Das alltägliche Fernsehen ist besser, als man es auf der Berlinale glaubt

13.02.2015 •

Auf der diesjährigen Berlinale (5. bis 15. Februar) wurde als neue große Errungenschaft gefeiert, dass es dort auch zur Präsentation von Fernsehserien kommt, so als sei die Präsenz des Fernsehens auf diesem Filmfestival etwas Ungewohntes. Zeigte man auf der Berlinale seit mehr als 20 Jahren allein die Filme, die ohne Fernsehgelder entstanden, dann wäre die Veranstaltung nach zweieinhalb Tagen erledigt. Aber darüber spricht man ungern, es sei denn anklagend. Gemeint ist der übliche Vorwurf: Wenn etwas mit einem Kinofilm schiefgeht, sind es in Deutschland stets und vor allem die Fernsehredakteure, die sensationelle Drehbücher, bildstarke Konzepte und ungewöhnliche Besetzungen in Konfektionsware verwandelten. Nun also (aber nicht zum ersten Mal) die Präsentation von neuen Fernsehserien in Berlin, die prompt zu einer erneuten Diskussion über die Qualität des filmischen Erzählens in Deutschland führte, die aber wenig mit dem laufenden Programm zu tun hat.

Das bewiesen zur selben Zeit ein Zwei- und ein Dreiteiler, die im ZDF bzw. bei Arte zu sehen waren. „Tod eines Mädchens“ (9. und 11. Februar) von Stefan Holtz, Florian Iwersen (jeweils Buch) und Thomas Berger (Regie) spielt in einer kleinen Stadt an der Ostsee und erzählte spannend von der Suche nach dem Täter, der den Tod eines jungen Mädchens verursacht hatte. Bei dieser ZDF-Produktion handelte es sich um eine klassische Whodunit-Geschichte, die aber in zweimal 90 Minuten so viele Wendungen nahm, bis fast jeder als zumindest zeitweise Verdächtiger ermittelt worden war. Jenseits des Krimiplots war es die Beschreibung einer kleinbürgerlichen Idylle, die sich bei genauerem Hinsehen als äußerst brüchig erwies. Die glückliche Ehe der Eltern des getöteten Mädchens basierte auf wechselseitigem Betrug. Ein Nachbar, der sich stets richtig und angemessen verhielt, verbarg eine große Schuld. Der Großvater, der auf Selbstjustiz sann, trug mit seiner Erziehung indirekt Schuld an der Tat. Dass dieses Erzählkonzept trotz mancher Dialogschwächen gut aufging, lag an einem großen und sehr guten Ensemble, zu dem Heino Ferch, Barbara Auer, Anja Kling, Jörg Schüttauf, Hinnerk Schönemann, Rainer Bock, Johann von Bülow, Gustav Peter Wöhler, Peter Striebeck und Nina Petri zählten.

Der französische Dreiteiler „Nordkurve“ von Raphaëlle Roudaut, Clara Bourreau (jeweils Buch) und Virginie Sauveur (Buch/Regie), dessen Folgen Arte am 12. Februar an einem Abend zeigte, verfolgte ein ähnliches Erzählkonzept. Auch in dieser Geschichte, die im Norden Frankreichs spielt, geht es um die Suche nach dem Täter, und zwar nach demjenigen, der einen jungen Mann in einem Fußballstadion während eines Profispiels der zweiten Liga erstochen hat. Auch hier enthüllt die Tatermittlung die Lügen, auf denen der Alltag der Menschen gründet und die sich auf Berufliches und Privates beziehen, wobei hier auch der Sport mit eingeschlossen ist. Wie die von Barbara Auer gespielte Kommissarin in „Tod eines Mädchens“ muss sich auch die von Judith Davis dargestellte französische Kriminalpolizistin mit ihrer Vergangenheit und ihren Beziehungen zu vielen Beteiligten und Verdächtigten beschäftigen, was beide Frauenfiguren beschädigt, ohne sie an ihrer Arbeit irre werden zu lassen. Und auch hier waltete eine große Spannung, die einen zum Weitersehen geradezu zwang.

Zwei aktuelle Beispiele. Und sie zeigen: So schlecht ist das alltägliche Fernsehen eben doch nicht, wie es oft in einer abstrakten Diskussion wie etwa auf der Berlinale gemacht wird.

13.02.2015 – Dietrich Leder