Marlene Streeruwitz: Zimmerstunde. (SWR 2)

Radiokunst

31.01.2019 •

Ende vorigen Jahres gab es im Programm SWR 2 zum Jubiläum ‘100 Jahre Frauenwahlrecht’ einen Hörspielschwerpunkt. Die Reihe trug den Titel „Votum der Frau“ und im Rahmen des Schwerpunkts wurde unter anderem auch das von der österreichischen Autorin Marlene Streeruwitz stammende Hörspiel „Zimmerstunde.“ präsentiert. Die mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin entwirft in ihrem literarisch und klangtechnisch brillant aufgebauten Originalhörspiel das mehrstimmige Selbstgespräch einer Frau aus dem Hotelgewerbe. Es könnte aber auch ein langes Interview zwischen der antwortenden Person und einem herausedierten Interviewenden sein.

Regisseurin Bernadette Sonnenbichler setzt in der von ihr inszenierten SWR-Produktion (Dramaturgie und Redaktion: Manfred Hess) die 5.1-Surround-Technik ein, die mit Kopfhörern oder mehrkanaligen Lautsprechersystemen die komplizierte Räumlichkeitsstruktur des Stücks für den Hörer optimal erfahrbar macht. Diese Struktur basiert klangtechnisch auf Außenaufnahmen, die im Studio ineinander verschränkt wurden.

Neben den akustischen Räumen wechseln im Hörspiel „Zimmerstunde.“ auch oft die Sprecherinnen. Zu hören sind über das Stück verteilt Heidi Ecks, Kathrin Hildebrand, Caroline Junghanns, Hedi Kriegeskotte und Christiane Roßbach. Meist gibt eine Schauspielerin der nächsten den Mikrofonstaffelstab in die Hand bei dieser akustischen Durchschreitung eines Labyrinths aus Alltagsbeobachtungen, Gesellschaftsanalysen und Kindheitserinnerungen. Nur selten sind die Stimmen gemeinsam im Chor zu hören; in der Regel, vereinen sie sich, begleitet vom Klang der phänomenal gespenstischen Hörspielmusik von Martina Eisenreich, in den Übergängen zwischen den einzelnen Szenen.

Thematisch wird in „Zimmerstunde.“ eine frühe Trauma-Erfahrung der Protagonistin umkreist. Diese Erfahrung wird jedoch nie direkt angesprochen, denn sie ist eingekapselt in einen Erinnerungsraum, der das Unsagbare umfasst. Die dramaturgische Wirkung ist die eines schwarzen Lochs, um das die anderen akustischen Räume kreisen und in das sie hineinzustürzen drohen. Nur aus Andeutungen erschließt sich beim Hören, dass wohl Missbrauch durch den Vater das Kindheitstrauma darstellt.

Am Ende des Hörspiels kollabiert die sich selbst porträtierende Frau aber nicht, wie es eine Galaxie, die von einem schwarzes Loch angezogen wird, täte. Vielmehr findet die Frau auf gewisse Weise zu sich selbst, was wahrscheinlich auch der Punkt am Ende des Titels „Zimmerstunde.“ symbolisieren soll. Diesen Schlusspunkt kann man sich mit Hilfe dieser Erläuterung von Marlene Streeruwitz so erklären: „Am Ende sind die einzelnen Raumtextkonstruktionen zu einem Hörpanorama aufgebreitet, in dem die Person aber dann doch einen Augenblick lang zu einem ungeteilten Selbst in einem dafür hergestellten Raum finden kann. Die radiophone Technik wird so zur subversiven Helferin einer Subjektwerdung.“

Wesentlich unmittelbarer als das Kindheitstrauma schildern die Stimmen der Protagonistin, dass sie sich im Erwachsenenalter über die nebenberufliche Tätigkeit als Prostituierte die Selbstbestimmung über den eigenen Körper zurückzuerarbeiten versucht hat. Mutmaßlich hat sie das getan, wenn sie als Hotelangestelle ihre Pausenzeit hatte, die im Hotelgewerbe „Zimmerstunde“ genannt wird. Konkrete Details, die eine voyeuristische Lüsternheit der Hörerschaft befriedigen könnten, werden im Stück ausgelassen, dafür aber wird die kaputte männliche Sexualität im fortgeschrittenen Zeitalter der Internet-Pornografie auf den Seziertisch gelegt.

Nur selten gibt es Radiokunst zu hören, die, was Form und Inhalt angeht, so überzeugt wie „Zimmerstunde.“. Speziell die Entscheidung, den Missbrauch von Kindern nicht anzusprechen, sondern als Leerstelle bestehen zu lassen, verleiht der Behandlung dieses Themas die nötige Schwere. Dieses Hörspiel sollte man sich unbedingt anhören, am besten mit Kopfhörern, um die speziellen Klangeffekte erfassen zu können. „Zimmerstunde.“ steht bis Mitte Dezember 2019 zum Download auf der SWR-Website bereit.

31.01.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 20-21/2019

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