Claudia Kaufmann/Britta Stöckle/Viviane Andereggen: Rufmord (Arte/ZDF)

Patriarchalische Strukturen

22.11.2018 •

Gleich bei seinem allerersten Auftritt gibt sich Georg Bär (Johann von Bülow) derart schmierig, dass sofort klar ist: Dieser Typ ist einer von den ganz Bösen. Und das weiß man dann schon, noch bevor man erfährt, dass Bär Bauunternehmer ist und mit Sohn und gelangweiltem Luxusweibchen in einem überdimensionierten, kalten, gläsernen Wohnwürfel lebt – viel mehr Klischee geht nicht. Ob diese groteske Überzeichnung von Buch und Regie bewusst gewählt wurde, erschließt sich nicht ganz.

Viel wesentlicher ist jedoch, dass bei der Zeichnung der eigentlichen Hauptfigur dieses Films große Sensibilität und ein tiefes Gespür für Zwischentöne an den Tag gelegt wurden: Luisa ist die Grundschullehrerin im Zentrum der Geschichte, an der der titelgebende „Rufmord“ begangen wird. Sie ist jung, hübsch und zieht gerne enge farbige Oberteile an, fällt in der fränkischen Kleinstadt aber auch durch ihre modernen Unterrichtsmethoden und ihre Beliebtheit bei den Kindern auf. Als sie sich aber dagegen ausspricht, dass der nur mittelbegabte Sohn von Georg Bär aufs Gymnasium wechseln soll, taucht plötzlich ein Nackt­foto von ihr auf der Website der Schule auf. Ihr Ex-Freund, der dieses Foto einst aufgenommen hatte, war es, wie Luisa erfährt, der es auf eine „Rache-Website“ gestellt hatte.

Wie aber gelangte das Bild auf die Schul-Homepage? Und wer bastelte die anzüglichen Fotocollagen, die dort noch in den folgenden Tagen hochgeladen werden? Das erzählt der Film – eine vorab ausgestrahlte ZDF-Produktion – vordergründig anhand einer Krimihandlung, die einigermaßen konstruiert ist und dabei auch nur mittelmäßig spannend. Um einiges interessanter ist hingegen, wie der Film die Psychologie seiner zum Opfer gewordenen Hauptfigur ausleuchtet. Dies gelingt den Macherinnen des Films – Claudia Kaufmann, Britta Stöckle (beide Drehbuch) und Viviane Andereggen (Regie) – und der Hauptdarstellerin mit Bravour. Rosalie Thomass spielt die Lehrerin Luisa und ihre Darstellung dieser bei aller Verzweiflung stets kämpfenden, stolzen Frau ist höchst überzeugend.

Der Film ist verschachtelt aufgebaut, das Geschehen spielt sich auf unterschiedlichen Zeitebenen ab. Ausgehend vom vermeintlichen Tod der eines Tages spurlos verschwundenen Luisa fächert er das Geschehen in vielen Rückblenden auf und erzählt, wie eine derartige Schmutzkampagne ihre Eigendynamik bekommt und damit zunehmende Wirkung zeigt: Es beginnt mit den Fotos, dann wird auf der Titelseite einer Boulevardzeitung berichtet, es gibt Gerüchte über Luisas Vergangenheit, es kommt zu ihrer Zwangsbeurlaubung von der Schule, es folgen anzügliche Nachrichten und Vergewaltigungsdrohungen auf ihrem Telefon.

Luisa wird dabei zunächst als lebenslustige und gerade für Kleinstadtverhältnisse auffallend freiheitsliebende Frau gezeichnet, die gerne auch nackt baden geht im nahe gelegenen Gebirgssee – was nebenbei in wunderschönen (Luft-)Aufnahmen von Wasser, Wald und Mensch eingefangen wird (Kamera: Martin Langer). Überhaupt lässt sich Luisa nicht „zähmen“ oder „einhegen“ von der lokalen, bigotten, männlich geprägten Gesellschaft, deren Gemütslage hier stimmig gezeichnet wird. Und wie Luisa leichte, kaum merkliche Irritationen auslöst, indem sie sich nicht „einordnet“ ins erwartete „weibliche“ Verhalten, ist sehr subtil und fein erzählt.

In der erschütterndsten Szene des Films ist zu sehen, wie sie als in der öffentlichen Wahrnehmung „gefallene Frau“ alleine die zentrale Gaststätte am Ort aufsucht, um die dort versammelte Dorfgesellschaft mit den ekelhaften Nachrichten auf ihrer Mailbox zu konfrontieren. Als ihr Freund Finn (Shenja Lacher) ihr zu Hilfe eilen will, stößt sie ihn weg, obwohl er ihr einziger Verbündeter wäre. Das schwache Mädchen, das sich vom Ritter auf dem weißen Pferd retten ließe, ist sie selbst in diesem zutiefst einsamen Moment nicht. Stattdessen schmiedet Luisa ihren eigenen Plan, wie sie sich an dem (ihrer Überzeugung nach) Hauptverdächtigen Georg Bär rächen kann – mit denselben Waffen, mit denen sie selbst zu Fall gebracht werden sollte.

Womit man wieder beim Krimi-Plot wäre, der neben diesem intensiven Porträt einer zum Freiwild erklärten Frau deutlich schwächer wirkt und dem Film damit gelegentlich etwas Holpriges gibt. Insofern ist die Vergabe des diesjährigen Bernd-Burgemeister-Preises für den besten deutschen Fernsehfilm des Jahres 2018 beim Filmfest München an „Rufmord“ (Produktion: Hager Moss Film) auch nur teilweise nachzuvollziehen. Alles in allem geht die Entscheidung aber in Ordnung, ist doch „Rufmord“ ein ebenso sensibler wie erschütternder Beitrag zu einem wichtigen Thema und darüber hinaus ein gelungener Kommentar zu den zerstörerischen Folgen patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen. (Im ZDF wird der Film am 1. April 2019 ausgestrahlt.)

22.11.2018 – Katharina Zeckau/MK