Arndt Stüwe/Benjamin Hessler/Marvin Kren: Mordkommission Berlin 1 (Sat 1)

Ausstattungsoper

24.12.2015 • Al Pacino hätte als Tony Montana in Brian De Palmas Klassiker „Scarface“ (USA 1983) vermutlich noch glatt bei einer Schönheitskonkurrenz antreten können. Zumindest wenn man sein geschundenes Konterfei mit jenen opulenten Narbenlandschaften vergleicht, die die Maskenbildner in diesem Sat-1-Kriminalfilm gleich mehreren Figuren in die Gesichter gezaubert hatten. Aber schließlich handelte es sich hier ja auch um Gauner der Berliner Unterwelt in den Roaring Twenties und bei denen galten solche Schnittwunden nach den Vorstellungen der Filmemacher offenbar als Kollateralschäden, wenn nicht gar als Statussymbole.

Besonders pittoresk war der einstige Unterweltkönig Immanuel Tauss von Narben gezeichnet, der im Gefängnis saß. Der Gangster war zwar immer mal wieder im Bild, hatte in der ersten Hälfte des Films aber so gut wie keinen Text zu sagen. So musste sich sein Darsteller Tobias Moretti darauf beschränken, mit ungeheuer finstrem Blick so etwas wie das animalisch Böse an sich zum Ausdruck zu bringen. Für einen Mimen vom Format Morettis fraglos eine Unterforderung. Derweil hatte man Kommissar Paul Lang (Friedrich Mücke), den Gegenspieler von Gangsterboss Tauss, von Narben verschont und dem Ermittler sogar viele, wenn auch knappe Dialoge spendiert. Mehr als ein durchgehend unterkühltes Pokerface wurde indes auch diesem Darsteller während des gesamten Films nicht abverlangt. Die Figur des Paul Lang hat im Übrigen ein reales Vorbild: Es ist der Berliner Kommissar Ernst Gennat, ein Pionier der kriminalistischen Feinarbeit. Über ihn strahlte Sat 1 im Anschluss an den Spielfilm noch eine Dokumentation aus (22.55 bis 23.55 Uhr).

Die Geschichte des Spielfilms in Kürze: Tauss hatte als Chef einer Bande namens „Die Krokodile“ unter anderem Langs Ehefrau und die kleine Tochter der beiden mittels einer Briefbombe ermordet. Was der Berliner Kommissar, der seitdem mit einer Morphiumsucht zu kämpfen hat, ihm aber nie nachweisen konnte. Ins Gefängnis war Tauss dann wegen anderer Delikte gewandert. Derweil hat sich dessen ehemaliger Kumpan Viktor Parkov (Oliver Masucci) an die Spitze der Gangsterbande gesetzt und betreibt die florierenden Geschäfte mit Schutzgelderpressungen, Drogen und Prostitution weiter. Das Geschäftszentrum der „Krokodile“ liegt im Untergeschoss des Varietés „Irrgarten“, das von der attraktiven Irma (Antje Traue) geführt wird, die auch privat mit Parkov liiert war. Dann wird eines Morgens die Leiche eines Staatsanwalts in einem Krokodilbecken des Berliner Zoos aufgefunden. Der Jurist war Langs Freund und hatte, sehr zu dessen Verdruss, eine Art Stillhalteabkommen mit den „Krokodilen“ geschlossen. Der Kommissar gibt sich absolut sicher, dass nur der inhaftierte Tauss diesen neuerlichen Mord in Auftrag gegeben haben kann. Langs Assistent Ruppert (Frederick Lau) und seine Sekretärin Masha (Emilia Schüle) hegen diesbezüglich ihre Zweifel und haben ihren Chef in Verdacht, sich von persönlichen Rachegelüsten leiten zu lassen.

Dass dieser Krimi auf ein finales Duell zwischen Lang und Tauss zulaufen würde, war so absehbar wie vieles in diesem Film. Wie die beiden sich dann in einem Abwasserkanal ganz nach Westernart Mann gegen Mann gegenüberstanden, beider Pistolen jedoch Ladehemmung hatten, so dass die Sache schließlich in Form eines Faustkampfes entschieden werden musste, hatte dann mehr von Komik als von Hochspannung. Die einzig überraschende Wendung des Plots war der Umstand, dass Masha sich irgendwann als Tochter von Tauss entpuppte, die ihn schließlich nicht nur aus dem Gefängnis befreite, sondern auch den Staatsanwalt im Auftrag ihres Vaters ermordet und dann den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen haben sollte. Wie die zierliche Frau den Toten allein über das Gitter des Geheges bugsiert haben konnte, blieb zwar rätselhaft, dafür war aber das Wasser des Teichs derart blutrot gefärbt, als hätten die Tiere darin mindestens eine komplette Fußballmannschaft zerfleischt.

Und nicht nur in dieser Szene waren Sat 1 und der Produktionsfirma Wiedemann & Berg knallige Effekte wichtiger als Zwischentöne bei den Charakteren, geschliffene Dialoge und Plausibilitäten der Handlung (Drehbuch: Arndt Stüwe und Benjamin Hessler). Mit Effekten allerdings geizte dieses zweistündige Epos (Nettosendezeit) nun wirklich nicht. Das aufwändige Interieur des Varietés „Irrgarten“ brauchte sich hinter dem „Kit-Kat“-Nachtclub aus „Cabaret“ (USA 1972) kaum zu verstecken und in den (wenigen) – in Prag gedrehten – Straßenszenen, die bei Tageslicht spielten, kam das Berlin der zwanziger Jahre wuseliger daher, als es in Wirklichkeit jemals gewesen sein dürfte. Eine ganze Armada antiker Autos verstopfte die Straßen, im Hinter­grund schnaufte eine Dampflok über die Brücke und am Himmel tauchte ein majestätischer Zeppelin auf. Auch wenn viele dieser Schauwerte aus dem Computer stammten, blieb der Aufwand, den man hier unter der Regie von Marvin Kren betrieben hatte, überaus beachtlich. Und nicht zuletzt gab es in dem Film (2,4 Mio Zuschauer, Marktanteil: 8,4 Prozent) noch diverse cineastische Anspielungen auf Klassiker wie „Der dritte Mann“ oder „Das Schweigen der Lämmer“.

Unter dem Strich war „Mordkommission Berlin 1“ eine imposante Ausstattungsoper, aber nur bedingt herausragendes Fernsehen, das mit sechs Nominierungen für den Deutschen Fernsehpreis (vgl. MK-Meldung) deutlich überbewertet erscheint. Aber Sat 1 hat unter dem Etikett „Event Movie“ schon weit schlechtere Filme auf den Bildschirm gebracht.

 

 

24.12.2015 – Reinhard Lüke/MK