Frauke Sandig: Friedland (Deutsche Welle/NDR Fernsehen)

Konkrete menschliche Schicksale

02.10.2015 •

Ist von einem „Lager“ die Rede, dann hat das immer einen beklemmenden Beigeschmack. Zumal, wenn es sich um eine deutsche Einrichtung handelt. Bei dem sogenannten „Grenzdurchgangslager“ Friedland ist das etwas anders. Diese Einrichtung ist seit ihrer Gründung am 20. September 1945 durch die damalige britische Besatzungsmacht für mittlerweile mehr als vier Millionen Menschen zu einem „Tor zur Freiheit“ geworden. Allein bis zum Jahr 1947 war dieser unscheinbare Ort nahe Göttingen die erste Anlaufstelle für 800.000 Vertriebene und Kriegsheimkehrer, vorwiegend aus dem Osten.

Der geschichtliche Aspekt spielt eine wichtige Rolle in dem Dokumentarfilm „Friedland“, den die Berliner Regisseurin Frauke Sandig anlässlich des 70-jährigen Bestehens dieser Einrichtung realisierte. Der Beitrag ist eine Koproduktion des Fernsehens der Deutschen Welle (DW) und des Norddeutschen Rundfunks (NDR). Frauke Sandig feierte vor bald zehn Jahren mit ihrer gemeinsam mit Eric Black gedrehten Dokumentation „Frozen Angels“ (vgl. FK 35/06) über Samenspender, Fitnesskult und künstliche Befruchtung einen großen Erfolg.

Sandigs aktueller Film „Friedland“ ist nicht so spektakulär, doch das liegt am Thema, zu dem Sandig dennoch einen bemerkenswerten Zugang findet. Die Regisseurin zeigt nämlich nicht nur, wie Menschen aus aktuellen Krisengebieten in diesem Auffanglager ankommen, sondern der Film verdeutlicht auch, welche Rolle dieses Lager für Deutsche wie beispielsweise Annelie Keil spielte, die hier ausführlich zu Wort kommt. Die 1939 in Berlin geborene Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin verbrachte ihre ersten fünf Lebensjahre in Polen, von wo aus sie 1944 mit ihrer Mutter vor der herannahenden Roten Armee der Sowjetunion flüchten musste. Die Ankunft in Friedland war für sie ein Schlüsselerlebnis.

Der Film zeigt, wie die 2004 emeritierte Professorin nach fast 60 Jahren noch einmal in das Grenzdurchgangslager zurückkehrt. Vor der Kamera kommt sie mit Menschen ins Gespräch, die aus ebenfalls ihrem Heimatland vertrieben wurden. Diese von ihrer Flucht gezeichneten Frauen und Männer können sich nicht vorstellen, dass auch Menschen aus Deutschland sich einst in einer ähnlichen Notlage befanden wie sie. Durch diese Begegnung lässt der Film die Vergangenheit wieder aufleben. „Wenn ich hier Kindern begegne aus Syrien oder anderen Kriegs- und Krisengebieten, dann begegne ich immer mir selbst“, erklärt Annelie Keil. Zwar übertreibt sie es hier und da ein wenig mit ihrem prätentiösen Auftreten; dennoch verändert die konkrete Erinnerung daran, dass jeden das Schicksal der Verfolgung ereilen kann, den Blick auf jene derzeit aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Eritrea nach Deutschland geflohenen Menschen, die kurzzeitig in Friedland bleiben, bis sie in anderen Bundesländern untergebracht werden.

Obwohl im Film eine Musikuntermalung gewählt wurde, die düster klingt, haben die Flüchtenden in Friedland keinen Grund zur Sorge. Frauke Sandigs geduldiger Blick hinter die Kulissen dort verdeutlicht, dass diese Institution nicht als „Lager“ im üblichen Sinn bezeichnet werden kann. Zwischen der Unterbringung der Flüchtlinge und den Menschen, die in der umliegenden Gemeinde leben, gibt es keine Zäune. Menschen aus aller Herren Ländern sitzen am Straßenrand und schicken SMS an ihre Verwandten. Die Begegnung in der Fußgängerzone, wo Flüchtlinge den Pudel einer deutschen Passantin streicheln, wirkt nicht aufgesetzt.

Nacheinander stellt der Film Familien vor, die von traumatischen Erlebnissen in Bürgerkriegsgebieten berichten. „Es gibt viele Massaker. Man weiß nicht mehr, wer da tötet. Die Wahrheit ist verlorengegangen.“ So übersetzt eine Dolmetscherin die Klage einer syrischen Mutter, deren Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Einer hübschen Afghanin, die ihren 35 Jahre älteren Mann, mit dem sie zwangsverheiratet wurde, ohne Scheidung verlassen hat, würde bei ihrer Rückkehr die Steinigung drohen. Ein junger Pakistani hat sich die pechschwarzen Haare mit blonden Strähnen gefärbt – unschwer zu erraten, weswegen er in seiner fundamentalistischen Heimat verfolgt wird.

Dank dieser konkreten, teils sehr ergreifenden Geschichten werden die in den Medien als abstrakte Größe wahrgenommenen aktuellen „Flüchtlingsströme“ mit konkreten menschlichen Schicksalen verbunden. Der knapp anderthalbstündige Film protokolliert unterdessen das unaufgeregte Funktionieren einer Institution. Kinder werden betreut, Bedürftige erhalten Kleider und auch die Seelsorge spielt eine Schlüsselrolle. Mit ihrem schlicht „Friedland“ genannten Dokumentarfilm hat Frauke Sandig vielleicht keinen preisverdächtigen Beitrag für die Grimme-Jury gedreht; ihre zurückhaltenden Beobachtungen bleiben jedoch in Erinnerung, weil sie das Problem der Flucht, der Migration und der „Willkommenskultur“ aus einer pragmatischen Perspektive zeigen. „Friedland“ ist ein Film, der vor Augen führt, was Humanität bedeutet – und dass die laut Artikel 1 des Grundgesetzes unantastbare Würde des Menschen nicht nur für Deutsche gilt.

DW-Fernsehen zeigte den Film in zwei 45-minütigen Teilen am 12. und 19. September in deutscher Fassung; außerdem wurde er im inter­nationalen Programm der Deutschen Welle in englischer, spanischer und arabischer Sprache ausgestrahlt. Im Dritten Programm NDR Fernsehen und wenige Tage darauf bei Phoenix lief „Friedland“ in der 90-minütigen Version.

02.10.2015 – Manfred Riepe/MK