Mystisches im nebelverhangenen Ahrtal: Die Faszination und Sogkraft der TNT-Serie „Weinberg“

30.10.2015 •

Vier Folgen seiner eigenproduzierten Serie „Weinberg – Im Nebel des Schweigens“ hat der Pay-TV-Sender TNT Serie seit dem 6. Oktober mittlerweile ausgestrahlt, die letzten beiden stehen noch aus (jeweils dienstags, 21.10 Uhr). Und entgegen dem Eindruck von der ersten Folge, wie er sich nach der Premiere auf der diesjährigen Cologne Conference in den Berichten über die Veranstaltung niederschlug, entfaltet die Serie tatsächlich eine besondere Faszination und Sogkraft: Man möchte wirklich wissen, wie die Geschichte um mysteriöse Vorgänge im Tal der Ahr denn nun ausgeht und ob sich die vielen Rätsel, die nicht nur in Folge 1, sondern auch in den weiteren Episoden erscheinen, auflösen oder ob sie gleichsam im Reich des Verwunschenen und des Schreckens hängen bleiben. Denn „Weinberg“ – geschrieben von Arne Nolting und Koregisseur Jan Martin Scharf – arbeitet mit vielen Mitteln des Horrorfilms. Da erscheinen Menschen als tot, die noch leben, um wenig später so zu sterben, wie ein Zugereister und wir Zuschauer es schon sahen. Da geistert ein Mädchen, das vor Jahren bei einem Unglück starb, durch die dunklen Gassen des Dorfes Kaltenzell, in dem die Geschichte spielt. Da erscheinen im nebelverhangenen Ahrtal überall Schatten, die Dämonen sein können, und unvermittelt Menschen, die man anderswo wähnt. Und da wird auf lokale Mythen angespielt, denen zufolge die Kinder von einer Schreckensfigur ins Reich der Toten verbracht werden.

Diesen visuell hochattraktiv ausgestatteten Horrormotiven korrespondieren sehr irdische Geschichten aus einer Kleinbürgerwelt der Intrigen, des falschen Spiels, des Betrugs im Wirtschaftsleben wie in den Ehen. Keiner ist das, als was er erscheint, jeder verbirgt, was er will, und geht dem mit krimineller Energie nach. All das fällt dem Zugereisten (Friedrich Mücke) auf, der dummer- oder auch passenderweise sein Gedächtnis verloren hat, so dass er selbst und wir Zuschauer nicht wissen, ob er wirklich so fremd in diesem Dorf ist, wie er glaubt und die andern ihn glauben lassen. Dieser Mann treibt die Aufklärung voran, versucht also, Licht in das Dunkel um die Todesfälle und all die Intrigen zu bringen, die hier geschehen sind. Sein Gegenspieler ist der Bürgermeister (Arved Birnbaum), der keine Veränderung wünscht, weil die Ängste und Schreckensphantasien seine Herrschaft und sein irdisches Geschäft erst garantieren. So wie er die Bewohner seiner Gemeinde manipuliert, benutzt er auch die Polizei, die aus dem nächstgelegenen Städtchen angelegentlich im abgelegenen Weinort nach dem Rechten sieht.

Zu den Elementen aus Horrorfilm und Psychothriller gesellen sich manche Sexszenen, die das düstere Spektakel emotional anheizen sollen, aber auch absurd komische Momente, die das Ganze als das ironische Spiel erscheinen lassen, das „Weinberg“ selbstverständlich auch ist. Gewiss, manches ist durchaus erwartbar, anderes bleibt Klischee. Und die Kenntnisse der Drehbuchautoren über den Rotwein des Ahrtals, den der Bürgermeister in einer Rede als „süß“ bezeichnet, sind äußerst bescheiden. Doch die Serie ist von den beiden Regisseuren Till Franzen und Jan Martin Scharf temporeich inszeniert und Kameramann Timo Moritz hat die Landschaft des Ahrtals so aufgenommen, dass man an einen Gang über den Rotweinwanderweg nicht mehr denken mag.

Die besondere Qualität dieser Serie besteht in der Besetzung, die bis in die Nebenrollen glänzend ist, auch wenn man sich an Gudrun Landgrebe als Psychoanalytikerin erst einmal gewöhnen muss. Und die Spannung bei „Weinberg“ erwächst aus dem Genre-Mix: Gibt es für alle Erscheinungen, wie in der vierten Folge angedeutet, eine rationale Erklärung? Basieren sie also womöglich auf Drogenkonsum, atavistischen Ritualen oder banalen Zwecken? Oder stammt der Schrecken, der den Weinort an der Ahr so heimsucht wie im Mittelalter die Pest ganze Städte, doch aus dem Reich des Bösen?

30.10.2015 – Dietrich Leder/MK

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