Eine verhängnisvolle Nacht

Die Sat-1-Reality-Show „Newtopia“ offenbart ihren Realitätsverlust

Von Senta Krasser
16.04.2015 •

Die große, die ersehnte Aufmerksamkeit war, wenn auch nicht in dieser Form beabsichtigt, am vergangenen Montag (13. April) plötzlich da. Sieben Wochen nachdem Sat 1 damit begonnen hatte, 15 Kandidaten in einer alten Scheune im brandenburgischen Königs Wusterhausen einzusperren und zu dokumentieren, wie sie einen neuen Staat nach ihren eigenen Regeln schaffen, das sogenannte „Newtopia“, so auch der Titel des TV-Formats, da wurde endlich berichtet, gepostet, getwittert, was das Zeug hält. Ein neuer Hashtag war sogar gefunden: #Faketopia. Und Fernsehdeutschland hat über Nacht seinen ersten Schummel-Skandal in diesem Jahr.

Was passiert war? Eine von den 105 Kameras, die das Treiben auf dem Hof 24 Stunden filmen und die das auch als Live-Stream nach draußen tragen, zeichnete in der Nacht zu Montag auf, was nicht an die Öffentlichkeit hätte gelangen sollen: Eine hörbar angeschickerte Producerin outete „Newtopia“ als Scripted-Reality-Format. Sozusagen als Reality-Variante „Königs Wusterhausen – Tag & Nacht“. Die Producerin klagte im Gespräch mit einigen Kandidaten über den Druck der Zuschauer („Junkies“), die immer neue Geschichten wollten, und über sinkende Quoten: „Ich bin echt bei euch, ihr müsst mir echt vertrauen. Wir haben gerade echt Probleme in der Show.“ Was bedeutete: Hier muss von außen eingegriffen werden. Damit war etwas offenbart, was eigentlich unoffenbart hätte bleiben sollen. Und das, was von der Branche noch im Februar als der nächste große Hit im Unterhaltungsfernsehen erhofft worden war, was im Sat-1-Größenwahn nach wie vor als „das größte TV-Experiment aller Zeiten“ beworben wird – es ist damit gescheitert.

Besuch vom Bürgermeister und einem Pastor

„Das ist wirklich eine ganz pure Form von Reality“, ließ John de Mol vor dem Start von „Newtopia“ verbreiten. Der Format-Erfinder brachte im Jahr 2000 „Big Brother“ auf den Weg, quasi das Ursprungsformat aller dann folgenden Reality-Shows. Wenn so jemand so etwas sagt, dann entweder aus Verzweiflung – oder weil er tatsächlich davon überzeugt ist, wieder etwas Neues geschaffen zu haben. Bei „Newtopia“, versprach also de Mol, solle nun alles „echt“ sein. Ohne (starke) Einflussnahme von außen. Ohne „Challenges“, „Battles“, „Votings“ und was sich Fernsehkreative sonst noch so ausdenken, um der Banalität des abgefilmten Alltags Dramaturgie und Spannung zu verleihen. Doch wenn nicht schon von Anfang an, so doch spätestens in dieser verhängnisvollen Nacht muss den Verantwortlichen bei Sat 1 und de Mols früherer Produktionsfirma Talpa klar geworden sein: Die Show läuft nicht ohne unser Zutun.

John de Mol hat „Newtopia“ zunächst für das niederländische Fernsehen unter dem Titel „Utopia“ entwickelt. Sat 1 räumt für dieses Reality-Format seit dem 23. Februar jeden Vorabend, außer am Wochenende, rund eine Stunde Sendeplatz frei (19.00 bis 19.55 Uhr). Es sind einstündige Zusammenfassungen eines 24-Stunden-Abenteuers, das, wer will, nonstop im Stream verfolgen und kommentieren kann.

Offensichtlich hat John de Mol Thomas Morus und all die anderen Utopisten sehr genau studiert: 15 in der Show „Pioniere“ genannte Kandidaten erhalten in „Newtopia“ ein Jahr lang die Chance, nach eigener Façon und Glückseligkeit zu leben. Sie sollen sich laut Sender-PR „eine eigene, andere, vielleicht bessere Gesellschaft erschaffen“. Frei und selbstbestimmt leben. Allerdings ohne Hilfe von außen. Ohne Strom, ohne fließend Wasser und überhaupt ohne all den zivilisatorischen Komfort. Übernachten im Stroh, Kochen über offenem Feuer, Scheißen auf dem Donnerbalken – das waren die ersten Bilder, die „Newtopia“ zeigte. Eine Lagerfeuerromantik, wie sie sich der Marlboro-Mann aus der Werbung nicht besser hätte ausdenken können.

Tatsächlich sind unter den Pionieren, die samt „Newtopia-Pass“(!) und einer Holzkiste mit ein paar Habseligkeiten in den von einer Mauer umgegebenen Staat einzogen, ein paar echte Sozialutopisten. Candy (gesprochen: Sändi) ist so ein Idealist und dazu dankbare Hauptfigur in dieser Versuchsanordnung. Nicht nur, weil dem Politikwissenschaftler eine verfilzte Bibermatte vom Kopf herunterhängt und er von Polygamie und freier Liebe schwärmt. Der „Freigeist“, der den Kommentar im Off immer wieder zu gereimten Ironiespitzen treibt wie „Auch ein Hippie muss mal Pippi“, hat sein Utopia schon vor dem Sat-1-„Newtopia“ gelebt: auf einer Brache in Berlin-Kreuzberg, wo er angeblich mit 1,50 Euro am Tag glücklich und zufrieden war.

Der Größenwahn eines mindererfolgreichen Privatsenders

Candy bemüht sich, diese Radikalität auch in „Newtopia“ auszuleben – und reibt sich permanent an der Gemeinschaft bzw. sie sich an ihm. Weil der „Freigeist“ sich nicht einordnen, geschweige denn unterordnen will und partout frei in die Wildnis uriniert („Warum darf die Kuh überall hinpissen und ich nicht?“), taucht sogar einmal der echte Bürgermeister von Königs Wusterhausen in der Scheune auf und droht mit Bußgeld wegen öffentlichen Ärgernisses. (Wobei man sich fragt: Wieso hat der Bürgermeister von Königs Wusterhausen überhaupt etwas in diesem neuen Staat im Staat zu melden?) Candys verständnisvolle Seelenverwandte Conny wiederum, eine Architektin, treibt die zum „Pinkelgate“ aufgeplusterte Geschichte zum Rumpelstilzchen-ähnlichen Aufstand am Lagerfeuer: „Wo sind wir denn hier? Versteht das keiner? Das ist ein Experiment!“ Es gehe hier in „Newtopia“ doch eigentlich um Visionen, darum, gesellschaftliche Fragen anzuregen.

Ja, eigentlich. Und um diese narrative Ausgangslage noch einmal in Erinnerung zu rufen, kam bereits in der dritten Woche Besuch aus der alten Welt, von einem Pastor. Denn jeder Zuschauer darf sich per Internet melden, um seine Meinung über „Newtopia“ kundzutun. Der Pastor also fragte: „Wo ist euer Ziel? Was wollt ihr schaffen? Ihr macht eigentlich das meiste, was ihr von draußen mitgebracht habt.“

Will heißen: Die Pioniere haben ihr altes Leben in den neuen Staat mitgenommen. Sie bringen System ins Chaos oder versuchen es zumindest. Sie bauen Strukturen auf wie das morgendliche 10.00-Uhr-Meeting oder Putzdienste. Sie kaufen ein per Lieferdienst, vom Schnaps über die Schminke bis zum Kühlschrank und Klosett. Sie treiben Tauschhandel (frisch gemolkene Milch für eine Kunststoff-Füllung vom herbeigerufenen Zahnarzt). Sie verdienen Geld, in dem sie Personal Training und Kochkurse anbieten, eine Hundepension eröffnen, Osterdekoration verkaufen, nackt posieren für die Werbekampagne eines Brillenherstellers oder „Newtopia“-Fans gegen Geld in Scharen durchs Gelände führen.

Mit der behaupteten Ursprungsidee haben solche augenlustigen, vermeintlich quotenträchtigen (Erotik-)Aktionen tatsächlich nur noch wenig zu tun. Und es kann nun getrost davon ausgegangen werden, dass selbst Sat 1 nicht ernsthaft an die Nummer geglaubt hat, mit Diskussionen über gesellschaftspolitische, hochphilosophische Fragen Publikum zu ziehen. Zumal parallel auf RTL 2 zur gleichen Zeit das ganz offiziell nach Drehbuch geschriebene WG-Treiben in „Berlin – Tag & Nacht“ Dauererfolg hat.

„Echt“ – das geht nicht mehr

Allein, das Interesse an „Newtopia“ dümpelt vor sich hin, trotz Aktionismus bis zur Panik. Auch bei den Pionieren übrigens. Pioniere zogen freiwillig aus, aus Liebeskummer, aus Sehnsucht nach der alten Welt, aus Enttäuschung über die neue Gesellschaft. Neue Pioniere zogen dafür ein wie zuletzt die voll tätowierte und wohl als Hormonbombe gecastete Kate. Kaum war sie einen Tag da, gab‘s den ersten Kuss (mit Sebastian), den die Regie in Zeitlupe feierte. Ein perfekter Cliffhanger für die „Newtopia“-Folge am nächsten Tag. Und ein weiteres Indiz, dass es in Königs Wusterhausen nicht „pur“ und „echt“ zugeht. Selbst Candy, der verschrobene Freigeist, durchschaute das Senderspiel mit der Neuen: Kate bringe keine idealistischen Vorstellungen mit. „Die will nur Party. Dann haben wir hier die Soap. Sex im Wasser. Na ja, auch nicht schlecht.“

„Schlecht“ an der ganzen „Newtopia“-Sache ist nur, dass Sat 1, dieser mindererfolgreiche Privatsender, offenbar tatsächlich geglaubt hat, 15 Jahre nach Erfindung des Containerfernsehens „Big Brother“ neue Maßstäbe setzen zu können. Die einst in den damaligen Aktienrausch hinein platzierte Grundidee „Setz dich einen Monat, ein Jahr in den Container, dann bist du reich“, sie ist alt. Das Personal ist längst mediengeschult und weiß, wie es sich vor der Kamera zu benehmen hat. „Echt“ – das geht nicht mehr. Betrug am Zuschauer schon gar nicht. Da hilft es auch nichts, wenn Sat 1 und Talpa die Vorwürfe von sich weisen – die Antwort auf die Frage, ob „Newtopia“ für den Sender, wie es im Untertitel der Show heißt, „vollkommenes Glück oder totales Chaos“ ist, hat sich erübrigt. Die Producerin wurde übrigens entlassen.

16.04.2015/MK

In Königs Wusterhausen in der Scheune: Sat 1 meint, dort findet „das größte TV-Experiment aller Zeiten“ statt (Foto: Screenshot)


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