Züli Aladag/Kristin Derfler: Brüder. 2‑teiliger Fernsehfilm (ARD/SWR)

Präzise und wirklichkeitsgetreu

09.12.2017 •

09.12.2017 • Die Titel klingen zum Verwechseln ähnlich, die Inhalte sind verwandt: Im Oktober und November zeigte ZDFneo die vierteilige Miniserie „Bruder – Schwarze Macht“. Kurz darauf folgte im Ersten der en suite ausgestrahlte Zweiteiler „Brüder“. Beide Produktionen handeln vom Abdriften junger deutscher Männer in den Salafismus. Das Autorenteam von „Bruder – Schwarze Macht“ (vgl. MK-Kritik) verdichtete das Sujet räumlich und personell und erzählte das Geschehen als Familienkonflikt zwischen dem sich radikalisierenden titelgebenden Bruder und seiner darüber verzweifelnden Schwester.

Der Autorin Kristin Derfler, die das erste Skript zum insgesamt dreistündigen ARD-Spielfilm „Brüder“ verfasste, mag eine ähnliche dramaturgische Spannungssituation vorgeschwebt haben. Angelegt ist dies in der Figur des syrischstämmigen muslimischen Medizinstudenten Tariq (Erol Afsin), der als Mitbewohner des Protagonisten dessen fatale Entwicklung verfolgt. Verschiedenen Begleittexten und Presseberichten war zu entnehmen, dass sich das Konzept für den Spielfilm (einer SWR-Eigenproduktion) mit Hinzutreten des Koautors und Regisseurs Züli Aladag und darauf folgenden Überarbeitungen der Drehbücher veränderte. In der Endfassung ist „Brüder“, bei in der Summe gleicher Laufzeit wie „Bruder – Schwarze Macht“, thematisch breiter angelegt und folgt beinahe musterhaft dem klassischen Modell der Heldenreise. Wobei der Held hier als tragische Figur in Erscheinung tritt.

Jan Welke (gespielt von Edin Hasanovic) ist ein junger Informatikstudent. Ein Problemkind. Mit einer elliptischen Anfangssequenz macht Regisseur Züli Aladag Jans innere Entfremdung deutlich. Vor allem sein Verhältnis zu Frauen scheint gestört. Seine Sexualität ist ohne Zärtlichkeit, nach einer gemeinsam verbrachten Nacht weiß er seiner Partnerin nichts zu sagen. Er meidet ihren Blick, fertigt sie brüsk ab. Die Kamera, hervorragend geführt von Roland Stuprich, hatte Jans sonderliche Art schon deutlich gemacht, hatte sich um neunzig Grad gedreht, als sie sich diskret vom Sex auf der Disco-Toilette zurückzog und in der unaufgeräumten Studentenbude am Morgen danach die umgekehrte Bewegung vollzogen, die Dinge also vorerst wieder geradegerückt hat. Später werden randseitige Unschärfen Jans eingeschränkte Wahrnehmung wirkungsvoll illustrieren.

Mit seiner Mutter (Karoline Eichhorn) spricht Jan schroff und vorwurfsvoll, mit seinem Vater (Thorsten Merten) wutgeladen und feindselig. Es gärt und brodelt in diesem jungen Mann. Warum dem so ist, lassen die Autoren offen. Man muss es nicht wissen, entscheidend ist das psychische Befinden, das Jan anfällig macht für das Werben des salafistischen Predigers Abadin (Tamer Yigit). Jan lernt den Mann kennen, als er die aus Syrien geflohene Schwester seines Freundes Tariq ins Aufnahmelager begleitet. Dort wird der völlig verstörten Samia (Zainab Alsawah) verwehrt, bei ihrem Bruder zu wohnen. Jan protestiert, provoziert die zuständige Sachbearbeiterin, der besonnene Tariq weist ihn hinaus. Draußen verteilt der Prediger Flugzettel, macht seine Moschee bekannt, bietet muslimischen Flüchtlingen Hilfe an.

Es kommt zu einer weiteren Begegnung. Jan reagiert zunächst patzig. Doch beeindruckt ihn Abadins Gelassenheit, wie er selbstlos hilft, Güte ausstrahlt. Bei dem Prediger daheim erlebt Jan eine wärmende Zuwendung, die er in der eigenen Familie offenbar nicht finden konnte. Und er erkennt sich selbst wieder, als Abadin sich ihm beim Gespräch in der Teestube öffnet: „Ich hab mich in meinem eigenen Schmerz und Selbstmitleid herumgewälzt, bis ich einfach nichts mehr gespürt hab. Ich hab mich fremd gefühlt.“ Erst die religiöse Berufung habe ihm aus der Krise geholfen.

Jan tastet sich heran an den Islam, befasst sich bald mit einer für ihn ungewohnten Ernsthaftigkeit mit religiösen Schriften, hilft beim Sammeln von Hilfsgütern für die unter Krieg und Willkürherrschaft leidenden Syrer. Im Zuge dessen wird er geschickt indoktriniert. Abadin, der, wie er erzählt, als Zwölfjähriger ein Massaker in Srebrenica überlebt hatte, vertritt insgeheim eine radikale Ideologie und interpretiert die Weltlage als einen Glaubenskrieg, der die Vernichtung der Muslime zum Ziel habe. Unter den Gemeindeangehörigen kursieren Videos von den Gräueltaten syrischer Regierungsgruppen. Es fehlt im Land an Ärzten und medizinischer Ausrüstung. Einige planen, nach Syrien aufzubrechen, um den Bedrängten beizustehen. Jan wird denselben Weg gehen. Anfangs mit der Intention, zu helfen. Am Ende mit dem Ziel, zu töten.

Noch am 7. November hatte das Erste in einer Pressemitteilung angekündigt, „Brüder“ am 22. und 29. November in zwei Ausstrahlungen senden zu wollen. Kurzfristig wurde dann aber am 22. November (Mittwoch) ein Themenabend „Deutsche Glaubenskrieger“ anberaumt, der neben den beiden Filmteilen die halbstündige Dokumentation „Sebastian wird Salafist“ umfasste. Als Folge der Programmänderung wurde dieser Beitrag vom ursprünglich vorgesehenen Sendetermin am 22. November um 21.45 Uhr (das wäre im Anschluss an den ersten Teil des Spielfilms gewesen) dann hinter die an diesem Themenabend erst um 23.15 Uhr ausgestrahlten „Tagesthemen“ auf 23.45 Uhr verlegt.

Die in der Presseversion und in der ARD-Mediathek noch vorhandene Trennung der beiden Teile von „Brüder“ durch Vor- und Abspann wurde in der dreistündigen, an einem Stück gesendeten Fassung entfernt. Dennoch blieb der Bruch kenntlich, markiert durch einen Cliffhanger: Jan wird an einem Grenzposten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) scheinbar von den Terroristen entführt. Nicht nur ein erzählstrategischer Kniff, um die Zuschauer zum Weitersehen zu animieren. Tatsächlich zerfällt die Filmerzählung auch inhaltlich deutlich in zwei Kapitel. Im ersten schließen die Zuschauer Bekanntschaft mit dem in Stuttgart lebenden Jan und seinem Mitbewohner Tariq, dessen Familie in Aleppo unter den mörderischen Kriegsbedingungen leidet. Die Ausreise war der anderen Familienmitglieder war bereits beschlossen, doch das nötige Geld ging verloren. Nur der Tochter Samia, Tariqs Schwester, gelang die Flucht. Sie war in einem Militärgefängnis Folterungen ausgesetzt, war vergewaltigt und dabei schwanger geworden.

Samias Trauma geht an Jan nicht spurlos vorüber. Auch diese Erfahrung befördert seine Radikalisierung, obwohl Tariq ihn immer wieder vor dem Missbrauch des Korans durch die Hassprediger warnt. Und so zeigt der zweite Teil des Fernsehfilms Jan und seine Gesinnungsgenossen in Arabien in einem entlegenen IS-Camp. Beim Drill, bei Glaubensunterweisungen, als Adressaten hassstrotzender Aufputschrhetorik. Schließlich im Kampf, in verlustreichen Scharmützeln in der Wüste. Gegen Ende kehrt Jan als Schläfer nach Deutschland zurück. Er gibt sich geläutert, zieht wieder bei seinem Vater ein, verfolgt aber auftragsgemäß den Plan, in der Stuttgarter Innenstadt einen Anschlag zu verüben. Am Ende schlagen die Autoren eine Volte: Jan versammelt seine Komplizen, die ihn bei dem Attentat unterstützten sollen, und schwört sie auf ihr Vorhaben ein. Dann jedoch tötet er sie und stellt sich der Polizei.

Dieser zweite Teil wendet sich vom Drama ab und tendiert eher zum Thriller mit Anleihen beim Kriegsfilm. Beide Filmteile wurden kompetent in Szene gesetzt, vor allem gemessen an der kurzen Produktionszeit. Drehbeginn war nach Angaben des SWR im Mai 2017, nach vorherigen intensiven Proben. Die Schauspieler lernten arabische Texte, die präzise Durchführung der religiösen Rituale, den Umgang mit Waffen. Diese Sorgfalt zeigt sich auf dem Bildschirm. Ausgenommen der schlecht gemachte unechte Bart des Protagonisten, der unter dem scharfen Auge der modernen Kameratechnik nicht bestehen konnte.

Trotz aller Schauwerte geriet der aktionsbetonte, in einigen Sequenzen mit heftigen Bildern aufwartende zweite Teil nicht oberflächlich. Das verdankt sich nicht zuletzt dem exzellenten Hauptdarsteller Edin Hasanovic. Hasanovic stellt nicht dar, er lebt die Figur des innerlich zerrütteten Jan, der in jungen Jahren Demütigungen, vielleicht auch Missbrauch erfahren musste und dessen Ohnmachtsgefühle und bebende blinde Wut von entmenschten Freischärlern erkannt und für ihre Ziele kanalisiert werden.

Wie präzise und wirklichkeitsgetreu Kristin Derfler und Züli Aladag mit ihrer Spielfilm-Geschichte die Methoden der islamistischen Menschenfänger erfasst hatten, belegte im Anschluss an die „Tagesthemen“ die Dokumentation „Sebastian wird Salafist“ (Produktion: Infinito Pictures). Deren Autor Ghafoor Zamani hatte einen jungen deutschen Konvertiten über längere Zeit mit der Kamera begleiten können und dabei eingefangen, aus welcher Disposition heraus der Schritt zum Islam und weiter in die Radikalisierung erfolgen kann. Besagter Sebastian, ein intelligenter junger Mann, war noch rechtzeitig von seinem Irrweg abgewichen. Andere hingegen sind selbst von seriösen Vertretern des islamischen Glaubens kaum noch zu erreichen. Spielfilm und Dokumentation dieses ARD-Abends zum Thema „Deutsche Glaubenskrieger“ lieferten eine Ahnung, warum das so ist. („Brüder“ hatte 2,53 Mio Zuschauer und einen Marktanteil von 9,0 Prozent; „Sebastian wird Salafist“ sahen 900.000 Zuschauer, Marktanteil: 7,9 Prozent.)

09.12.2017 – Harald Keller/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren