Silke Meyer: Der Pfaffe und die RAF – Helmut Gollwitzer. Reihe „Himmel & Erde“ (RBB Fernsehen)

Ein Leben, kaum in 30 Minuten zu erzählen

04.12.2017 • Ein Sendeplatz am späten Samstagnachmittag ist auch in einem Dritten Programm der ARD kein sonderlich attraktiver. Aber ein besserer Platz ist für die RBB-Reihe „Himmel & Erde“ wie für andere Formate, die sich der Welt aus christlicher Perspektive annehmen, offenbar nicht zu haben. Vor diesem Hintergrund mag es verständlich sein, dass man mit möglichst plakativen Titeln der einzelnen Beiträge für etwas mehr Aufmerksamkeit zu sorgen versucht. Doch in diesem Fall hatten sich die Verantwortlichen diesbezüglich auf fast schon lächerliche Art und Weise vergaloppiert. „Der Paffe und die RAF“, das sollte vermutlich knackig klingen, war aber schon, wenn man so will, in puncto Endreim ein schlechter Witz. „Der Pfaff’ und die RAF“ wäre ja poetisch noch gegangen, hätte aber natürlich auch wenig Sinn gemacht.

Zum einen hatte der hier porträtierte evangelische Professor Helmut Gollwitzer (1908 bis 1993) im Lauf seines Lebens kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zwar mal als Pfarrer in Berlin ausgeholfen, allerdings den weitaus größeren (und bedeutenderen) Teil seines Schaffens als Hochschullehrer zugebracht. Aber gut, es war dies ein Filmbeitrag für die Reihe „Himmel & Erde“, das „Magazin für Kirche und Religion“ im RBB Fernsehen. Und zum zweiten: Die Phase der RAF, also der linken Terrorgruppe „Rote Armee Fraktion“, war vielleicht die aufsehenerregendste, aber auch keineswegs die zentrale in den Jahrzehnten seines Wirkens.

Die Attitüde der Dokumentation, hier einen vermeintlich weitgehend Unbekannten der Studentenrevolte der 1960er Jahre in Erinnerung rufen zu wollen, war ebenfalls vermessen. Wer sich auch nur einigermaßen mit den 68ern und der RAF beschäftigt hat, dem dürften der Name und die Position von Helmut Gollwitzer durchaus geläufig gewesen sein. Für diejenigen, für die das nicht gilt, bot die Dokumentation immerhin einen gerafften Einblick in die sehr vitale Biografie eines zeitlebens streitbaren Theologen.

Dessen Widerspruchsgeist erwuchs auch keineswegs erst in den 1960er Jahren der Bundesrepublik, sondern Gollwitzer hatte als Mitglied der Bekennenden Kirche bereits zur NS-Zeit gegen das Schweigen der Amtskirche protestiert und sich später in Westdeutschland gegen die Wiederbewaffnung engagiert. Bei der Schilderung seiner Aktivitäten in der Bekennenden Kirche ließ Autorin Silke Meyer löblicherweise nicht unerwähnt, dass aus jener Zeit auch seine Freundschaft mit dem Pfarrerskollegen Helmut Ensslin herrührte, dem Vater der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.

Dass dieses Porträt hinsichtlich der Biografie des Protagonisten einige Lücken aufwies, mochte dabei der Kürze der Zeit geschuldet sein. Solch ein reiches Leben ist in 30 Minuten nun einmal kaum zu erzählen. So konzentrierte sich die Dokumentation im Wesentlichen auf Gollwitzers Tätigkeiten während der Studentenbewegung und der RAF-Zeit. Erstaunlicherweise gab es dazu im Film relativ wenig Archivmaterial in Form von Bewegtbildern. Da der Theologe in jenen Zeiten doch regelmäßig in der Öffentlichkeit Reden gehalten hat und auch in Diskussionsrunden im Fernsehen präsent war, müsste es da doch eigentlich Bild- und Tondokumente in Hülle und Fülle geben. Aber hier blieb es im Wesentlichen bei ein paar netten Sequenzen aus Beiträgen des SFB und des NDR, die einen scherzenden Gollwitzer Anfang der 70er bzw. 80er Jahre im Garten seines Dahlemer Hauses im Kreise von Studenten und seiner Ehefrau zeigten. Darunter auch Studentenführer Rudi Dutschke, ebenfalls ein Pfarrerssohn, der zeitweilig sogar bei den Gollwitzers wohnte.

Aufschlussreicher war da schon der Briefwechsel zwischen Helmut Gollwitzer und den beiden inhaftierten RAF-Mitgliedern Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, aus dem die Autorin mehrfach zitierte. Auch die Experten und Zeitzeugen, darunter der Rechtsanwalt und Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar sowie Hanns-Eberhard Schleyer, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, trugen hier durchaus zum Verständnis jener turbulenten Jahre bei.

Nur Heinrich Albertz kam in dieser Dokumentation entschieden zu schlecht weg. Zwar zitierte die Autorin korrekt die abfälligen Äußerungen, die der Pastor und damalige Berliner Bürgermeister nach den Protesten gegen den Schah-Besuch am 2. Juni 1967 über die Studentenbewegung getätigt hatte, ließ jedoch völlig unerwähnt, dass sich Albertz später für seine falsche Sicht der Dinge öffentlich entschuldigte und in den 1980er Jahren zum Aktivisten der Friedensbewegung wurde. Für diese Klarstellung wäre auch in einer nur halbstündigen Dokumentation durchaus Zeit gewesen.

Unter dem Strich bot der Film, wie schon angedeutet, für mit der Materie halbwegs Vertraute wenig neue Informationen, war jedoch für alle anderen ein durchaus solider Blick auf ein Stück wichtige Zeitgeschichte, wobei der alberne Sendetitel der größte Schwachpunkt dieses Beitrags blieb.

04.12.2017 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 12/2018

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren