Lutz Hachmeister: Wallraff war hier (RTL)

Der Gerechtigkeitsberserker

20.10.2017 • „Günter Wallraff – der Marathonmann, der Betriebsstörer, der Erfinder eines neuen Journalismus, der Auflagenmillionär. Günter Wallraff – der Umstrittene, der Verletzliche, der Unbeugsame, heute eine internationale Marke. Und man fragt sich: Wie und warum hält er das durch als Mann mit 75 Jahren? Und warum macht er immer weiter, obwohl er sich doch längst auf einer fernen Insel zur Ruhe setzen könnte?“

Mit diesem Steckbrief und mit diesen Fragen beginnt der Film von Lutz Hachmeister über Günter Wallraff. Das Erstaunlichste an diesem Film mit dem Titel „Wallraff war hier“ (Produktion: Gemini Film/HMR/Info Network) ist vielleicht, dass der Privatsender RTL ihn sich leistet und dass der Autor des Films sich den Sender leistet, dass dieser Film – gleichsam eine stilistische Schmuggelware – in der knallbunten Herz-Schmerz-Welt von RTL auftaucht und dass der Intellektuelle, der „Egghead“, in den gefühlstrüben und flachwitzigen Programmfluss des Senders eintaucht. Ist das eine Win-Win-Situation? Kapert der Sender einen preisgekrönten Dokumentarfilmer und entert der Autor einen Sender, der eigentlich keine Autoren kennt? Diese Fragen könnten auch auf das Geburtstagskind zielen, auf Wallraff, der bei RTL seit einiger Zeit mit dem Investigativ-Format „Team Wallraff“ präsent ist (vgl. FK-Kritik), der gerade 75 Jahre alt wurde und deshalb von seinem Sender ein netto 60 Minuten langes Porträt geschenkt bekam (dessen Sendezeit sich brutto mit Werbeinseln auf insgesamt 75 Minuten erstreckte).

Die Analyse von Hachmeister ist auf jeden Fall quicklebendig und wohlwollend: Wallraff erscheint vom ersten Moment an wie eine gezeichnete, vom Leben hingekrakelte Figur, so biegsam, spindeldürr, ein federnder Turnschuhschritt, ein Alter mit Basecap, der nicht alt sein will, einer, der Mediengeschichte geschrieben hat und jetzt beinahe wie eine Comic-Figur durch die Bilder hetzt. Klar, man kann dieses reiche, übervolle Leben nicht in 60 Minuten packen, auch deshalb wird vieles in dem Film (der im Anschluss an eine „Team-Wallraff“-Folge lief) nur angetippt, manches gar nicht erwähnt, doch der Autor hat die Fülle des Materials im Griff. Er verzichtet dabei auf einen Strauß von O-Tongebern und lässt in erster Linie „Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der laut eigener Aussage Wallraff nach einer längeren Schaffenskrise wieder zum Recherchieren und Schreiben animiert hat, die Journalistin und Talkmoderatorin Sandra Maischberger, die sagt, Wallraff sei für sie ein journalistisches Vorbild, und den früheren „Bild“-Chef Kai Diekmann zu Wort kommen und zur Analyse beitragen.

Nach einem ersten biografisch-beruflichen Aufriss, einer Exposition, in der Wallraff in der Pressegeschichte und in seinem heimatlichen Umfeld Köln-Ehrenfeld situiert und charakterisiert wird, blickt der Film zurück und erzählt chronologisch vom Herkommen und Aufwachsen, von Herzens- und Charakterbildung. Eine entscheidende Sozialisationsinstanz wird die Bundeswehr, wo man dem Rekruten, der keine Waffe in die Hand nehmen will, eine „abnorme Persönlichkeit“ attestiert. Wallraff schildert seine Zeit bei der Bundeswehr in einer langen Reportage (1964) für die damals angesagte Illustrierte „Twen“, die sich an ein junges Publikum richtete. Der Enthüllungs- und Undercover-Journalist ist geboren, der Schmerzensmann des Print, der Mann, der nach ganz unten steigt, um selbst nach oben zu kommen.

Günter Wallraff, der sich mit den Ausgebeuteten und Entrechteten identifiziert, kann damit eine Markt- und Identitätslücke schließen: Als Stimme der Stimmlosen findet er seine Stimme, als Darsteller der Nichtdargestellten – der staubgrauen Arbeiter und subalternen Angestellten – findet er einen Körper, eine Medienpräsenz, die ihn in der Bundesrepublik unverzichtbar macht. 1966 veröffentlicht Wallraff die aufsehenerregenden „Industriereportagen“, es folgen Bestseller wie „Ihr da oben, wir da unten“ (1973), „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Esser war“ (1977) oder „Ganz unten“ (1983). In den großen Industrieunternehmen kursieren damals Wallraff-Steckbriefe, damit die Personalabteilungen ihn ja nicht einstellen. Wallraff wird zur Marke.

Ja, 60 Minuten sind zu kurz, um ganz tief in die Archive zu steigen, gerne hätte man noch mehr über Wallraffs spannungsvollen Clinch mit den öffentlich-rechtlichen Sendern erfahren, zumal Hachmeisters dokumentarische Reportage dann am stärksten ist, wenn sie Archivausschnitte miteinander in Beziehung setzt und sich zwischen den Statements Dialog und Anti-Dialog ergeben. Da spürt man am stärksten die Handschrift des Regisseurs, der ja als Porträtmacher, ob über Hanns Martin Schleyer (vgl. FK-Kritik), Joseph Goebbels (vgl. FK-Gespräch dazu) oder Peter Hartz (vgl. FK-Kritik), von der Material- zur Menschenkunde vorstößt und die Zeitläufte in den Protagonisten zum Sprechen bringt – der Dokumentarist als Diskursverdichter. Man kann viel richtig machen, wenn man die Bilder sprechen lässt, auch deshalb sind die Undercover-Aufnahmen von Wallraff als Bürodiener in Gerlings Versicherungskonzern in Köln oder die Archivbilder seiner Rolle als Hans Esser bei „Bild“ in Hannover am eindringlichsten; hier werden – in Schwarzweiß – die Mentalitäts- und Machtmuster der alten Bundesrepublik deutlich.

Vor diesen historisch stark ‘kontaminierten’ Bildern wirken die Gegenwartsstudien eher luftig: Der Film begleitet Wallraff nach Griechenland, wo er einst gegen die Militärdiktatur protestierte und verhaftet wurde, nach Portugal, wo er das Leben in einer Landkommune ausprobierte, und man reist mit Wallraff nach Jordanien, wo er einer Deutschen, die dort von ihrem Mann gewaltsam festgehalten wird, zur Ausreise verhilft. Bei all dem wird offenkundig: Spiel und Engagement, Inszenierung und Hilfe, Gerechtigkeitsfanatismus und Selbstverwirklichungsfanatismus sind bei Günter Wallraff keine Gegensätze. „Es kann vorkommen“, sagt er, „dass ich mich mit etwas so identifiziere, dass ich alles riskiere und unter Umständen bereit bin, mein Leben aufs Spiel zu setzen, das hat aber immer mit Spiel zu tun.“

Zum Ertrag mancher Reportage, vor allem Fernsehreportage, äußert Giovanni di Lorenzo: „Manchmal ist die Inszenierung und der Apparat größer als die Geschichte, die rauskommt, und auf der anderen Seite sag’ ich: Warum nicht ein Medium nutzen, mit dem man an die Menschen rankommt, die schwer zu erreichen sind? Und ein Medium, das enormen Druck aufbauen kann.“ Dass Wallraff jetzt bei RTL gelandet ist, ist ihm selbst unheimlich, hat aber auch mit der damals vorherrschenden Arroganz der Öffentlich-Rechtlichen und ihrer strukturellen Konfliktscheu zu tun. Die Passagen des Films, in denen Hachmeister im Kontext des Wirkens von Wallraff öffentlich-rechtliche Ikonen wie Johannes Gross (Deutschlandfunk, ZDF), Gerhard Löwenthal („ZDF-Magazin“) oder einen tageswütenden Wadenbeißer wie Heinz Klaus Mertens („Report München“, ARD/BR) entzaubert, sind sehr sehenswert.

Ja, der private Wallraff taucht in diesem Film auch kurz auf. Man erfährt – das sind nette, witzige Szenen – dass Wallraff ein Katzenfreund ist, dass sich Katzen von ihm lieber vernachlässigen lassen als die eigene Familie, die er natürlich notorisch vernachlässigen musste, und man lernt einen Mann kennen, der darunter leidet, nur einer zu sein und nicht viele, denn die Welt, so sieht es Wallraff wohl selber, bräuchte mehr von seinem Schlag. Wallraff hat, auch das macht der Film klar, einen neuen Autorenbegriff und eine neue Art von Journalismus geprägt. Tatsächlich ist Wallraff wohl ein Journalist, der viel mit Joseph Beuys und der Aktionskünstlerin Marina Abramović zu tun hat, er ist einer, der mit dem Körper recherchiert und geschrieben hat, ein Journalist, der erst im Happening und in der Performance ganz zu sich selbst fand und sich dabei maximal abhanden kam. Dass es da auch Lebenskrisen gab, familiäre, berufliche und existenzielle, deutet der sehenswerte Film an (die Einschaltquote beim Gesamtpublikum belief sich auf 1,79 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 9,3 Prozent).

Seinen Frieden mit der globalen Ungerechtigkeitsmaschine hat Wallraff sicher nicht gemacht, etwas mehr Gelassenheit angesichts anrüchiger Entitäten wie der „Bild“-Zeitung hat er offenbar schon gefunden. Hier suggerieren die Bilder des Films – Wallraff im Tischtennis-Match mit Kai Diekmann – etwas mehr Harmonie, als sie der Off-Kommentar dann selbst dementiert; da kommen, so hat es den Anschein, die „Bild“-Zeitung und ihre Methoden dann doch zu gut davon. Dass Günter Wallraff die neuen Allianzen und Berührungen mit RTL und „Bild“ selbst unheimlich sind, flackert im Film auch auf, aber nur kurz. Man hätte gerne gewusst, ob Wallraff sich derzeit nicht gerade – das wäre sein größter Coup – im Einsatz gegen RTL befindet, ganz ohne Tarnung perfekt getarnt. Wie wäre es, wenn er einmal die Inszenierungsmethoden und Scripted-Reality-Formate von RTL und RTL 2 unter die Lupe nähme, wo sicherlich Menschen ausgebeutet und zu Deppen gemacht werden? Wie RTL das „Ganz-unten“ vieler Schicksale nutzt, kann Günter Wallraff nicht ganz gleichgültig sein.

Der Film endet poetisch. Wenn Wallraff, diesem Gerechtigkeitsberserker, mal wieder alles zu viel wird, wenn er mal wieder die Last der Welt auf den schmalen Schultern spürt, verkriecht er sich in eine bestimmte Höhle am Meer. Beim Dreh dort wirft der Scheinwerfer Wallraffs Schatten an die Höhlenwand, wie einen Comic aus der Steinzeit. Da steht er der gebeugte Mensch, hadernd und suchend, wütend und kapitulierend, jung und uralt. Trotz aller Zweifel: Ein Menschenfeind ist Wallraff, dieser Allzeit-Zornige, nie geworden. Und die Höhle hat er immer noch verlassen.

20.10.2017 – Torsten Körner/MK