-Polle) überhaupt anwesend ist, bestimmt die Protokollantin. Das bekommt besonders Herr Melle zu spüren, der im Pressetext zum Hörspiel als „der Mann für die Inhalte“ annonciert wird. Offenbar ist er bei der Sitzung nicht mehr erwünscht und so wird seine Anwesenheit mit steigender Intensität protokollarisch negiert: „Herr Melle hat sich verabschiedet. Herr Melle geht. Herr Melle ist gegangen. Herr Melle ist schon lange fort. Herr Melle wird hier nicht mehr anwesend zu machen sein.“

Anwesend gemacht wird hingegen ein Herr Satoris, der zwar nicht da ist, aber im Protokoll dauernd zu Wort kommt. Er scheint eine besondere Verbindung zum neuen Chef zu haben und informell weisungsbefugt zu sein. Vielleicht ist er es, den man schwer atmen hört, wenn die akustische Atmosphäre aus dem Sitzungssaal auf einen Abhörmonitor umgeschaltet wird, vielleicht ist es aber auch der neue Regent selbst.

Kathrin Röggla verortet ihr Stück, wie sie sagt, an einem „jener tipping points der Geschichte, jener Scharniere, die plötzlich umklappen können und ganze Epochen zuklappen und wegklappen. Nach denen nichts mehr so ist wie vorher und die von allen Protokollen der Welt nicht so einfach erfasst werden können.“ Es herrscht eine Situation, die für einen Augenblick, so Röggla in einem schönen Neologismus, wie „verzufälligt“ wirkt.

Spätestens hier muss der Name des gegenwärtigen US-Präsidenten Donald Trump fallen, mit dessen Wahl kaum jemand gerechnet hatte und der die Folie für Kathrin Rögglas Stück bildet, nicht aber dessen Zentrum. Viele Indizien sind auf Trump gemünzt: auf seinen Narzissmus, sein Problem mit einem zu errichtenden Bauwerk, auf Manipulationen von innen und außen und auf seine Macht über den „roten Knopf“. Aber, so hoffen die Sitzungsteilnehmer: „Am Ende drückt er den falschen und es kommt ewiger Frieden dabei heraus.“

Das abstrakte, floskelhafte und im Nominalstil verfasste Stolpern durch die Tagesordnung illustriert die Dysfunktionalität der Verwaltung. Man erkennt sofort den Sound der Schriftstellerin Kathrin Röggla mit ihrer Leidenschaft für die indirekte Rede und den Konjunktiv, der immer auf einer Metaebene angesiedelt ist und ab und zu in den Irrealis des Konjunktivs II abkippt. Irgendwann einigt man sich im Lauf der Sitzung darauf, dass das Kommende außerhalb des Protokolls stattfinden solle. Aber da ist auch schon die Staatsanwaltschaft im Haus.

Oliver Sturm hat Kathrin Rögglas Text mit der Komposition und dem behutsam eingesetzten Sounddesign von Andreas Bick inszeniert. Nur an wenigen Stellen wird über O-Töne eine Verbindung zu dem Draußen geschaffen, das durch die hermetisch verschlossenen Fenster des Sitzungsraums sonst ausgesperrt bleibt. „Für bleibende Schäden an Körpern wird hier niemand haftbar zu machen sein“, stellt die Protokollantin sozusagen off the record fest, bevor sie in einer metaphernreichen Phantasie jenen Schnee beschreibt, der sowohl das weiße Rauschen der Medien als auch die weiße Asche einer in Brand geratenen Welt symbolisieren kann. Eben dieser Schnee weht durch eine zerbrochene Fensterscheibe, die auch ein Zeitfenster sein kann, in das Innere der Institution hinein. Eine Eigenschaft der Kunst wie auch der medialen Vermittlung ist es, das Abwesende anwesend zu machen. In Kathrins Rögglas durchdachtem Hörspiel kann man nicht nur der Hilflosigkeit der Institutionen angesichts einer autoritären Wende zuhören, sondern zugleich der Geburt der Kunst aus dem Geist des Protokolls.

07.02.2019 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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