Colin Black: Sonic Reflections (Deutschlandradio Kultur)

Was das Radio sein kann

20.05.2016 •

Manchmal ist es gut, sich die Frage zu stellen: Was mache ich hier eigentlich? Oder besser: Was ist es, das ich hier tue? Der australische Komponist, Sound- und Radiokünstler Colin Black hat sich solche Fragen gestellt, das heißt, in seinem Fall lautet die Doppelfrage präzise: Was ist Radiokunst und wo fängt sie an? Man kann diese Frage selbst stellen oder anderen. Colin Black hat sie in den letzten fünf Jahren jedem gestellt, der Rang und Namen in den akustischen Künsten hat. Die Liste seiner Gesprächspartner, die er für seine „Sonic Reflections“ interviewt hat, umfasst 27 Namen von Alessandro Bosetti bis Gregory Whitehead, von Heidi Grundmann bis Götz Naleppa bis Erik Mikael Karlsson bis Atau Tanaka.

Man kann die Frage nach der Radiokunst theoretisch beantworten oder sich ihr phänomenologisch nähern. Als Künstler hat sich Colin Black nicht für eine featurehafte, diskursive Aufarbeitung sondern für einen reflektierenden Ansatz entschieden, und zwar eine Reflektion im Wortsinn. In seiner Soundkomposition spiegelt er die Werke, um die es ihm geht, so zurück wie die Ionosphäre die Kurzwellen reflektiert und so den Erdball zu einer Sonosphäre gemacht hat. Zunächst sind es nur ein paar Namen aus der Frühzeit des Radios, die durch Blacks Komposition schwirren: Hans Flesch, Hans Bodenstedt, Bertolt Brecht, Kurt Weill, Walter Ruttmann. Die Namen derer, die den sprichwörtlichen Motor des Radios angeworfen haben, der hier im Klang eines Buicks aus dem Jahr 1929 ironisch hörbar gemacht wird.

Die Definitionen der Radiokunst, die seine Gesprächspartner liefern, sind mal mehr, mal weniger überraschend. Das macht aber nichts, denn in Blacks 55-minütiger Klangkomposition wird der Text genau so eingesetzt, wie es in der Klangkunst im Radio sein soll: als ein gleichberechtigtes Element unter anderen, wie dem Geräusch, der Musik oder der Stimme. Nicht zu vergessen die Sounds des Radios selbst: beispielsweise das Rauschen der Kanäle, die Codes der Übertragung von Telegraphie-Signalen, das krachige Handshake analoger Modems.

Die Radiokunst ist, ähnlich wie das Kino, von Beginn an eine technologische Kunst, wie der Musikwissenschaftler Philippe Langlois ausführt – auf Französisch natürlich, was auch nicht übersetzt wird, wie die meist in gut verständlichem Englisch abgegebenen Statements auch deutscher Muttersprachler ebenfalls nicht übersetzt werden. Die Stimmen der Akteure stehen sowieso nie frei. Selbst da, wo sie nicht direkt manipuliert werden, sind sie immer in einen akustischen Kontext eingebunden.

Colin Black hat seine Sendung streng an der historischen Chronologie ausgerichtet. Technologisch geht er von den elektromagnetischen Funken, die dem Rundfunk seinen Namen gegeben haben, aus und entwickelt die Geräuschwelt der akustischen Künste auch über ihre Produktion, nämlich vom Kratzen der handschriftlichen Notationen (oder der physischen Manipulation einer Filmtonspur) bis hin zu den hektischen Anschlägen auf Computertastaturen.

Ästhetisch findet Black die Ursprünge der Radiokunst im italienischen und russischen Futurismus, bei Dada und der Lautpoesie. Mit der Musique concrète steigt die Geschwindigkeit der Entwicklung und aus dem alten Buick vom Anfang wird ein akustisch beschleunigter Hochgeschwindigkeitszug. Und dann kommt auch schon das legendenumwobene elektronische Studio des Westdeutschen Rundfunks (WDR) in Sicht, in dem Karlheinz Stockhausen, dem Colin eine längere Passage widmet, gearbeitet hat.

Das Neue Hörspiel und das von Klaus Schöning ins Leben gerufene „Studio Akustische Kunst“ – ein Sendeplatz des WDR-Hörfunks für avancierte Radioproduktionen – fliegen ebenso vorbei wie das „Kunstradio“ des Österreichischen Rundfunks (ORF). Dessen langjährige Chefin Heidi Grundmann weist auf die Dematerialisierung der Künste im 20. Jahrhundert hin, die im Streaming von Sound über das Internet einen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Die „Sonic Reflections“ von Colin Black funktionieren als artistische und angenehm unpädagogische Einführung in die Welt der Radiokunst. Am Schluss fasst Marcus Gammel, der beim Deutschlandradio Kultur verantwortliche Redakteur der Sendung und auch ein Gesprächspartner von Colin Black, zusammen: „I keep being surprised by what radio can actually be. It’s about always finding a new aspect to it and it is the artist that keep on teaching me.“ In diesem Fall ist es Colin Black, der Redakteur und Hörer beiläufig gelehrt hat, was das Radio sein kann: ein Ausstellungsraum der akustischen Künste.

20.05.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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