Silke Zertz/Alexander Dierbach: Tannbach – Schicksal eines Dorfes. Fortsetzung der historischen Fernsehfilmreihe mit wiederum drei Teilen (ZDF)

Dramen im Minutentakt

26.01.2018 • Was haben die Deutschen auf dem Land in den 1960er Jahren in ihrer Freizeit am liebsten gemacht? Ihre Autos gewaschen. Zu diesem Schluss könnte man zumindest nach der zweiten Staffel der Fernsehfilmreihe „Tannbach“ kommen. Denn der imposante zeitgenössische Fuhrpark, den die Ausstatter hier angemietet hatten, zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sämtliche Fahrzeuge westlicher Provenienz durchweg blitzeblank ums Eck fuhren. Sogar die landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge glänzten, als seien sie gerade frisch vom Band gelaufen.

Natürlich ist die Anmietung solch eines historischen Fuhrparks für jede Produktionsfirma eine kostspielige Angelegenheit und vermutlich dürfte man die Leihgaben nach der Nutzung auch nicht in einer herkömmlichen Waschstraße reinigen lassen. Dennoch wäre es in diesem Fall ratsam gewesen, die Zahl der aufgebotenen Oldtimer zu halbieren und den verbliebenen Exponaten aus Gründen der Realitätsnähe ein paar alltägliche Gebrauchsspuren zu gönnen, um diese anschließend, auch wenn es einigermaßen kostspielig sein würde, wieder beseitigen zu lassen.

Auf der anderen Seite sah man in dem ZDF-Mehrteiler während der gesamten drei Episoden keine einzige Figur, die ihr Auto gewaschen hätte. Für solch triviale Aktivitäten hatten die Menschen in „Tannbach II“ trotz einer Gesamtlaufzeit von 287 Minuten schlicht keine Zeit. Schließlich sollten sie in ihrem durch die innerdeutsche Grenze geteilten Nest deutsch-deutsche Geschichte spielen. Und das in nahezu jeder Szene. Das war schon im „Tannbach“-Dreiteiler, den das ZDF im Januar 2015 ausstrahlte und der die Jahre vom Kriegsende bis 1960 behandelte, nicht anders (vgl. MK-Artikel). Der Versuch, ein kleines Dorf, das im wirklichen Leben Mödlareuth heißt, rund 50 Einwohner hat und durch die Landesgrenze zwischen Bayern und Thüringen absurderweise auch nach der Wende noch immer geteilt ist, zum Mikrokosmos der deutschen Nachkriegsgeschichte zu machen, hat fraglos seinen Reiz, birgt aber nun mal auch die Gefahr der Überfrachtung.

Wer die Möglichkeit verpasst hatte, sich kurz vor der Ausstrahlung der Fortsetzung die Wiederholung der ersten drei Episoden noch einmal anzusehen (bei 3sat), wird die Auftaktfolge von „Tannbach II“ ohnehin einigermaßen ratlos verfolgt haben. Wer da alles dies- und jenseits der Grenze mit wem verwandt war und welches Maß an Schuld die einzelnen Figuren noch aus Kriegstagen mit sich herumschleppten, das war für Späteinsteiger zunächst kaum zu überschauen. Zumal die Fortsetzung in dieser Hinsicht kaum Hilfestellung bot. Bis man als Zuschauer beispielsweise verstand, dass der Alt-Nazi Franz Schober (Alexander Held) einst mit Hilde Vöckler (Martina Gedeck) jenen Horst Vöckler (Robert Stadlober) gezeugt hatte, der nach seiner Zeit als SS-Offizier nun für den US-Geheimdienst arbeitete, dauerte es geraume Zeit.

Und von ähnlichen familiären und ideologischen Rissen wurde das Leben nahezu sämtlicher Dorfbewohner bestimmt. So etwa das des verhärmten Grafen Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) im Westen, der seine Tochter Anna (Henriette Confurius) nach gegenüber an die DDR verloren hatte, wo sie nun mit ihrem Mann Friedrich (Jonas Nay) gegen den Widerstand der Bauern mit großem Engagement die Durchsetzung des Aufbaus einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) in Tannbach/Ost vorantrieb.

Immerhin hatten die Verantwortlichen für die zweite Staffel den Horizont ein wenig erweitert, damit die Tannbacher die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht mehr ganz allein stemmen mussten. Hilde Vöckler arbeitete nun in Ost-Berlin und bekam dort unliebsamen Kontakt mit der Stasi. Und bei einem Besuch in Berlin/West traf Graf Striesow die taffe Barfrau Rosemarie Czerny (Anna Loos) aus dem Osten, die schließlich zu ihm nach Tannbach zog, wo sie in erster Linie gegen die patriarchalen Strukturen im Westen ankämpfte. In der Tat galten in der Bundesrepublik, anders als in der DDR, verheiratete Frauen in jenen Tagen als nicht geschäftsfähig und konnten ohne Zustimmung des Ehemanns weder eine Arbeit aufnehmen noch ein eigenes Konto eröffnen.

All diese Phänomene waren seriös recherchiert und dürften manch jüngere Zuschauer verblüfft haben. Überhaupt gab es an der historischen Sorgfalt, mit der da die Geschichte in zahlreichen Geschichten aufbereitet wurde, wenig auszusetzen. Nun gut, dass da in der Dorfkneipe in Tannbach/West Anfang der 1960er Jahre eine Magnum-Flasche Metaxa im Barregal stand, hätte man so wenig vermutet wie japanische Touristen, die schon kurz nach dem Mauerbau in der tiefsten Provinz von einer Aussichtsplattform einen Blick in den Osten werfen wollten. Dolch solche Petitessen fielen kaum störend ins Gewicht.

Ermüdend war hier in erster Linie, dass es kaum eine Sequenz gab, in der die zahlreichen Figuren nicht irgendwelche Probleme abarbeiten mussten. Ob Kalter Krieg Mauerbau, Wirtschaftswunder West, Versorgungsengpässe Ost, der Homosexuellen-Paragraph 175 oder sogar der (im Westen) aufkommende Rock’n’Roll – alles und jedes wurde in größere oder kleinere Tragödien verpackt. So ließen Silke Zertz (Buch) und Alexander Dierbach (Regie) in ihrem Bestreben, Geschichte in diversen Geschichten zu erzählen, ihren Figuren kaum Luft zum Atmen. Wann immer da Menschen zusammensaßen, war klar, dass in ein bis zwei Minuten irgendetwas Geschichtsträchtiges, irgendetwas Dramatisches, wenn nicht gar eine Katastrophe über sie hereinbrechen würde. (Die Drehbuchvorlage für „Tannbach II“ stammte von Josephin und Robert von Thayenthal, dem Autorenduo von „Tannbach I“).

Durch die beschriebene atemlose Vorhersehbarkeit gelangen hier nur selten wirklich bewegende Sequenzen wie etwa die zwischen dem Stasi-Offizier Robert Leonhardt (Rainer Bock) und Hilde Vöckler. Wie da zwei famose Schauspieler am Küchentisch zwei vereinsamte und verlorene Seelen zwischen zarten erotischen Anwandlungen, Misstrauen und Trauer zum Leben erweckten, das war grandios. Doch solche Sequenzen blieben auch in dieser „Tannbach“-Fortsetzung (Gabriela Sperl Produktion für Wiedemann & Berg Television und Wilma Film) leider die Ausnahme. Über weite Strecken fehlten diesem ambitionierten Dreiteiler, der ein großartiges Darsteller-Ensemble aufbot, schlichte Banalitäten des Lebens, um die Figuren glaubwürdig erscheinen zu lassen. Vielleicht hätten zum Beispiel die Männer zumindest zwischendurch mal über so etwas Belangloses wie Fußball reden oder ihre Autos waschen sollen.

(Die Einschaltquoten für „Tannbach II“ betrugen: Teil  1: 5,26 Mio Zuschauer; 16,1 Prozent Marktanteil, Teil 2: 5,73 Mio; 18,0 Prozent, Teil 3: 5,54 Mio; 17,6 Prozent.)

26.01.2018 – Reinhard Lüke/MK