Susanne Amatosero: Portrait of the Artist as a Young Bitch (NDR Kultur)

Die unsichtbare Frau

12.10.2016 •

12.10.2016 • „Frauen sind immer entweder zu jung oder zu alt.“ – „Für was?“ – „Für alles.“ Mit dieser pointierten Aussage beginnt das neue Hörspiel „Portrait of the Artist as a Young Bitch“ von Susanne Amatosero. Innerhalb weniger Sekunden wird damit die Kopplung von altersbedingter und frauenfeindlicher Diskriminierung in ihren Konsequenzen für die Betroffenen klar aufgezeigt. Gleichzeitig wird die absurde und widersprüchliche Logik hinter solchen Behauptungen bloßgestellt und der Lächerlichkeit preisgegeben. So hat dieses Hörspiel, bei dem Amatosero auch Regie führte, einen lockeren und doch ernsthaften Einstieg, der viel verspricht und neugierig macht. Erfreulicherweise wird man als Hörer im weiteren Verlauf des Stücks auch nicht enttäuscht.

Das Gespräch, aus dem der eingangs zitierte Dialog stammt, führen zwei Kommilitoninnen in der Mensa einer Hamburger Kunsthochschule. Sally (Julia Holmes) informiert in dem Gespräch eine Artist genannte Frau (Lisa Hrdina) im Rahmen des Konversationsthemas ‘Der Künstler als Genie‘ über das zugemauerte Zeitfenster – „immer zu jung oder zu alt“ – für Karrierechancen von Frauen. Artist, Erzählerin und Hauptfigur des Hörspiels, wird sich in diesem Sinn später als die berühmte Ausnahme erweisen, die die Regel bestätigt. Ihrem Werdegang folgt man in dem rund 47-minütigen Stück, das sich, wie es der Pressetext besagt, aus „zwanzig akustischen Bildern“ zusammensetzt.

Nach dem kurzen Blick von Artist im Prolog auf ihre Studienzeit, wendet sie sich ihrer Kindheit zu. Der anekdotische Erzählstil wird von den entsprechenden szenischen Rückblenden begleitet. Zentrales Thema dieser Kindheitserinnerungen sind die tiefe Religiosität ihres katholisch geprägten Familienumfeldes und persönliche mystische Erfahrungen. Bei einer Fronleichnamsprozession etwa, an der sie als kleines Mädchen teilnahm, streute sie die Blumen aus ihrem Korb alle auf einen Haufen, statt sie gleichmäßig und stetig auf dem Weg zu verteilen. Als sie sich kurz darauf umdrehte, glaubte sie einen Engel zu erblicken, der die Blüten aufhob.

Später erfährt man von einer Art Nahtoderlebnis, das Artist als Kind während einer schweren Ohnmacht hatte. Auch hier war mittelbar die Religion im Spiel: Artist schämte sich, ein Gebet nicht mehr zur Gänze auswendig zu wissen und kippte um. Sie beschreibt, wie sie an der Decke schwebend ihren eigenen blassen Körper von außen betrachtete, als man sie wegen ihrer Ohnmachtsattacke zu Hause ins Bett legte. Damit endet der die Kindheit betreffende Teil des Porträts.

Ohne dass der gewaltige Zeitsprung ausdrücklich erwähnt würde, widmen sich die nächsten Klangbilder der Zeit von Artists Kunststudium in Hamburg. Hier lernt sie Sally kennen und erkundet mit ihr und anderen Freunden das Nachtleben in der Großstadt. Außerdem setzt sie ihr Studienwissen um, indem sie erste Malereiprojekte startet oder den geheimen Zauber der Reeperbahn im morgendlichen Zwielicht mit ihrem Fotoapparat festhält. So beginnt ihre Laufbahn als Künstlerin und darunter ist auch eine kurze Phase, die sie für kurze Zeit nach New York bringt, bevor sie wieder nach Hamburg zurückkehrt.

In dem offenbar chronologisch geordneten, erzählerisch ruhig begleiteten und doch recht turbulenten akustischen Porträt tauchen immer wieder kleinere Wortspiele auf. Die sind in der Regel recht erfrischend und bieten mitunter sogar eindeutige Bezüge auf das Medium Radio. Das Klangbild „Ich und Ish“ zum Beispiel – die Formulierung ist eine Anspielung auf das Deutschpop-Duo „Ich und Ich“ – zeichnet die Stimmung einer Silvesternacht nach. Ein Mann namens Ish (Jeffrey-Gottfred Owusnansah) äußert gegenüber Artist auf der Party den ausgefallenen Neujahrswunsch „Happy New Ear!“, den ja eigentlich auch Hörfunkmoderatoren beim kommenden Jahreswechsel 2016/17 einmal gut verwenden könnten.

Doch eine Frage bleibt bei dieser auf einladend gemütlichen Beatteppichen (Komposition: Mathias Arfmann und Chassy Wezar) mit glitzernder Saxophondekoration (Kojo Samuels) präsentierten Geschichte: Wer ist Artist? Der Titel des Hörspiels nimmt natürlich Bezug auf den Künstlerroman „A Portrait of the Artist as a Young Man“ von James Joyce. In diesem literarischen Vorbild dreht sich alles um die fiktive Figur Stephen Dedalus, das fiktive Alter Ego von James Joyce. Und so könnte man vielleicht am ehesten sagen, dass in dem vom NDR produzierten Künstlerhörspiel Artist das Alter Ego von Susanne Amatosero ist.

Die Namenlosigkeit der Hauptfigur deutet dabei die weitgehende Unsichtbarkeit von Frauen im männlich dominierten Kunstbetrieb an. Auch diese im Namen der Figur inbegriffene Manifestation einer allgemeinen gesellschaftlichen Problematik legt nahe, dass „Portrait of the Artist as a Young Bitch“ nicht in die enge Schublade Autobiografie gesteckt werden sollte, selbst wenn es einige Berührungspunkte zu Amatoseros Lebenslauf gibt. Den genauen Grad der Fiktionalisierung kennt nur die Autorin selbst, was den Reiz dieses Stücks, das stark von seiner offenen, fluiden Gestalt lebt, noch steigert.

12.10.2016 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2019

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