Adrian McKinty: Der katholische Bulle. 2‑teiliges Hörspiel (NDR Info)

Moraltheologie und Bauchgefühl

18.09.2015 •

Es fängt stark an und es endet stark. Adrian McKinty, hochgepriesener irischer, in Australien lebender Autor, hängt gleich zu Beginn seines neuesten Romans die Messlatte hoch. Soll keiner glauben, er habe es einfach nur mit einem Krimi zu tun, der im Belfast des Jahres 1981 spielt. Der Erzähler und Protagonist Sean Duffy, ein junger Polizeibeamter in der nordirischen Hauptstadt, sagt gleich zu Beginn mit Blick auf eine Straßenschlacht zwischen der Polizei und Anhängern der Untergrundorganisation IRA: „Ich stand mit anderen auf Knockagh Mountain und sah zu. Keiner sagte ein Wort. Worte waren unangemessen. Für diese Szene brauchte man einen Picasso, keinen Petrarca.“ Nun, der Autor braucht weder den einen noch den anderen, sondern eine starke Handlung, und um die ist der 1968 geborene, jetzt mit dem ersten Teil seiner bereits dritten Trilogie auf dem Buchmarkt präsente McKinty nicht verlegen.

Sean Duffy wird in Belfast mit den Ermittlungen zu Morden an zwei Homosexuellen beauftragt. Im Nordirland zu jener Zeit ist Homosexualität illegal, wird verfolgt und ist außerdem weitgehend verpönt. Es liegt nahe, einen Serienkiller zu vermuten. Doch bald wächst diesem Fall eine politische Dimension zu, für die der junge, durch sein eigenes „Anderssein“ sensibilisierte Duffy ein Gespür hat. Sein „Anderssein“ besteht jedoch darin, in einem im Bürgerkrieg befindlichen Land, in einem vornehmlich und oft aggressiven protestantischen Umfeld katholisch zu sein. Letztlich bildet dieser so lange zurückliegende, aber noch heute auf der „grünen Insel“ nicht völlig ausgetragene Konflikt hier die Folie für einen stringent geführten Ermittlerkrimi und Duffy ist der titelgebende „katholische Bulle“.

Es geht, wie so häufig in Krimis dieser Art, darum, die „wahren Schuldigen“ aufzuspüren, und das sind – einer ungeschriebenen Regel folgend – im Allgemeinen „die da oben“. So auch hier. Der Mord an den beiden Homosexuellen erweist sich nur als Inszenierung, mit der politische Machenschaften auf höchster Ebene der IRA und ihres internen Kontrollsystems übertüncht werden sollen. Wenn es auch aus dem Abstand von über 30 Jahren nicht ganz einfach ist, diese blutigen Gewaltausbrüche nachzuvollziehen, so gelingt es der Hörspielbearbeitung durch geschickte Straffung, einen Sog zu erzeugen, dem man sich gespannt überlässt. Alles ist da: Crime, Sex, La Bohème, Religionskampf, Single Malt, die Erwartung der königlichen Hochzeit (Lady Di und Prinz Charles) und Fish and Chips. Beim Fisch handelt es sich, genauer gesagt, um Kabeljau, wie die Gerichtspathologin anhand der Obduktion feststellt.

Adrian McKinty arbeitet dramaturgisch offensichtlich gerne mit der Spicknadel. Neben Petrarca, Picasso und Puccini werden auch Elemente der griechischen Mythologie eingezogen, was dem Ganzen keineswegs schadet, sondern es – in diesem Kontext – fast exotisch aromatisiert. Das ist reizvoll und wirkt auf die sonst eher geläufig konstruierte Handlung belebend. Sven Stricker als Bearbeiter und Regisseur nimmt dieses Flair auf, ohne sich darin zu verlieren. Eine sehr umfangreiche Besetzung gestaltet die Dialoge mit unterschiedlicher Intensität. Die einzige Frau in der Runde (die Pathologin) schlägt sich wacker, die Sprecher der kleinen und der größeren Ganoven überzeugen durch Dialoge, die gelegentlich intensiver sein könnten, meist aber doch dicht genug sind, um den Hörer nicht aus der Handlung witschen zu lassen. Ein dezenter Mix aus O-Tönen und gestaltetem Background liefert ausreichend historisches Kolorit, das durch gut dosierte musikalische Elemente betont wird.

Den stärksten Eindruck jedoch – und das kann in einem Hörspiel ja nun wirklich nicht schaden – hinterlässt der Text (Übersetzung aus dem Englischen: Peter Torberg), der ohne gewollte Beiläufigkeiten auskommt und die Rollen konturiert. Auch mit Action und Dramatik spart der Autor nicht, aber beharrlich legt er das literarische Bandmaß an. Und damit endet dieser insgesamt rund 110-minütige Zweiteiler denn auch so stark, wie er begonnen hat, nämlich mit einem bemerkenswert philosophischen Schlussdialog. „Sie wollen keine Gerechtigkeit“, sagt einer der IRA-Drahtzieher zum Ermittler Duffy, „Sie wollen Rache.“ Darauf Duffy lakonisch als letzte Frage: „Worin besteht der Unterschied?“. Ja, worin?, mag sich der Hörer fragen. Moraltheologen haben diese Dichotomie gelöst, doch das „Bauchgefühl“ für Gerechtigkeit interessiert dieser „kleine“ Unterschied häufig wenig oder gar nicht.

18.09.2015 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK