Florian Gottschick/Carsten Happe: Nachthelle. Reihe „Debüt im RBB“ (RBB Fernsehen)

Vom Kammerspiel zum Mystery‑Thriller

13.11.2015 •

Anna und Bernd, beide um die 40, waren in ihrer Jugend ein Paar. Nun haben sie sich verabredet, um noch einmal ein Sommerwochenende in ihrem Heimatdorf in der Lausitz zu verbringen. Denn in Kürze soll der Ort dem Braunkohletagebau weichen. Beide bringen ihre aktuellen Partner mit zu dem Nostalgie-Treffen. Anna hat ihren deutlich jüngeren Freund Stefan dabei und Bernd, der sich inzwischen sexuell anders orientiert hat, reist mit seinem Lebensgefährten Marc an.

Die beiden Paare beziehen das Haus, in dem Anna einst aufwuchs. Obwohl es schon seit Jahren leersteht, ist die Einrichtung vollständig erhalten. Gerade so, als sei die Zeit stehengeblieben. Die vier machen Ausflüge in die Umgebung, baden im nahen See, stöbern in alten Fotoalben. Die Stimmung ist gelöst, man versteht sich. Doch nach und nach schleichen sich Misstöne in die Gespräche. Stefan irritiert, dass Anna und Bernd einmal liiert waren, sie ihm aber gar davon nichts erzählt hat. Während sich bei Stefan latente Eifersucht breitmacht, scheint Anna noch ganz andere Geheimnisse vor ihm zu haben. Und die alte Frau, die in diesem Geisterdorf noch immer ihren kleinen Lebensmittelladen betreibt, reagiert auf das Wiedersehen mit Anna höchst unwirsch und macht seltsame Andeutungen.

Bei einem Ausflug des Quartetts auf den Turm der ehemaligen Schule, kommt es zum Eklat. Marc, offenbar von Bernd ins Bild gesetzt, fordert Anna auf, ihrem Freund zu schildern, was auf diesem Turm einst geschehen ist. Demnach ist ein gewisser Heiko damals von dem Schulturm in den Tod gesprungen, weil er es nicht verkraftete, dass Anna ihn öffentlich als schwul outete, nachdem er sich an Bernd heranzumachen versucht hatte. Und die garstige Ladenbesitzerin ist, wie man allerdings erst später erfährt, niemand anderes als Heikos Mutter.

Das Setting, das Regisseur und Koautor Florian Gottschick für seinen Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg entworfen hat, hat ein gängiges Muster (weiterer Drehbuchautor ist Carsten Happe). Eine Familie oder Gruppe von Freunden trifft sich an einem lauschigen Ort, um fernab des Alltags ein paar schöne Tage zu verbringen. Solche Treffen enden in Filmen regelmäßig in einer Katastrophe, bei der sich die Teilnehmer gegenseitig zerfleischen. Das ist in „Nachthelle“ kaum anders (der Filmtitel ist einem – von Franz Schubert vertonten – Gedicht von Johann Gabriel Seidl entlehnt). Es knistert nur so vor kommunikativen und erotischen Spannungen. Zwischen Anna und Bernd keimen alte Gefühle wieder auf und Marc macht Stefan amouröse Avancen, die diesen komplett verwirren. Überhaupt ist es immer wieder Marc, von Beruf Psychoanalytiker, der mit Hang zum Zynismus und rätselhafter Lust am Affront die Kontroversen immer weiter vorantreibt. Eine Figur, die auch in Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ ihren Platz gehabt hätte.

Im letzten Drittel wagt der Film den mutigen Schritt vom psychodramatischen Kammerspiel in ländlicher Idylle zum Mystery-Thriller. Nach einem Autounfall gibt es die von der Konfrontation mit ihrer Geschichte zunehmend traumatisierte Anna plötzlich doppelt, sie sieht sich nun selbst zu und Vergangenheit und Gegenwart werden seltsam verwoben. Dass Marc schon zu Beginn des Films über das Phänomen des Doppel-Ichs doziert hatte, wäre als Erklärhilfe nun wirklich nicht nötig gewesen. Wie überhaupt hier einige Facetten dieses Gruppen-Psychogramms etwas zu plakativ daherkommen.

Seine Stärken hat der Film eindeutig in den szenischen Auflösungen der Destruktion einer vermeintlichen Idylle. Da stimmen die Dialoge und kleinen Gesten, in denen sich all die schwelenden Zerwürfnisse der vier Figuren offenbaren. Und die Regie kann sich dabei auf ein versiertes Darsteller-Ensemble mit Benno Fürmann (Bernd), Anna Grisebach (Anna), Vladimir Burlakov (Stefan) und Kai Ivo Baulitz (Marc) verlassen. Unter dem Strich: ein sehenswerter, ambitionierter Debütfilm mit kleinen Mängeln, der als letzte Produktion der diesjährigen vierteiligen Staffel der Reihe „Debüt im RBB“ ausgestrahlt wurde.

13.11.2015 – Reinhard Lüke/MK

Print-Ausgabe 24/2020

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