Stefan Scheich/Robert Dannenberg: Der letzte Bulle. 13-teilige Krimi-Serie (Sat 1) / Marc Terjung: Danni Lowinski. 8-teilige Dramedy-Serie (Sat 1)

Auf Du und Du mit der Unterschicht

23.04.2010 •

23.04.2010 • Mit seinem wiederbelebten „Serien-Montag“ geht Sat 1 in einen scharfen Wettbewerb. In direkter zeitlicher Konkurrenz laufen unter anderem populäre Dokumentationen im Ersten und der publikumsträchtige „Fernsehfilm der Woche“ des ZDF. RTL belegt den 20.15-Uhr-Termin dieses Tages seit je mit „Wer wird Millionär?“ und sendet im Anschluss seit einigen Wochen die zugkräftige Doku-Show „Vermisst“. Man sollte also nicht, wie früher bei ähnlichen Gelegenheiten geschehen, ungeachtet der Umstände auf eine grundsätzliche Abneigung des Publikums gegen deutsche Serien schließen, sofern die beiden Sat-1-Novitäten „Der letzte Bulle“ und „Danni Lowinski“ ihre bislang zufriedenstellenden Quoten nicht dauerhaft halten können.

Publikumsappeal ist fraglos vorhanden. Henning Baum, Hauptdarsteller der heiter angelegten Krimi-Serie „Der letzte Bulle“ (Produktion: Granada in Kooperation mit Greenskyfilms), ist ein bildschirmbekanntes Gesicht und insbesondere aus der erfolgreichen Sat-1-Serie „Mit Herz und Handschellen“ in Erinnerung. Der Part des Kriminalbeamten Mick Brisgau, der nach einer Schussverletzung zwanzig Jahre im Koma lag und nach kurzer Reha-Phase seinen Dienst wieder aufnimmt, wirkt wie maßgeschneidert für den hünenhaften Mimen, der hier die gebotene körperliche Präsenz mit augenzwinkerndem Charme zu paaren versteht.

Aus der Exposition der Serie, einer Art umgekehrtes „Life on Mars“ (vgl. FK-Heft Nr. 9/07), lassen sich sowohl komische wie tragische Momente gewinnen. Brisgaus vorgestriger Habitus bringt ihn fortwährend in Konflikt mit seiner Umwelt. Der sprücheklopfende Rabauke raucht Kette, fährt lieber einen alten ausladenden Spritfresser als eine durchtechnisierte „Spießerkutsche“ mit Navigationsgerät, und sein hemdsärmeliger, nicht immer ganz vorschriftsgemäßer Umgang mit Kollegen, Verdächtigen und Zeugen verlangt von seinem jungen Partner Andreas Kringge (Maximilian Grill) mehr Nachsicht, als der zunächst aufzuwenden bereit ist.

Für spritzigen Dialogwitz (Headautoren: Stefan Scheich und Robert Dannenberg) sorgen insbesondere Brisgaus verbale Scharmützel mit der Psychologin Tanja Haffner (Proschat Madani), bei der er sich auf Anweisung regelmäßig einzufinden hat, was er als harter Bursche tunlichst zu vermeiden sucht. Und natürlich belustigen immer wieder Brisgaus Irritationen angesichts einer völlig gewandelten Gegenwart. Er ist zutiefst erschüttert, dass Freddie Mercury schwul war, kämpft quichottesk mit modernen Kaffeeautomaten und erst recht mit den winzigen Handys, die in seinen Pranken beinahe untergehen. Der befremdete Blick aus der Warte eines Zeitspringers stimmt bei allem Jux auch nachdenklich. Eines wird ziemlich schnell klar: Wir alle umgeben uns mit sehr viel unnützem Tinnef.

Beim fröhlichen Schabernack lassen es die Autoren freilich nicht bewenden. Mick Brisgau muss hinnehmen, dass seine Frau (Floriane Daniel) inzwischen mit einem anderen Mann zusammenlebt, einem Berufskollegen noch dazu, und dass seine Tochter (Luise Risch), die er nur als Baby kannte, erwachsen geworden ist. Eine problematische Familiensituation und ein wiederkehrendes Motiv am Rande der episodischen Kriminalgeschichten. Denn die Erwartungen ans Genre werden bedient. Vorherrschend sind Fälle mit zumeist originellen, mitunter makabren Begleitumständen: Mal wird ein toter Weihnachtsmann aus dem Kamin gezogen, mal kommt es beim motivationsfördernden Geländespiel für Bankangestellte zu einem Todesfall. Diese Verbrechensgeschichten – Schauplatz der Serie ist Essen – siedeln nicht im gesellschaftlichen Nimmerland, sondern weisen trotz bisweilen grotesker Aspekte unverkennbar lebensweltliche Bezüge auf. Die Motive der Täter werden mit Sorgfalt entwickelt. Auf diese Weise findet die Serie sogar zu einer dezent gesellschaftskritischen Note.

Eine erfreuliche Programmfarbe und ein gelungener Entwurf – nur lässt die Umsetzung zu wünschen übrig. Da gibt es kleinere Brüche mit der Logik, so zum Beispiel, wenn der frisch dem Koma entstiegene Brisgau in der Auftaktepisode bereits mühelos die Fotofunktion eines Handys beherrscht, in der nächsten Folge aber nicht einmal eine SMS abrufen kann. Da fehlte eindeutig die ordnende Hand eines Story-Editors. Als wahrer Anschlag aufs Gemüt des Zuschauers aber erwies sich der penetrante Musikeinsatz. In bald jeder Szene wird ein Musiktitel aus Mick Brisgaus Erfahrungswelt angespielt, der brachial Bezug zum Gezeigten herstellt: Gibt Brisgau wieder einmal den unartigen Bengel, erklingt Iggy Pops „Wild Child“. Hockt er mit angewiderter Miene im Sushi-Restaurant, läuft – geografisch natürlich völlig verfehlt –„Kung Fu Fighting“ von Carl Douglas. Und selbst wenn Brisgau nur den Toilettendeckel hochklappt, gibt es noch einen musikalischen Kommentar: „Upside Down“ von Diana Ross. Diese aufdringliche Manier erklärt sich durch eine Einblendung nach dem Werbeblock: „Die CD mit allen Hits – Jetzt im Handel!“ Da kann man nur sagen: Bitte nicht kaufen! Damit diese Unsitte nicht zur Gewohnheit wird.

Der heitere Tonfall bleibt erhalten, wenn „Der letzte Bulle“ den Bildschirm räumt und ihn der von Phoenix Film produzierten Dramedy-Serie „Danni Lowinski“ überlässt, in der es um die gleichnamige, frisch gebackene Anwältin geht. Die Komödiantin Annette Frier macht sich gut in der Rolle einer früheren Friseurin, die den zweiten Bildungsweg beschritten und ein Jura-Studium absolviert hat. Mit ihrer lebhaften Art und etwas zu grellen Garderobe eine Erin Brockovich aus kölschem Milieu, hat sie es schwer, im Beruf Fuß zu fassen. Kurzentschlossen bezieht sie – diese Volte erinnert an den Bowlingbahn-Anwalt Ed Stevens aus der ebenfalls bei Sat 1 gezeigten US-Serie „Ed“ – einen Posten in einem Einkaufszentrum und bietet Rechtsberatung für einen Euro pro Minute. Damit ist schon angelegt, dass Danni keine großen Verfahren führen wird, sondern die untere Liga bewirtschaftet. Zu ihren Mandanten, mit denen Danni schnell per Du ist, gehören ausgebeutete Putzfrauen, Prostituierte, eine Spastikerin und ein Obdachloser, dem ohne seine Zustimmung ein Arm amputiert wurde. Die private Danni Lowinski erleben wir neben ihrem mürrischen, pflegebedürftigen Vater (Axel Siefer) in einer kleinen Hochhauswohnung.

Gerade der Verzicht auf die glamourösen Aspekte des Anwaltswesens wie auch auf prozessuale Showeffekte macht diese Serie sehenswert – sie liefert Unterschichtenfernsehen im besten Sinne und tut dies auf sehr unterhaltsame Weise. Denn die Erwartungen des Publikums werden keineswegs missachtet. Da gibt es einen attraktiven Anwalt (Jan Sosniok) im selben Hause, der Danni anfangs nur einen Job als Sekretärin zutraut, ihr dann des öfteren vor Gericht gegenübersteht und nicht nur aus beruflichen Gründen ihr Blut in Wallung bringt. Fürsprache und Unterstützung findet Danni bei den kleinen Geschäftsinhabern und den Angestellten der Einkaufspassage, ein sehr angenehmes Serien-Personal, das dem Zuschauer nicht über Status und Prestige, sondern über Eigenschaften wie Herzlichkeit, Chuzpe und Mutterwitz nahegebracht wird. Headautor Marc Terjung („Edel & Starck“) gelingt mit dieser Serie der Beweis, dass man auch von Menschen am Rande der Gesellschaft kurzweilig erzählen kann, sofern man Komik und Tragik gekonnt zu verknüpfen versteht.

• Text aus Heft Nr. 16-17/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

23.04.2010 – Harald Keller/FK

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