Promis, Pop und Politik

Nachrichten im Privatfernsehen: Die jugendlichen „RTL 2 News“

Von Harald Keller

12.03.2010 • Wenn der Abspann von „Big Brother“ einsetzt, rückt das Bild nach links und macht Platz für den Moderator der nachfolgenden Nachrichtensendung, der kurz vor 20.00 Uhr einen Überblick über die Themen des Tages gibt. Im Anschluss um 20.15 Uhr erwarten den Zuschauer Segnungen wie „Die Mädchengang“, „Zuhause im Glück – Unser Einzug in ein neues Leben“ oder auch „Stargate Universe“. Dazwischen, also parallel zur Hauptausgabe der ARD-„Tagesschau“, sendet der Privatsender RTL 2 – ein Gemeinschaftsunternehmen von RTL Group, Tele München, Heinrich-Bauer-Verlag und Burda – täglich seine knapp 15-minütigen „RTL 2 News“. Bei der Produktion seiner Nachrichtensendungen kann RTL 2 auf die Außenstudios und Dienstleistungen (zum Beispiel Computeranimationen) des Teilhabers RTL zugreifen, agiert aber redaktionell eigenständig.

Ein direkter Vergleich mit den Hauptnachrichten der beiden öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF – nehmen wir zum Beispiel als Stichtag den 26. Februar – zeigt wenig überraschende Differenzen. „Tagesschau“ und „Heute“ eröffnen mit dem Bundestagsbeschluss zur Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes nebst Protestaktion der Fraktion der Linken und deren Saalverweis. Bei RTL 2 räumt man der Nachricht über einen 15-Jährigen Priorität ein, der, Originalton RTL 2, „seine Nachbarin brutal erschlagen“ hatte und gemäß Volljährigenrecht zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde. Danach folgt auch hier ein ausführlicher Beitrag zur Afghanistan-Debatte.

„Liebe Frau Käßmann, das war ganz schön kess, Mann“

Das Boulevardeske hat unübersehbar seinen Platz in den „RTL 2 News“, Sensationsmeldungen also und mehr noch bunte Nachrichten aus der Unterhaltungsindustrie. Die „V.I.P. News“, wahlweise auch angekündigt als „Promi-News“ oder „Star News“, werden in einem eigenen Block zusammengefasst. Am 26. Februar waren dies: die Festnahme des türkischen Popstars Tarkan wegen Drogenbesitzes, der Auftakt der Mailänder Modewoche und eine Panne im Formel-1-Rennstall von Mercedes. Am 3. Februar 2010 gingen die „V.I.P. News“ der Frage nach, ob Madonna sich von ihrem Lebensgefährten getrennt habe, vermeldet wurden die Geburt des gemeinsamen Kindes von Oliver Pocher und Sandy Meyer-Wölden sowie die neuerliche Eheschließung des Fotomodells Katie Price. Die „Kinocharts“ leiteten über zum abschließenden Bericht dieser Ausgabe, der dem Start des im gehobenen Bereich rangierenden Hollywoodfilms „Up In The Air“ mit George Clooney gewidmet war.

Diese kleine Auswahl aus einem insgesamt dreiwöchigen Beobachtungszeitraum zeigt schon, dass sich die „RTL 2 News“ vom Inhalt wie vom Auftritt her von den traditionellen Nachrichtensendungen abheben. Wobei der historischen Korrektheit wegen festgehalten werden muss, dass sowohl die „Tagesschau“ als auch „Heute“ nicht seit jeher streng auf die Politik fixiert waren, sondern in der Vergangenheit zeitweilig ebenfalls ein buntes Potpourri vielfältiger Themen offerierten. Die „Tagesschau“ und „Heute“ werden seit Jahrzehnten habituell eingeschaltet, die Anfangszeit der „Tagesschau“ bestimmt bis heute die Programmstrukturen des deutschen Fernsehens. Sat 1 scheiterte einst mit dem Versuch, das Ritual zu durchbrechen und den Beginn des Hauptabendprogramms auf 20.00 Uhr vorzuverlegen. Auch jene Dritten Programme der ARD, die wie das Bayerische Fernsehen oder das MDR Fernsehen auf die Übernahme der „Tagesschau“ verzichten, richten sich bei ihrer Programmgestaltung dennoch nach dem altgewohnten Umschaltzeitpunkt um 20.15 Uhr.

Neben den öffentlich-rechtlichen Angeboten hat sich auf kommerzieller Seite „RTL aktuell“ (18.45 bis 19.05 Uhr) beim Publikum etabliert. Demnach wäre es müßig, einen weiteren Aktualitätendienst bekannten Musters einzurichten, und dies auch noch in direkter zeitlicher Konkurrenz zur „Tagesschau“. RTL 2 verfolgt mit seinen News daher einen anderen Weg und mischt politische Nachrichten mit Themen speziell aus den Interessensfeldern und Erfahrungsgebieten jugendlicher Zuschauer, also der Zielgruppe des Senders. Das sind Meldungen aus der Unterhaltungsindustrie – Musik, Kino, Computer –, aber auch Nachrichten mit lebensweltlichem Bezug, wie RTL-2-Chefredakteur Jürgen Ohls gegenüber der FK anmerkt: „Vor kurzem haben wir über ein Camp in Sachsen berichtet, wo man in den Ferien Schulnoten verbessern und gleichzeitig arbeiten kann, das ist ein Modellprojekt, und der Beitrag ist sehr gut gelaufen.“ An jedem Samstag gibt es in den „RTL 2 News“ – Puristen werden den Kopf schütteln – den anderthalbminütigen musikalischen „Wochen-Rap-Blick“ des Rap-Duos Kunstrasen. Eine Textprobe: „Liebe Frau Käßmann / Das war schon ganz schön kess, Mann / Und eigentlich gehört es sich nicht / Über Geistliche zu lästern / Doch betrunken Autofahren ist nun mal verboten / Und das nicht erst seit gestern ...“

Gestammel bei der „Tagesschau“

In Zeiten, in denen eine allgemeine Politikverdrossenheit konstatiert und insbesondere das politische Desinteresse der Jugendlichen beklagt wird, können die „RTL 2 News“ für sich in Anspruch nehmen, regelmäßig einen hohen Anteil an jungen Zuschauern zum Einschalten zu bewegen. In den ersten beiden Monaten des Jahres 2010 lag der Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen bei 8,2 Prozent (das ist in dieser Zielgruppe deutlich mehr als zum Beispiel bei der 19.00-Uhr-Ausgabe von „Heute“ im ZDF). Auffallend ist, dass bei den „RTL 2 News“ das weibliche Publikum überwiegt. Dieser Umstand verdankt sich dem Audience-flow von der voraufgehenden Reality-Show „Big Brother“; Zufluss erhalten die „RTL 2 News“ aber auch von der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ (GZSZ). Jürgen Ohls: „Ich habe nicht das Gefühl, dass Jugendliche per se extrem unpolitisch sind. Sie haben nur ein Problem mit der Art und Weise, wie das vermittelt wird, mit der Darstellung.“ Bestätigt wird er auch durch den Zuspruch zum sonntäglichen „Nachrichtenjournal“, das bei RTL 2 gegen Ende des Hauptprogramms einen Wochenrückblick liefert und trotz sehr später Sendezeit laut Ohls mitunter fast eine Million vornehmlich jüngere Zuschauer erreicht.

Im Gespräch mit der FK plädiert Jürgen Ohls für eine verständliche Nachrichtenaufbereitung in Wort und Bild. Eine Stichprobenanalyse führt zu dem Ergebnis, dass, unabhängig vom Thema, Kontextualisierung und sprachliche Gestaltung bei den „RTL 2 News“ tatsächlich vorbildlich praktiziert werden. Des öfteren sind die RTL-2-Redakteure den Kollegen der „Tagesschau“ diesbezüglich sogar voraus. Dort nämlich hört man in Filmbeiträgen Sätze wie „Also der Bund soll kaufen. Doch, Bundespressekonferenz, der Sprecher des Bundesfinanzministers sieht die Sache ganz anders.“ Das ist ein für Normalzuschauer nur schwer verständliches Gestammel, das umso wirrer wird, als vorher im Beitrag vom „Bonner Bundeszentralamt für Steuern“ die Rede war. Eine inhaltliche Verknüpfung vom Bonner Amt mit dem Berliner Bundesfinanzministerium wurde nicht hergestellt. Wer da nicht die nötigen Vorkenntnisse mitbringt, wird aus solchen Beiträgen nicht viel mitnehmen. Oder gleich den Sender wechseln.

Jugendgemäß sind solche Verstiegenheiten schon gar nicht. In dieser Hinsicht lassen die öffentlich-rechtlichen Sender ein erhebliches Defizit erkennen, klafft doch eine breite Angebotslücke zwischen der Kindernachrichtensendung „Logo!“ des von ARD und ZDF betriebenen Kinderkanals (Kika) und den von Jugendlichen als unzugänglich beziehungsweise belehrend empfundenen Hauptabendnachrichten der öffentlich-rechtlichen Sender. Die „RTL 2 News“ sind vielleicht nicht die beste Lösung, sie weisen aber in die richtige Richtung. Sie bringen, eingebettet zwischen Pop und Promis, auch politische Informationen zu jenen Zuschauern, die „Tagesschau“ und „Heute“ ablehnen.

• Text aus Heft Nr. 10/2010 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

12.03.2010/MK

Print-Ausgabe 24/2018

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