André Georgi/Miguel Alexandre: Der Mordanschlag. 2‑teiliger Fernsehfilm (ZDF)

Wenn Abstruses objektiviert wird

03.12.2018 •

03.12.2018 •In der Dokumentation von Florian Hartung, die im ZDF am 7. November (21.45 bis 22.30 Uhr) auf den abschließenden zweiten Teil des Fernsehfilms „Der Mordanschlag“ folgte, sprach an einer Stelle der Journalist Michael Jürgs von absurden Verschwörungstheorien. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf die Annahme, dass Detlev Rohwedder 1991 in seinem Düsseldorfer Haus nicht – wie von Polizei und Staatsschutz behauptet – durch Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) erschossen worden sei, sondern durch eine weiterhin aktive Zelle der DDR-Staatssicherheit (Stasi). Rohwedder war zum Zeitpunkt seiner Ermordung Chef der Treuhandanstalt, die nach der Wiedervereinigung im Auftrag der Bundesregierung die Privatisierung der staatseigenen Betriebe der DDR durchführte.

Genau eben diese Verschwörungstheorie, über die Jürgs in der Dokumentation lästerte, stand aber im Mittelpunkt des Thrillers, der dieser Dokumentation vorausging. Ja, noch weitergehend: Der von Miguel Alexandre nach einem Drehbuch von André Georgi inszenierte Zweiteiler verlor für denjenigen, der diese Verschwörungstheorie für einen hanebüchenen Unsinn hält, jedweden Reiz. Denn in den schwächsten Passagen dieses Films müssen die Begründungen für die Verschwörungstheorie immer wieder in Dialogen aufgesagt werden. Sei es, dass es den Mitgliedern der RAF dämmert, dass sie von der im Untergrund des wiedervereinigten Deutschlands weiterexistierenden Stasi benutzt wurden; sei es, dass einer der mit der Untersuchung des Mordes beauftragten Beamten des Bundeskriminalamts viele Widersprüche bei den Spuren der Tat anders deutet als seine Kollegen, die sich auf die RAF festgelegt haben.

Selbstverständlich haben sich die Produzenten von Network Movie Hamburg wie auch das ZDF rechtlich abgesichert. Im Vorspann war zu lesen, dass sich der Film „an historischen Ereignissen“ orientiere, die Handlung aber fiktiv sei; die handelnden Personen seien frei erfunden. Tatsächlich heißen die Figuren des Films anders als jene, die 1991 in die realen Ereignisse verwickelt waren. So trägt im Film der von Ulrich Tukur mit starker Präsenz gespielte Treuhand-Chef den Namen Dahlmann und nicht Rohwedder. Der RAF-Terrorist Wolfgang Grams wurde gar zu einer von Jenny Schily gespielten Frau umgemodelt. Der Bahnhof von Bad Kleinen, wo sich Grams nach einem Schusswechsel mit der Polizei mutmaßlich selbst tötete, ist im Film der Bahnhof von Bad Gronau. Das Haus, wo der Treuhand-Chef erschossen wird, liegt nicht in Düsseldorf, sondern in Bad Godesberg. Und so weiter und so fort.

Gleichzeitig legte die Regie großen Wert darauf, dass die Taten in Bad Godesberg und in Bad Gronau bis ins Detail genauso im Film aussehen, wie man sie aus den Archivbildern des Jahres 1991 kennt. Allerdings vergrößert und vergröbert die filmische Darstellung vor allem jene Widersprüche, die sich bei der Aufklärung der Taten durch die Polizei und Staatsanwaltschaft nicht beheben ließen. Tatsächlich ist der Mord an Rohwedder bis heute nicht aufgeklärt.

Nun ist es in der Tat möglich, in fiktionalen Filmen andere denn die gängigen Interpretationen realer Vorkommnisse zu inszenieren. Dominik Graf hatte das zuletzt in einem Stuttgarter „Tatort“ (ARD/SWR) unternommen, als er mehrere Möglichkeiten durchspielte, wie jene Nacht im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim 1981 hätte verlaufen sein können, an deren Ende die dort einsitzenden RAF-Gründer Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe tot aufgefunden worden waren. Allerdings deklarierte der Film von Graf die jeweiligen Szenen ausdrücklich als Annahmen und Deutungen von einzelnen Personen, die dabei ausdrücklich auch eigene Interessen verfolgten (vgl. MK-Kritik). Der Zweiteiler „Der Mordanschlag“ richtet aber seine ganze Inszenierung auf eine solche Annahme aus und verleiht ihr durch seine multiperspektivische Darstellung, die mal die Seite der RAF, mal die der Treuhandanstalt zeigt, einen objektivierenden Anschein. An keiner Stelle wird die Möglichkeit eines Zweifels an der vom Film breit illustrierten These, die Stasi habe Rohwedder/Dahlmann erschießen lassen, angedeutet.

Ästhetisch hätte eine Erzählform, die das Erzählte als selbst widersprüchlich und als eine von mehreren Deutungen der historischen Ereignisse darlegte, den Reiz des stromlinienförmigen Thrillers beschädigt, welcher „Der Mordanschlag“ selbstverständlich auch sein wollte und im Krimisender ZDF vermutlich auch sein musste. Die hier gewählte objektivierende Darstellungsform einer abstrusen Annahme ist auch insofern problematisch, als solche und ähnliche Verschwörungstheorien um die Taten der RAF eine gewisse Tradition haben.

Bereits 1992 hatten Gerhard Wisnewski, Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker in einem Buch die dritte Generation der RAF als Erfindung von Geheimdiensten ausgegeben, der CIA vor allem. Der WDR flankierte seinerzeit in seinem Dritten Fernsehprogramm diesen Blödsinn noch mit einer filmischen Dokumentation. Wisnewski hatte dann 2003 für denselben Sender und dessen Redakteur Landgraeber noch einmal nachgelegt, als er in seiner Dokumentation „Aktenzeichen 11.9. ungelöst“ suggerierte, dass am 11. September 2001 die islamistischen Terroranschläge auf das World Trade Center in New York und auf das Pentagon in Washington auf eine Verschwörung der USA selbst zurückzuführen seien. Nach der Ausstrahlung hatte sich der WDR von diesem Machwerk distanziert.

Gerhard Wisnewski ist heute politisch dort angekommen, wo er sich ideologisch vermutlich schon immer heimisch gefühlt hatte, als er sich selbst noch fälschlicherweise als links verstand – im rechtspopulistischen Umfeld des Kopp-Verlags und der Zeitschrift „Compact“. Eben dort schrieb Wisnewski im Oktober dieses Jahres davon, dass unter anderem der Mord an Detlev Rohwedder von der RAF gar nicht habe begangen werden können. Und raunt weiter: „Deshalb ist die Frage nach dem Motiv für die Morde neu zu stellen. Die Antwort könnte unangenehm werden.“

Wer gerne Verschwörungstheorien nachhängt, könnte sich fragen, wie denn nun Drehbuch­autor André Georgi zu seiner Geschichte für diesen Zweiteiler kam, die das ZDF in zweimal 90 Minuten so breit inszenieren ließ. Aber das wäre ebenso ein Quatsch wie die Geschichte, die sein Film erzählt. In Wirklichkeit sind Verschwörungstheorien ja vor allem in sich konsistente Geschichten, die stets alle Widersprüche tilgen und für sich umdeuten. (Die Einschaltquoten für „Der Mordanschlag“: Teil 1: 4,49 Mio Zuschauer, Marktanteil: 14,1 Prozent; Teil 2: 3,90 Mio, 13,1 Prozent.)

03.12.2018 – Dietrich Leder/MK

Print-Ausgabe 8-9/2019

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