Katharina Amling/Esther Gronenborn: Ein Wochenende im August (ARD/Degeto)

Die grünen Hügel von Cornwall können einpacken

16.08.2019 •

„Ich wollte immer die richtigen Fragen stellen im Leben – und die Antworten aushalten. Und jetzt weiß ich nicht mehr weiter“, sagt die Protagonistin Katja (Nadja Uhl) in einer Schlüsselszene des Films. Die Frau mittleren Alters, verheiratet, eine Tochter, hat sich auf eine Affäre mit einem Unbekannten eingelassen. Eine Affäre, die von Anfang an mehr bedeutet als nur Abwechslung vom Alltag oder erotische Anziehung: Es ist eine Liaison, die die grundsätzliche Frage stellt, wie man leben möchte. Jeder Sehnsucht nachgeben, (vermeintlich) frei und unabhängig leben, wie das der Reisejournalist Daniel handhabt, in den sich Katja verliebt hat? Oder sich für Beständigkeit und familiäre Geborgenheit entscheiden, aber damit auch für das Verflochtensein in zahlreiche Beziehungen und Abhängigkeiten?

Da „Ein Wochenende im August“ (Buch: Katharina Amling) derlei Fragen nicht nur als dramaturgisches ‘Dekor’ verwendet, sondern sie mit Ernsthaftigkeit verhandelt, setzt sich dieser Degeto-Film durchaus ab von den Produktionen, die ansonsten so von der ARD-Filmgesellschaft in Auftrag gegeben werden, vor allem für den Trivialstoff-Sendeplatz am Freitag um 20.15 Uhr im Ersten. Nun lief „Ein Wochenende im August“ (Produktion: Moovie) an einem Samstagabend und (der Kalauer muss sein) passenderweise an einem Wochenende im August.

Das Liebesdrama hat nun auch mit Nadja Uhl eine herausragende Hauptdarstellerin. Und allein sie hebt die ganze Produktion scheinbar mühelos auf ein ganz anderes Niveau. Ihrer Katja folgt man gerne, sowohl in ihrer Rolle als zentrale Person ihrer kleinen Familie wie auch als reife, aber zugleich in ihren Grundfesten erschütterte Liebhaberin. Carlo Ljubek fällt neben dieser komplexen Darstellung ab, was auch an einer gewissen Eindimensionalität seiner Rolle liegt. Über Daniel erfährt man nicht wesentlich mehr, als dass er extrem freiheitsliebend ist und sich ungern Fragen zu seiner Herkunft stellen lässt.

Katja hingegen wird schon durch den Schauplatz des Geschehens, der zugleich ihr Lebensmittelpunkt ist, porträtiert: Sie ist auf dem abgelegenen Backsteinhof mitten in der Lüneburger Heide aufgewachsen; nun wohnt sie dort mit ihrem Mann und der volljährigen Tochter, die demnächst ausziehen wird. Von der Grundschule im nächsten Dorf radelt die Lehrerin im luftigen Kleid und mit ungebändigtem Haar nach Hause, wo man sie zu Beginn des Films (Regie: Esther Gronenborn) noch im liebevollen Kontakt mit Mann und Tochter erlebt. Beide brechen dann auf, der Mann zu einer Dienstreise, die Tochter in den Urlaub, und Katja genießt die Ruhe, liest ein Buch, legt rockige Musik auf. Diese Eingangssequenz skizziert sie als zufriedene, im Alltag stark geforderte und in ihr soziales Umfeld perfekt integrierte Person, die sich aber dennoch einen Rest von Freigeistigkeit bewahrt hat.

Da taucht Daniel auf, der zu Fuß Deutschland durchquert. Er bittet darum, in Katjas Garten campen zu dürfen, was sie ihm nach kurzem Zögern auch gestattet. Und es kommt, wie es kommen muss: Ein romantisches Abendessen mit viel Wein unterm Sternenhimmel, das erotisch aufgeladene Umeinander-herum-Schleichen am nächsten Tag, dann die Explosion der Gefühle und Begierden. Und schließlich die große Frage, die Katja umtreibt: Soll sie alles stehen und liegen lassen, um mit Daniel wegzugehen? Diese Frage wird hier ganz im Sinne der bewährten family values beantwortet – alles andere wäre dann womöglich doch (noch) zu gewagt, auch wenn die Degeto-Produktionen der letzten Jahre bekanntlich etwas mutiger geworden sind.

Eine Entscheidung Katjas für ihre Affäre würde aber auch die Zuschauer schwerlich überzeugen: Denn die Chemie zwischen Katja Uhl und Carlo Ljubek funktioniert nur mäßig. Wieso das so ist, ist naturgemäß schwer zu beantworten bei einem komplexen und filigranen Gebilde wie der Anziehung zwischen zwei Menschen – selbst dann, wenn diese Anziehung wie hier eine ‘gespielte’ ist. Zu tun hat es aber auf jeden Fall damit, dass die Figur Daniel, wie erwähnt, von der Persönlichkeit her zu dünn angelegt ist, ohne ausreichenden Background, und sich das hier zu sehr auf Behauptungen und Äußerlichkeiten verlässt.

Apropos Äußerlichkeiten: Was das obligatorische wunderschöne Setting eines solchen Liebesdramas auf dem Samstagabend-Sendeplatz betrifft, fährt die Produktion eine zweigleisige Strategie. Einerseits blüht die Lüneburger Heide so leuchtend schön, dass die aus den ZDF-Verfilmungen bekannten grünen Rosamunde-Pilcher-Hügel von Cornwall eigentlich einpacken können. Andererseits aber wird diese Tatsache in einem Dialog zwischen Katja und Daniel auch ironisiert und damit gewissermaßen auf den Boden der Tatsachen geholt.

Insgesamt aber setzt der Film, wie in dem Genre üblich, klar und weitgehend ungebrochen auf enorm hohe Schauwerte: zwei gutaussehende Menschen in fast absurd idyllischer Umgebung, zu der neben einem hübschen Badesee und dem wie aus der Zeit gefallenen Dorf vor allem Katjas wunderschön restauriertes und geschmackvoll eingerichtetes Haus gehört. Kitschig betont werden diese Schauwerte zudem durch regelmäßige Zeitlupen. So bleibt summa summarum – den ernsthaften Fragestellungen und Nadja Uhl zum Trotz – ein insgesamt doch nur mittelmäßiger Film, für den Sendeplatz ganz nett, aber eben auch nicht mehr. („Ein Wochenende im August“ hatte 3,32 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 13,5 Prozent.)

16.08.2019 – Katharina Zeckau/MK