Eva Zahn/Volker A. Zahn/Gabriela Zerhau/Kai Wessel: Aufbruch ins Ungewisse (ARD/WDR)

Mutiges Experiment

26.02.2018 • Die Idee, die Verhältnisse einfach mal fiktiv auf den Kopf zu stellen, ist nicht eben neu und sie hat fraglos etwas Reizvolles. In der Filmdramaturgie hat sich für das Konzept, Figuren aus ihrer gewohnten Umgebung in ihnen gänzlich fremde Lebenswelten zu versetzen, der Begriff „Fish out of Water“ etabliert. Auch in der Literatur hat es immer wieder ähnliche Versuchsanordnungen gegeben. Doch häufig erstarben solche Versuche und ihre Figuren in den Zwängen des Experiments. Vor diesem Hintergrund durfte man eine gewisse Skepsis hegen, als die ARD ankündigte, das reale aktuelle Flüchtlingsdrama mal mit umgekehrten Vorzeichen in einem Spielfilm erzählen zu wollen.

Die Geschichte von „Aufbruch ins Ungewisse“ beginnt mit Schrifttafeln. „Europa ist im Chaos versunken, es herrschen Unterdrückung, Willkür und Gewalt“, so steht es da zu lesen. Dann sieht man eine Frau, die in ihrer gut ausgestatteten Wohnung die Fernsehnachrichten verfolgt. Darin wird berichtet, dass nun auch die Redaktion der „letzten volksfeindlichen Zeitung“ geschlossen worden sei. Dann erscheint der amtierende Kanzler namens Meyer auf dem Bildschirm und erklärt: „Am Anfang hat man uns noch belächelt, uns als ‘Pack’ und ‘Abschaum’ verhöhnt.“ Man erinnert sich: Als „Pack“ hat im August 2015 der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) rechte Randalierer in Sachsen tituliert.

Nächstes Bild: Der Ehemann der Frau kommt mit einer blutenden Platzwunde heim, erklärt, dass er von rechten Schlägertrupps überfallen worden sei und dass die Familie, zu der noch zwei Kinder gehören, noch in derselben Nacht aus Deutschland fliehen müsse. Und nur wenige Filmminuten später sieht man die Familie in einem überfüllten Schlauchboot vor der südwestafrikanischen Küste.

Das geht schnell. Viel zu schnell. Wie sieht das Chaos in Europa denn konkret aus? Welch schlimme Erfahrungen haben der Anwalt Jan Schneider und seine Familie in Düsseldorf gemacht, die sie nun zur überstürzten Flucht veranlassen? Wieso ist Südafrika offenbar das einzige Land, das noch europäische Flüchtlinge aufnimmt? Und hätten die nicht gerade armen Schneiders nicht einfach ein Flugzeug besteigen können, statt sich an Bord eines Frachters zu begeben und sich dann in einem Schlauchboot aussetzen zu lassen?

All diese Fragen ließ der Film unbeantwortet. Stattdessen beschränkte sich die Dystopie darauf, die Erfahrungen und Probleme von Asylbewerbern nachzuzeichnen, die derzeit in Europa stranden. Nur das die Asylbewerber hier Europäer waren, die in Afrika strandeten.

Die Schwierigkeiten für die Familie begannen damit, dass die Schleuser sie entgegen der Abmachung nicht ins südafrikanische Kapstadt brachten, sondern sie vor der Küste Namibias aussetzten. Ein Land, dem Deutschland als sicheres Herkunftsland galt, was bedeutete, dass die Schneiders keine Chance auf Asyl hatten. Und weil Afrika offenbar auch das Dubliner Abkommen der EU übernommen hatte, wonach sich Flüchtlinge dort registrieren lassen müssen, wo sie erstmals die Grenze überqueren, war klar, dass die Familie schnellstmöglich weiter nach Südafrika flüchten musste. Denn Südafrika schob Flüchtlinge trotzdem nicht in ihre Heimat ab.

Die eigentliche Tragödie bestand für die Familie Schneider jedoch in dem Umstand, dass der kleine Sohn Nick seit der chaotischen Anlandung am Strand verschwunden war. Was die Dramaturgie des Films bis zum Schluss nachhaltig prägte. Zumal Nicks Mutter Sarah sich in ihrer Verzweiflung irgendwann in Namibia mit der Bitte um Hilfe bei der Suche an einen Beamten wandte. Der bestand natürlich darauf, erstmal ihren Ausweis sehen zu wollen. Nach langem Zögern schob Sarah ihre Papiere schließlich über den Tresen. Wohlwissend, dass sie damit in Namibia als registriert galt und ihr Asyl in Südafrika aufs Spiel setzte. Da sie ihrem Mann davon nichts erzählte, hing ihre Tat fortan wie ein Damokles-Schwert über ihrer Beziehung und der weiteren Flucht. So wurde nachvollziehbar, in welchem Maß Extremsituationen wie die einer Flucht selbst stabile Beziehungen aus den Fugen geraten lassen. Auch die pubertierende und gefrustete Tochter Nora erschien für ihre Eltern irgendwann emotional nicht mehr erreichbar.

Zudem gelang es dem Autorenteam Eva Zahn, Volker A. Zahn und Gabriela Zerhau (Buchbearbeitung: Astrid Ströher) im Verbund mit Regisseur Kai Wessel, immer wieder deutlich zu machen, was es heißt, in einer Notsituation der Gutwilligkeit Fremder ausgeliefert zu sein. So erklärte der Beamte, dem Sarah vom Verschwinden ihres Sohnes berichtete, ganz lapidar: „Dann ist er wohl ertrunken.“ Als die Mutter daraufhin erzürnt reagierte, setzte er nach: „Wir haben Sie nicht gebeten, hierher zu kommen. Sie selbst haben ihren Sohn in diese Gefahr gebracht.“ Wenn sich die Empathie für die agierenden Hauptfiguren dennoch in Grenzen hielt, hatte das in erster Linie damit zu tun, dass der Film einem keine Zeit gewährte, sich mit ihnen in ihrem Leben vor der Flucht vertraut zu machen. In Afrika gestand das Drehbuch Jan (Fabian Busch) und Sarah (Maria Simon) lediglich eine Gefühlslage zwischen Angst und Verzweiflung zu, die den Darstellern wenig Raum ließ.

Unter dem Strich war diese Produktion von Hager Moss Film (zusammen mit Two Oceans Production) dennoch ein ebenso mutiges wie löbliches Projekt, das schon vor der Ausstrahlung in den sozialen Netzwerken für hitzige Debatten mit eindeutig fremdenfeindlicher Tendenz gesorgt hatte. Dass die ARD die ursprünglich an diesem Tag in der Talkshow „Maischberger“ geplante Diskussion zu dem Film, den 3,15 Mio Zuschauer sahen (Marktanteil: 9,6 Prozent), kurzfristig absagte und dort stattdessen einmal mehr die „GroKo“ zum Thema machte, zeugte auch nicht eben von großem Respekt vor einer eigenen Produktion.

26.02.2018 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 12/2018

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