Tommy Wosch/Ulli Baumann: Beck is back! 10‑teilige Anwaltsserie (RTL)

Hinter den Möglichkeiten

12.03.2018 •

12.03.2018 • Am 23. Januar dieses Jahres wechselte der Privatsender RTL am Dienstag die Programmfarbe. Bis dahin hatten über Jahre US-Kriminalserien wie „Bones – Die Knochenjägerin“, diverse „CSI“-Formate oder „The Blacklist“ diesen Abend bestimmt. „The Blacklist“ wird seit dem 17. Februar im Nachtprogramm des RTL-Spartensenders Nitro fortgeführt – ein weiteres Indiz dafür, dass es Serien mit komplexeren Erzählstrukturen, zumal solche ausländischer Herkunft, schwer haben beim deutschen Fernsehpublikum. Einheimische Themen, meist gepaart mit bekannten Gesichtern, versprechen eine höhere Quotenrendite. Das Erste beweist es seit Jahren mit Serienformaten wie „Um Himmels Willen“ und „In aller Freundschaft“.

Der Herausforderung, diesen von der Zuschauerschaft favorisierten Dienstagsangeboten der ARD ein paar Marktanteile abzunehmen, sucht RTL derzeit mit eigenproduzierten Dramedys zu begegnen. Am 23. Januar begann der Privatsender die Offensive mit zwei Folgen seiner neuen Serie „Sankt Maik“ (vgl. MK-Kritik). Am 30. Januar sah die Planung um 20.15 Uhr eine Folge von „Sankt Maik“ vor, an die sich an diesem Tag die Premiere der weiteren neuen RTL-Serie „Beck is back!“ anschloss, ehe um 22.15 Uhr nach Australien zur Dschungelshow „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ geschaltet wurde.

„Beck is back!“ (Regie: Ulli Baumann, Produktion: Ufa Fiction) basiert auf einer ansprechenden Exposition: Der studierte Jurist Hannes Beck (Bert Tischendorf) ist Vater von vier Kindern und hat sich für die Rolle des Hausmanns entschieden, während Ehefrau Kirsten (Annika Ernst) als Oberstaatsanwältin tätig ist und politische Ambitionen verfolgt. Hannes ist glücklich mit diesem Arrangement, bis er Kirsten in inniger Verbindung mit ihrem Kollegen Marius Wachta (René Steinke) erwischt.

Kirsten zeigt sich reuig, doch Hannes bleibt konsequent und verlässt sie. Er bezieht mit den Kindern eine eigene Wohnung – die Serie spielt in Berlin – und wird zusätzlich zu seiner Vaterrolle wieder berufstätig. Aus der Not heraus nimmt er den nächstbesten Job an und wird Pflichtverteidiger. Wobei er mangels Erfahrung des öfteren in Verlegenheit gerät und beim Richter (Simon Licht) aneckt, etwa wenn er Sohnemann Luca mit in die Verhandlung bringt, weil sich keine andere Möglichkeit der Betreuung finden ließ. Regelmäßig steht Beck dabei seinem Nebenbuhler gegenüber, dem Anklagevertreter Wachta, der ihn genüsslich mit bösem Spott überzieht.

Hilfe erhält Hannes Beck von Yasmina Božic (Andreja Schneider), die im ehemaligen Jugoslawien als Richterin tätig war, nach ihrer Flucht nach Deutschland nur noch als Haushaltshilfe arbeiten kann und nun zur Anwaltsgehilfin aufsteigt. Die lebenserfahrene, humorvolle Frau trägt zur Lösung der meist aus dem Kriminalbereich stammenden Fälle bei, der Umgang mit moderner Bürotechnik ist dabei ist ihre Sache nicht. Eine horizontale Erzählschiene in der Serie gilt der sich entspinnenden, aber überschatteten Romanze zwischen Hannes und seiner Studienkollegin Susanne (Julia Dietze).

Noch immer ist es so, dass es in der heutigen Gesellschaft vorrangig die Frauen und Mütter sind, die die Doppelbelastung von Beruf und Kindererziehung bewältigen und dadurch mit nicht geringen Problemen zu kämpfen haben. Nicht neu, doch auch nicht abgedroschen ist die Idee, diese Anstrengungen hier aus Männerwarte zu erzählen. Anerkennung verdient, dass sich die unter der Leitung von Headautor Tommy Wosch tätigen Autoren von „Beck is back!“ in diesem Zusammenhang auch an brisante Themen heranwagen. Die sogenannte „Rettungsfolter“ gehört dazu (Folge 3) und auch sexuelle Belästigung und Vergewaltigung am Arbeitsplatz (Folge 4).

Es geht mithin um sehr ernste Sujets, die in einer Dramedy – zum Zwecke der unterhaltsamen Vermittlung – mit komischen Elementen zusammengeführt werden. Eine hohe Kunst. Meister darin ist der US-Autor und Produzent David E. Kelley, der schon zu seiner Zeit als verantwortlicher Produzent von „L.A. Law“ diese Erzählform wählte und sie später in eigenen Serien wie „Picket Fences“, „Ally McBeal“ und „Boston Legal“ zur höchsten Reife brachte. In Deutschland konnte Autor Marc Terjung mit der Sat-1-Serie „Danni Lowinski“ (vgl. FK-Kritik) in dieser Richtung überzeugen.

Diesen Vergleichen muss sich das Produktionsteam von „Beck is back!“ stellen, zumal mit René Steinke ein Schauspieler auftritt, der schon in „Danni Lowinski“ einen – dort deutlich sympathischeren – Staatsanwalt spielte. Und da zeigt sich schnell, dass die Ausführung des Serienkonzepts bei dieser RTL-Produktion hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Die Verquickung von Komödie und Melodram gelingt hier so gar nicht, die heiteren Szenen fallen oft schwach aus, die Elemente werden so unvermittelt gereiht, als habe man im Schnittraum gepatzt. Wenn sich die Autoren an eigentlich triftige Themen heranwagen wie Folter zur Erzwingung von Geständnissen, bleibt es bei oberflächlicher Spannungsmache. Es wird keine Absicht erkennbar, das Sujet im erzählerischen Diskurs eingehender zu beleuchten.

Andere Komponenten wirken wie Versatzstücke: Die Figur der lebenspraktischen Osteuropäerin hat RTL schon erfolgreich in seiner gerade mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichneten Serie „Magda macht das schon!“ etabliert. Wenn Hannes Beck sein Anwaltsbüro im Hinterzimmer einer Hähnchenbraterei einrichtet – Running Gag: „Es riecht hier so nach Brathähnchen“ –, dann erinnert das wohl nicht von ungefähr an die amerikanische Anwaltsserie „Ed – Der Bowling-Anwalt“ (derzeit täglich um 17.30 Uhr in der Wiederholung beim Sender Anixe). Und das Verhältnis von Yasmina zum Vermieter, dem Imbissbetreiber Arslan Azadi (Serkan Cetinkaya), scheint inspiriert von den Figuren Sophie Kachinsky (Jennifer Coolidge) und Oleg Golishevsky (Jonathan Kite) aus der US-Erfolgssitcom „Two Broke Girls“. Es wäre einmal eine Untersuchung wert, ob die Zuschauer solche Koinzidenzen erkennen und wie sie gegebenenfalls darüber urteilen.

Stärker schlägt zu Buche, dass die Autoren ihre progressive Grundaussage sträflich unterlaufen, indem in der Serie berufstätige Frauen wie die untreue Kirsten Beck-Ventroni sowie deren politische Mentorin Ulrike Stein und auch noch die Anwältin Dessler eindimensional als kaltschnäuzige Intrigantinnen gezeichnet werden. Die ehrgeizige Kirsten fordert ihre Kinder nicht aus Elternliebe zurück, sondern weil es das politische Kalkül erfordert. Das so entstehende Bild: beruflich erfolgreiche Frauen haben kein Herz für Kinder.

Ein weiterer Misston besteht darin, dass Hannes Becks Freundin Susanne immer wieder und ohne inhaltlichen Zusammenhang leichtgeschürzt ins Bild gesetzt wird, etwa im Bikini; in einer Duschszene ist sie auch mal nackt zu sehen. Die Spekulation mit dem Sex ist mehrfach zu beobachten, erweist sich aber offenbar nicht als ausreichend zugkräftig, wie die für RTL unterdurchschnittlichen Quoten der ersten fünf Folgen von „Beck is back!“ belegen.

12.03.2018 – Harald Keller/MK