Melodramatisches Gebiet

Der ZDF-Dreiteiler „Tannbach“: Zu Gefühl verflüssigte Geschichte

Von Torsten Körner
23.01.2015 •

„Mödlareuth? Wo ist denn dieses verdammte Kaff?“ Diesen Satz knurrt der Fluchthelfer Martin Poll (Götz George) in der „Tatort“-Folge „Transit ins Jenseits“ (ARD/SFB) aus dem Jahr 1976. Das Finale dieses Krimis spielt in Mödlareuth, eben jenem durch die Mauer geteilten Dorf zwischen Thüringen und Bayern, das man damals „Little Berlin“ nannte und das nun die historische Vorlage lieferte für den dreiteiligen ZDF-Fernsehfilm „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“. Am 13. Dezember 1976 kommentierte Karl-Eduard von Schnitzler, der Chefkommentator des DDR-Fernsehens, den „Tatort“ in seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ und verdammte „die BRD-Polizei“ als die „schießwütigste Polizei Europas“. Kalter Krieg im Fernsehen.

Die Geschichte dieses „Tatorts“ führt mitten hinein in deutsch-deutsche Alltags-, Fernseh- und Konfliktgeschichte, denn die drei Folgen „Tannbach“ erzählen von jener Mauer, sie erzählen von Fluchthelfern, ersten Toten an der Grenze und der Propaganda, mit der beide Seiten operierten; die erzählte Zeit erstreckt sich von 1945 bis 1952. Und „Tannbach“ erzählt auch von Bildern in Bildern, von medialer Ikonografie, die Netze ins Gestern wirft und dabei viel Fang von heute präsentiert.

Der Vergleich mit „Unsere Mütter, unsere Väter“

Es konnte in der öffentlichen Wahrnehmung dieses Dreiteilers nicht ausbleiben, dass er von der Kritikern mit dem Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ verglichen wurde, das legte das ZDF selbst in seinen Pressetexten nahe, das legten Struktur und Ausstrahlungszeitpunkt, das legte die historische Kontinuität nahe. Mit etwas Abstand lässt sich nun verlässlich sagen, dass „Tannbach“ nicht jene – auch internationale – Beachtung fand wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, keine konstruktive Kontroverse anstieß und auch nicht die erzählerische Potenz besaß, um einen Dialog zwischen den Generationen zu stiften. Sicher, das mag hier und da geschehen sein, das innerfamiliäre Gespräch wird es gegeben haben, doch die Brisanz und die dramaturgische Problematik, die „Unsere Mütter, unsere Väter“ kennzeichnete, fehlten bei „Tannbach“. Was aber wiederum nicht heißt, dass es „Tannbach“ an politischen und dramaturgischen Problemzonen fehlte, sie waren bloß nicht so evident.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ (vgl. FK-Heft Nr. 12/13) war letztlich ein langer Brief des Produzenten Nico Hofmann an seine Eltern. Sein Dreiteiler versuchte sich an einem Gefühlsdialog mit der Generation des Zweiten Weltkriegs. Wir sehen euch! Wir versuchen, euch zu verstehen! Wir sehen eure Schuld, sehen aber auch eurer Leid! Hier wurden die Mütter und Väter in fiktiven Expressverfahren durch Schuld- und Sühnegeschichten gejagt und am Ende des Krieges – als sich die drei Überlebenden in der Kneipe wiederfinden – musste nicht mehr viel gesagt, aber umso mehr getrauert und gefühlt werden.

Das problematische an diesem Erzählansatz von „Unsere Mütter, unsere Väter“ war, dass der Zuschauer mit den Protagonisten litt und liebte und selbst dann noch mit ihnen fühlte, wenn sie schwerste Verbrechen begingen. Mit „Verbrechern“ zu fühlen, ihnen zitternd die Daumen zu drücken, ist, wenn man einmal US-Serien heranzieht, von Tony Soprano über Dexter Morgan bis hin zu Walter White ein bewährtes Verfahren, an dem man gerade die Qualität einer Fernsehserie bemessen kann. Je verwickelter die Identifikationsprozesse sind, zu denen wir eingeladen werden, je ambivalenter, ja, polyvalenter die Figuren sind und je herausfordernder sie in moralisch-ethischer Hinsicht agieren, desto vitaler sind sie als Figuren, desto realistischer sind sie. Herausragende fiktionale Charaktere müssen Provokationsfiguren und Dilemmata-Helden sein, sonst taugen sie nicht.

Schwierig wird dieses Qualitätsparameter, diese ästhetische Signatur jedoch dann, wenn historische Zeiträume „erobert“ werden sollen, in denen der deutsche Blick niemals nur ein deutscher sein kann, weil die empathische Rekonstruktion eines deutschen Soldaten als „Held“ irritieren muss. Vor allem im Ausland, wo die Toten, die Opfer und die Familien leben, in denen die Taten des deutschen Aggressors als Bilder bis heute wirken und weben. Auch deshalb wurde „Unsere Mütter, unsere Väter“ im Ausland punktuell als Retro-Propaganda, als larmoyante Selbstbild-Korrektur, als historischer Revisionismus verstanden. Andererseits wurde dieser Ausnahmedreiteiler weltweit verkauft und gewann schließlich auch den internationalen Emmy Award in der Kategorie Miniserie. Hier war – jenseits der politischen Einordnung – deutsches Fernsehen visuell-narrativ auf der Höhe der Zeit, fordernd, herausfordernd, international konkurrenzfähig.

Zu wenig Widerspruch in den Figuren

In diese Qualitätsliga ist „Tannbach“ jedoch nicht vorgestoßen. Der junge Regisseur Alexander Dierbach wusste Spannungsbögen zu setzen, hielt das narrative Gewebe und die Gewerke zusammen, öffnete hier und da gute Spielflächen für das ausgezeichnete Ensemble, letztlich aber fehlte es im künstlerischen Trialog mit dem Buch und der Kamera am gleichmäßigen epischem Atem, an stachligen Bildern, an verdichteten Emotionen und lesartoffenen Dramaturgien, ja, bisweilen auch an Tempo und Dynamik in den Szenen und Dialogen. Der vielbeschworene „Look“, jene sofort ins Auge stechende Farbe der Eigenwilligkeit, jene besondere Anmutung eines Fernsehprodukts, seine spezifische Qualitätsmaske und unverkennbare Zeitsignatur, dieser „Look“ fehlte. „Tannbach“ blieb bildsprachlich in einer Mittelfeldliga stecken, besaß kein herausforderndes Design. Das ist kein Problem reiner Äußerlichkeit.

Hier ging es auch darum, die Historie ins Heute zu tragen und Interesse für deutsch-deutsche Teilungsgeschichte zu wecken. Dazu aber waren die Figuren zu beflissen, Geschichte abzubilden, sie hatten – auch auf der Strecke – zu viel Erzählstoff zu schultern, hatten indes zu wenig Sätze und Szenen, um das historische Zwielicht jener Jahre abzubilden. Gerade die beiden Hauptfiguren Anna von Striesow (Henriette Confurius) und Friedrich Erler (Jonas Nay) wirkten in dieser Hinsicht unterversorgt.

Beide Akteure, Confurius und Nay, besitzen eine herausragende kinematografische Präsenz, beide aber hatten mit ihren Figuren zu kämpfen, die „die neue Zeit“, den Bruch mit dem falschen Gestern verkörpern sollten. Ihr Liebesbündnis – hier die junge Adlige und vormalige Großgrundbesitzerin und dort das ausgebombte Stadtkind, Sohn einer Schneiderin und eines Kommunisten, also ein echter Proletarier – wirkt in der Anbahnung wie auch der Ausführung erzwungen. Wie schnell sie zueinanderfinden, wie schnell sie sich für ihre Biografien entscheiden, wie schnell sie zu sozialistisch gestimmten Kleinbauern werden, all das scheint behauptet und ihre Liebe wirkt wie ein von heute gesteuerter Liebesauftrag, der darauf abzielt, ein jüngeres Publikum mitzunehmen, anzuziehen. Doch so großartig diese beiden Schauspieler sind, so sehr sich ihre Leistungen neben denen von Nadja Uhl, Heiner Lauterbach, Alexander Held oder Martina Gedeck sehen lassen können, so eindimensional bleiben die Figuren, weil in ihnen zu wenig Widerspruch lebt, weil sie zu aufrecht, zu zukunftszugewandt, zu plakativ gewirkt sind.

Was „Tannbach“ trotz dieser eher flachen Zentralfiguren auszeichnet, ist der Versuch, von vielen Perspektiven aus zu erzählen, ein großes Ensemble aufzustellen, um viele verschiedene Haltungen abzubilden. Ein Schwachpunkt ist dabei wohl, dass die Figuren zueinander die Risse und Differenzen darstellen, sie jedoch zu selten die Gelegenheit haben, die Risse in sich herzuzeigen; so muss manches statisch bleiben. Auffällig ist, dass gerade die Nebenfiguren eher Kontur gewinnen, auch jene, die kaum etwas sagen. So berührte durchaus – nahezu ohne Dialog – die Figur der alten Dienerin, die abends ihr Hitlerbild hervorzog, es wehmütig betrachtete und sich schließlich erhängte. Auch Florian Brückner als gedemütigter Bauernsohn Heinrich Schober durfte in sich widersprüchlich sein und Maximilian Brückner als dessen Bruder spielte furios, obgleich er nur eine große Szene hatte, als heimkehrender Wehrmachtssoldat, der den desertierten Offizier Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) als Verräter und Kriegsverbrecher anklagt.

Werbetexte, die eher schaden

Andere Figuren jedoch, etwa Lauterbach als adliger Offizier, Nadja Uhl als von allen Ideologien enttäuschte Frau, die ihr Glück im Ausland sucht, oder Ronald Zehrfeld als idealistischer Landrat, der die Bodenreform in Tannbach durchsetzt, bleiben stecken in Funktion, in Haltungsdarbietung, in Repräsentationspflichten. Das Dorf Tannbach beginnt nicht zu leben, so wie einst Schabbach in „Heimat“ zu leben begann. Denn bei „Tannbach“ hatte man den Eindruck, die Figuren seien von oben erzählt, anstatt sie von unten an die große Geschichte heranzuführen. Der Alltag dieser Figuren lebt nicht, nicht ihre krähwinkelhafte Eigenwilligkeit. Ist die Besetzung an sich nicht auch zu starzentriert? Zu sehr umweht „Tannbach“ der Versuch, kollektive Gemütslagen abzubilden, anstatt den Mikrokosmos dieses Dorfes ernst zu nehmen. Findet man nicht besser ins Heute und leistet man nicht bessere historische Dolmetscherkunst, wenn man erst mal auf das Heute keine Rücksicht nimmt? „Tannbach“ jedoch wirkt zu sehr von heutigen Verständnishorizonten geprägt, obschon das Bemühen spürbar ist, den damaligen Verstehensperspektiven nahezukommen.

Allerdings lebt das Dorf dann doch, wo der absurde Alltag an der Grenze lebendig wird, wo brutale Bürokratie an der Grenze ihre Macht durchsetzt und die Familien und die Tannbacher teilt. Das sind mitunter aktionsreiche Dramen, etwa die Flucht der Familie des Müllers, die nur zur Hälfte gelingt, die Passierscheindramen oder der starre Blick der Verkäuferin, die durch ihr Ladenfenster den Grenzwahnsinn beobachtet. Hier lebt der Film auch von seinem exzellenten Szenenbild (Knut Loewe) und den Kostümen (Gabriele Binder), die Aura jener Jahre wirkt glaubhaft. In diesen Szenen gewinnt „Tannbach“ eine große Kraft im Kleinen: Trennungen, Entscheidungen, Wechsel, Tragödien, Wiedersehensfreude, Verweigerungen, Warten – all das sind Zustände, die spürbar werden und viel vom deutsch-deutschen Beziehungsfrost und von beginnender Entfremdung berichten.

Man sieht und spürt, dass „Tannbach“ historisch differenzieren will, sieht aber auch einen Zwang zum allumfassenden, ausgleichenden Blick. Diese Totalisierungstendenzen finden sich auch in den Werbetexten, die das ZDF dem geneigten Zuschauer zu seinem siejährigen großen Filmepos anbietet. Sie dienen dem Dreiteiler nicht, eher schaden sie. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler schreibt im Presseheft: „Dabei sind Besetzung und Machart ebenso populär wie glaubwürdig, heutig und realistisch. Der attraktive und hoch emotionale Mehrteiler erzählt, wie alles anfing: von unseren Wurzeln im Nachkriegsdeutschland beider Republiken.“ Was fällt hier sprachlich auf? Hier stehen die Adjektive wie Gegner zueinander, als müssten sie versöhnt werden, als schlösse es sich aus, populär und zugleich glaubwürdig erzählen zu können. Ist diese zwanghafte Versöhnung nicht gerade das Problem? Ist „heutig“ das Gegenteil von „realistisch“? Kann eine Erzählung wirklich „populär“, „glaubwürdig“, „heutig“ und „realistisch“ zugleich sein, ohne einen der erhobenen Ansprüche aufs Spiel zu setzen?

Hier ist doch gerade die Parataxe das Problem, das Zwangsversöhnte produziert Brei. Wo alles sein soll, wird überall wenig sein. Ist ein Mehrteiler eine Frau? Oder warum soll er attraktiv sein? Sind Romane oder Bilder attraktiv? Eher nicht. Unangenehm stößt im Zitat Himmlers auch die Wurzel-Metapher auf. Sind wir Bäume? Wollte der Dreiteiler nicht gerade erzählen, dass es keine „Stunde Null“ gegeben habe? Die Wurzel-Metapher, die auf unsere Leben zielt, korrespondiert mit dem Titel des „Event-Dreiteilers“ (ZDF), der so auch landesweit beworben und plakatiert wurde: „Tannbach – Schicksal eines Dorfes, das Schicksal einer Nation.“

Das Schicksal ist geschichtsblind, das Fatum kennt keine historische Perspektive, es waltet, es webt, es gehört – als Erzählinstanz – in den mythischen Bereich, nicht jedoch in den historischen Denkraum eines öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders, denn Tannbach wurde ja nicht vom Schicksal besetzt, sondern von Amerikanern und Russen, die jedoch hier tatsächlich wie stereotype Gottheiten ins Bild gesetzt werden, grausame Gottheiten (die Russen), gestrenge Gottheiten (die Amerikaner), die den geplagten Deutschen ihr Schicksal überwerfen wie eine fleischschneidende Zwangsjacke.

Das Making-of von „Tannbach“

Hingewiesen werden muss in diesem Zusammenhang auch auf den 45-minütigen Beitrag „Tannbach – Die Dokumentation“, der am Sonntag (4. Januar) um 21.45 Uhr im Anschluss an den ersten Fernsehfilm-Teil ausgestrahlt wurde. Hm? Wieso Dokumentation? Kann man eine Fiktion dokumentieren? Man hätte es „Das Making of von ‘Tannbach’“ nennen können, dann hätte man den Werkprozess dokumentieren können; so jedoch wurde die historische Geschichte Mödlareuths benutzt, um „Tannbach“ als fiktionales Produkt zu authentifizieren und zu bewerben. Immer wieder wurden Spielszenen benutzt, um Mödlareuths Nachkriegsalltag zu illustrieren, aber tatsächlich wurde so nur plump behauptet: ‘Hey, wir sind aber so was von hart an der Wirklichkeit und gut recherchiert! Das Einschalten lohnt sich auch beim zweiten und dritten Teil, lieber Zuschauer!’. Was Gernot Hassknecht dazu sagen würde, wissen wir nicht, brüllen würde er auf jeden Fall.

„Tannbach“ lebt davon – wie schon „Unsere Mütter, unser Väter“ –, Geschichte zu Gefühl zu verflüssigen, Gefühlsgeschichte. Jetzt administrieren, dirigieren, inszenieren, schreiben und fühlen die geburtenstarken Jahrgänge in den Rundfunkanstalten. Sie beginnen Deutschland nach 1945 als großen ereignisstarken, abenteuerlichen Geschichtsraum zu entdecken. Im Licht der geglückten Wiedervereinigung, auch im Licht des neuen deutschen Image in der Welt, beginnen diese Jahrgänge, die Biografien ihrer Eltern neu zu bewerten. Drittes Reich, Flucht, Vertreibung, DDR-Diktatur, die Mauer, Stasi, die Adenauer-Ära, die Kohl-Jahre – all das wird jetzt entdeckt als melodramatisches Gebiet.

Doch da sind die Gefahren am Wegesrand: Lauert da nicht ein Gefühlsrevisionismus, der einen Geschichtsrevisionismus vorbereitet? Fühlen sich die heutigen nicht zu siegesgewiss, weil sie glauben, alles verstehen und erklären zu können? Wird kollektive Geschichte, wenn sie nur noch gefühlt wird, nicht ins Mythische überführt? Laden fiktionale Stereotypen nicht zur Banalisierung der Wirklichkeit ein, wenn sie vorab auf Popularität zielen? Der Dreiteiler „Tannbach“ litt darunter, dass das Dorf kein Dorf sein durfte, sondern ein „attraktives“ Produkt sein musste. Und dennoch sind solche Projekte wie „Tannbach“ wichtig, und weil sie es sind, müssen sie von den konsensuellen Zumutungen und Legitimationsaufträgen befreit werden. Man sähe mit dem Zweiten tatsächlich besser, wenn es stärker von sich selbst absähe und besser hinsähe.

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• Tannbach – Schicksal eines Dorfes (ZDF)

Drehbuch: Josephin von Thayental und Robert von Thayental

Regie: Alexander Dierbach, Kamera: Clemens Messow

Produktion: Gabriela Sperl Produktion für Wiedemann & Berg Television

Teil 1, So 4.1.15: Der Morgen nach dem Krieg (6,49 Mio Zuschauer, 17,4 % Marktanteil)

Teil 2, Mo 5.1.15: Die Enteignung (6,67 Mio, 19,6 %)

Teil 3, Mi 7.1.15: Mein Land, dein Land (6,73 Mio, 20,9 %)

(Teil 1: 20.15 bis 21.45 Uhr, Teil 2: 20.15 bis 21.55 Uhr, Teil 3: 20.25 bis 22.10 Uhr)

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23.01.2015/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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