Thorsten Näter: Jenseits der Angst (ZDF)

Nervenkitzellos

17.09.2019 •

Lisa Hembach (Anja Kling) ist eine erfolgreiche Modeschöpferin. In letzter Zeit wirkt die selbstbewusste Designerin allerdings fahrig und unkonzentriert. Sie vermisst wichtige Stofflieferungen – dabei hat sie selbst die Bestellungen storniert. Lisa hat das Gefühl, verfolgt zu werden; dies gipfelt immer wieder in Panikattacken. Ihr Mann Ronald (Benjamin Sadler), der in der gleichen Firma arbeitet, ohne allerdings kreativ tätig zu sein, versucht ihr, so gut es geht, den Rücken freizuhalten. Doch Lisa misstraut ihrem Gatten, sie vermutet, dass er fremdgeht. Tatsächlich erwischt sie ihn während einer Aftershow-Party mit einem der Models.

Doch Lisa ist in einer labilen Verfassung. Sie weiß nicht, ob sie sich das alles nur einbildet. Kurz darauf wird sie in einen Autounfall verwickelt, bei dem besagtes Model plötzlich tot auf der Straße liegt – so scheint es zumindest. Roland überredet seine Frau dazu, nicht die Polizei zu rufen und die mutmaßliche Leiche verschwinden zu lassen. Der fragwürdige Plan, den Unfall zu vertuschen, gelingt, doch Lisas seelischer Zustand verschlimmert sich immer mehr. Als sie bemerkt, dass Stefan (Moritz Grove), der IT-Experte der Firma, für die beide arbeiten, sie stalkt, rastet sie vollkommen aus.

Nach eigenem Drehbuch inszeniert Regisseur Thorsten Näter, ein Routinier, der auch durch „Tatort“-Krimis bekannt ist, die Thriller-Geschichte um eine Frau, die befürchtet, den Verstand zu verlieren. Doch die Wahnvorstellungen, bei denen sie immer wieder von einer Toten heimgesucht wird, sind Teil eines heimtückischen Komplotts. Das Motiv ist recht bekannt. Es basiert unter anderem auf einem britischen Theaterstück aus den 1930er Jahren, das schon häufig fürs Kino adaptiert wurde. Näter hat dieses Sujet für seinen ZDF-Film „Jenseits der Angst“ (ein alles andere als origineller Titel) in die Berliner Fashionszene verlegt. Jene Passagen, in denen Anja Kling als gestresste Designerin ihre neue Kollektion vorbereitet, und die vom glamourösen Catwalk, zu denen eine coole Band den Soundtrack liefert, sind denn auch durchaus ansehnlich.

Weniger gelungen ist allerdings die inszenatorische Variation dieses altbekannten Komplotts. Was unter anderem daran liegt, dass Autor und Regisseur Näter die psychologische Ausgestaltung seiner Figuren mit reichlich wenig Phantasie angeht. Krimispannung und Nervenkitzel? Fehlanzeige. Rasch schon steht der vermeintlich fürsorgliche Gatte als Bösewicht fest. Leider aber geht von dieser Figur kaum Bedrohung aus. Benjamin Sadler spielt den intriganten Ehemann ohne Intensität. Ronald Hembachs kriminelle Vergangenheit wird einfallslos im Dialog mit dem Kommissar vermittelt. Nicht minder eindimensional agiert Milena Dreißig als Ärztin, die nicht nur mit dem Gatten ihrer besten Freundin Lisa ins Bett geht; sie verschafft dem intriganten Ehemann Ronald zudem noch jene Drogen, mit denen dieser den labilen Geisteszustand seiner Frau forciert.

Die Inszenierung hat keine wirklich überraschenden Wendungen. Auch vermeintlich beiläufige Beobachtungen wirken jeweils wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Pars pro toto für die uninspirierte Machart dieses ZDF-„Fernsehfilms der Woche“ steht die Szene, in der Ronald, beobachtet von seiner Frau, im Badezimmer scheinbar nebenbei mit einem Päckchen Rasierklingen hantiert. Während man sich noch fragt, was ein Bartträger, der nicht den Eindruck macht, sich von seinem Bart zu trennen, mit Rasierklingen zu schaffen hat, steckt Lisa das Päckchen ein, um später damit einen blutigen Mord ihrer selbst zu fingieren. Mit ihrem vermeintlichen Tod will sie den Verdacht auf ihren Gatten lenken. Das Opfer dreht also den Spieß um. Obwohl die Polizei keine Leiche findet – die noch lebende Lisa ist untergetaucht –, gerät Ronald tatsächlich unter Mordverdacht.

Gewiss, Krimiplots sind manchmal verzwickt und um zwei Ecken gedacht. In Fall von „Jenseits der Angst“ (Produktion: JoJo Film) ist die Handlung aber einfach nur unglaubwürdig und verworren. Das gilt insbesondere für jene Szenen, in denen Lisa glaubt, dass ihr das tote Model erscheint, das sie überfahren zu haben glaubt. Hier gibt es keine Gänsehaut, kein Mystery und keinen Grusel. Die finale Keilerei schließlich, die Lisa sich mit ihrem Ehemann, der sich übergangslos als ultimativer Bösewicht entpuppt hat, in einem Abstellraum liefert, wirkt in ihrer plumpen Umsetzung sogar unfreiwillig komisch. Zu allem Überfluss agiert auch die als Charakterdarstellerin bekannte Anja Kling in diesem Film seltsam spröde, beinahe unbeteiligt. Die Designerin nimmt man ihr jedenfalls nicht ab.

Das alles ist schade. Denn man kann diesem thrillerhaften Krimi (4,30 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,4 Prozent) gewisse Ambitionen nicht absprechen. In der Anfangsszene zumindest, in der Lisa im wallenden Kleid schlafwandelnd wie in Trance über die Kante eines Hochhauses in die Tiefe springt – um sogleich aus einem Alptraum zu erwachen –, blitzen atmosphärische Qualitäten auf. Solche stimmungsvollen Momente sucht man im Rest des Films dann allerdings vergebens.

17.09.2019 – Manfred Riepe/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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