Elena Ferrante/Saverio Costanzo/Francesco Piccolo/Laura Paolucci: Meine geniale Freundin. 8-teilige Serie (Magenta TV)

Gelungener Transfer

15.07.2019 •

„Meine geniale Freundin“, so nennt Lila ihre beste Freundin einmal ganz direkt, und zwar während der intimen Vorbereitungen zu ihrer eigenen Hochzeit. Während sich Lila in diesem Schlüsselmoment durch die Eheschließung endgültig von der Welt der Bildung und Emanzipation zu verabschieden scheint, soll Elena an ihrer statt immer weiterlernen, die Beste von allen sein, sich mit Hilfe ihres Geistes aus der Düsternis des ärmlichen neapolitanischen Stadtviertels befreien. Seit Kindheitstagen sind Lila und Elena befreundet.

Doch natürlich zielt die Zuschreibung in beide Richtungen, die „geniale Freundin“, das ist mindestens genauso sehr Lila selbst: Denn der nun als Serie verfilmte erste Teil des Bestseller-Zyklus ist aus der Ich-Perspektive der älteren Elena geschrieben, die in der Rahmenhandlung des vierbändigen Werks als gealterte Autorin der Geschichte über ihre Freundschaft mit der ebenso klugen wie aufmüpfigen Lila den besagten Titel gibt. Dass sich die tatsächliche Autorin (oder der tatsächliche Autor) des Welterfolgs wiederum hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbirgt, fügt dem flirrenden Spiel der Identitäten eine weitere Facette hinzu. Der Moment vor der Hochzeit ist nun auch ziemlich werkgetreu in der Verfilmung des Romans zu sehen.

Die italienische Rundfunkanstalt RAI hat sich zusammen mit dem US-amerikanischen Pay-TV-Kabelsender HBO und dem Video-on-Demand-Anbieter TIMvision (Telecom Italia) mit enormem Aufwand an die Adaption der von Millionen Lesern weltweit verschlungenen Freundinnen-Saga gewagt. Nach der Ausstrahlung in den USA und in Italien Ende 2018 ist die auf dem ersten Band der Tetralogie beruhende achtteilige Serie in ihrer deutschsprachigen Version (bzw. im Original mit deutschen Untertiteln) seit Anfang Mai bei Magenta TV zu sehen. Der Dreh der zweiten Staffel hat in diesem Frühjahr begonnen. Der neapolitanische, für die Geschichte gerade im Wechselspiel mit den hochitalienischen Passagen eigentlich so wichtige Dialekt ist in der deutschen Synchronfassung zwar naturgemäß getilgt, dennoch überzeugt hier die Übersetzung, auch weil man glücklicherweise darauf verzichtet hat, den süditalienischen Zungenschlag durch einen deutschsprachigen Dialekt zu ersetzen.

Ein Wagnis ist dieses Projekt nicht nur aufgrund der zahlreichen leicht zu enttäuschenden Fans, die die Bücher gelesen haben, sondern auch angesichts der personellen, ausstattungstechnischen und finanziellen Herausforderungen, die der globale Bestseller mit sich bringt: Immerhin entwirft dieses außergewöhnliche Werk anhand der jahrzehntelangen Freundschaft und Konkurrenzsituation zwischen Elena und Lila ein enorm figurenreiches Porträt Neapels wie auch ein Sittengemälde Italiens, von den 1950er Jahren bis ins 21. Jahrtausend hinein.

Was nun die erste Staffel betrifft, lässt sich konstatieren: Das Risiko hat sich gelohnt. Auch wenn für den begeisterten Leser eine Verfilmung selten an ihre literarische Vorlage heranreicht und dies auch im Fall von „Meine geniale Freundin“ so ist (schon allein wegen der aus Zeitgründen notwendigen Kürzungen) – die Interpretation durch Regisseur Saverio Costanzo, die sich auf ein von ihm mit Francesco Piccolo und Laura Paolucci in Zusammenarbeit mit Elena Ferrante verfasstes Drehbuch stützt, überzeugt zu sehr großen Teilen.

Die Serie bleibt nah am Roman, übernimmt teils komplette Dialoge, streicht klug und mit Bedacht. Kürzungen gibt es vor allem in den ausführlichen Passagen, die im Buch Elenas Gefühlswelt und ihre Reflektionen auf das Geschehen umschreiben. Außerdem an den Stellen, die Lilas innere Düsterkeit und ihre immer wiederkehrende Angst vor der eigenen „Auflösung“ beschreiben. Doch alles in allem kommt jeder der im Buch thematisierten Bereiche in der Verfilmung zu seinem Recht.

Auch die grundsätzliche Struktur, in der Elena als Autorin und Urheberin des Erzählten fungiert, bleibt in der Fernsehproduktion bestehen. Elenas Erzählstimme übernimmt im Original die italienische Schauspielerin Alba Rohrwacher, im Deutschen Monica Bielenstein. Diese prägnante Stimme prägt die filmische Umsetzung erstaunlich gut, weshalb man die Geschichte beim Anschauen fast genauso stark durch Elenas Augen und Gedanken wahrnimmt wie beim Lesen, das Ganze ähnlich intim daherkommt.

Überhaupt ist der Zuschauer nah dran an Elenas und Lilas Aufwachsen im „Rione“, einem trostlosen, ärmlichen, von Gewalt und mafiösen Strukturen geprägten Stadtteil in den Außenbezirken Neapels. Saverio Costanzo gelingt es gut, die damit verbundenen Themen – Armut, Chancenlosigkeit, die eigene Korrumpierbarkeit, der Stellenwert von Bildung gerade für Frauen, die Bedeutung von Freundschaft – und das weitverzweigte Figurengeflecht der Elena Ferrante einzuführen, ohne den Zuschauer zu sehr zu überfordern. Die Musik von Max Richter wiederum modelliert und betont die Stimmungen der beiden Protagonistinnen, ohne sich zu sehr aufzudrängen. Und die detaillierte, liebevolle Innenausstattung der düsteren Wohnungen und Werkstätten, von Schule und Bibliothek tut ihr Übriges, um das Neapel der 1950er und 1960er Jahre wiederaufstehen zu lassen.

Was die Außensets betrifft, ist der Eindruck zwiespältiger: Etwas leblos und kulissenhaft erscheinen die großen Mietskasernen rund um den traurigen „Park“, der das Zentrum des Rione bildet; ebenso wie der am Computer entstandene Hintergrund, durch den ständig ein Zug rattert. Dieses gewissermaßen leicht „gedimmte“ Umgebungskolorit sorgt einerseits dafür, dass man sich ganz auf die Geschichte konzentriert, was kein Nachteil ist; doch was zunächst wie ein bewusstes Stilprinzip wirkt, wird konterkariert, wenn spätere Szenen in der Innenstadt Neapels und auf der Insel Ischia spielen: Diese lebensprallen, an Originalschauplätzen gedrehten Sequenzen stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu den in Caserta bei Neapel entstandenen Kulissen des Rione.

Das größte Pfund der Verfilmung aber sind ohnehin ihre durchweg fantastisch gewählten Schauspieler – der Besetzungsprozess dauerte fast ein Jahr, in dem über 5000 Menschen gecastet wurden. Gerade die beiden Darstellerinnen von Elena und Lila sind eine Wucht: Elisa Del Genio und Ludovica Nasti spielen die beiden so natürlich, wahrhaftig und ohne einen falschen Ton, dass man kaum glauben mag, dass dies die erste Schauspielarbeit der Mädchen war. Auch für die nicht minder herausragenden Darstellerinnen Margherita Mazzucco und Gaia Gerace, die Elena und Lila als junge Frauen verkörpern, war es die erste Dreherfahrung – Elena Ferrante wünschte sich explizit Laiendarsteller für die jungen Figuren. Wunderbar überzeugend sind beide Paare. Ganz besonders aber ist es Gaia Gerace, die mit der Gratwanderung beeindruckt, die schwierige Figur der eigensinnigen, rätselhaften, von allen begehrten Lila stimmig darzustellen – womit sich gewissermaßen das ewige Trauma der fleißigen und braven Elena, dass ihre Freundin stets die Faszinierendere von ihnen beiden ist, ein wenig auch auf der Ebene des Schauspiels wiederholt. Was ja auch wieder passt.

Es ist also ein insgesamt ziemlich gelungenes Unterfangen, der Transfer der „genialen Freundinnen“ vom Kopfkino ins bewegte Fernsehbild.

15.07.2019 – Katharina Zeckau/MK