Stephan Lamby: Schäuble – Macht und Ohnmacht (ARD/SWR)

Ungewöhnlich und löblich

04.09.2015 •

04.09.2015 • Manchmal haben auch Journalisten einfach Glück. Als Stephan Lamby beschloss, einen Film über Wolfgang Schäuble zu drehen, war nicht absehbar, dass der deutsche Finanzminister in der ersten Hälfte des Jahres 2015 zu einer zentralen Figur der europäischen Politik werden sollte. So aber war der Filmemacher hautnah dabei, als der Politiker während des Tauziehens um weitere Kredite für Griechenland die vermutlich turbulenteste Phase seiner Laufbahn erlebte.

Lamby begann seine Dreharbeiten just am 26. Januar dieses Jahres, dem Tag, an dem in Griechenland Alexis Tsipras als neuer Ministerpräsident vereidigt wurde. Und so drehte sich während der sechsmonatigen Begleitung des CDU-Politikers nahezu alles um die Griechenland-Frage, die hier im Wesentlichen zugespitzt wurde auf das Duell zwischen Wolfgang Schäuble und seinem Kontrahenten, dem – inzwischen nicht mehr amtierenden – griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Zwei Antipoden, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Ihm sei es „sowas von wurscht“, ob einer mit oder ohne Krawatte daherkomme, erklärte Schäuble hinsichtlich des legeren Auftretens des Griechen. Dabei merkte man dem deutschen Außenminister jedoch deutlich an, dass er den Aufzug seines hellenischen Kollegen eigentlich für eine Respektlosigkeit hielt. Nein, mit so einem „Popstar“ könne er als „alter, müder und manchmal mürrisch aussehender Mann“ in der Öffentlichkeit nicht konkurrieren, fügte er noch an. „Popstar“, das dürfte so ziemlich das despektierlichste Urteil sein, das Wolfgang Schäuble über einen anderen Politiker im Repertoire hat.

Demgegenüber äußerste sich Varoufakis im Interview über seinen deutschen Gegenspieler vergleichsweise honorig. Als er allerdings erklärte, Schäuble habe zwar den Grexit geplant, dafür aber überhaupt kein Mandat der deutschen Kanzlerin gehabt, reagierte Schäuble, von Lamby mit dieser Aussage konfrontiert, eher unwirsch. Er wolle die Diskussion mit Varoufakis nicht über die Medien fortführen, ließ er wissen.

Neben den rückblickenden Auslassungen der beiden Finanzminister lieferte der Film zahlreiche Einblicke in die Euro-Diplomatie. Immer wieder sah man Schäuble den Regierungsflieger nach Brüssel besteigen und dann im Flugzeug, man sah ihn mehrmals sich die müden Augen reiben oder in Hinterzimmergesprächen bei Beratungen mit seinen Mitarbeitern. Natürlich wurde da nichts gesagt, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen wäre, dennoch erstaunte die Schmucklosigkeit dieser Hinterzimmer ebenso wie der Umstand, dass da stets schlichte Kekspackungen vom Discounter oder auch belegte Brötchen auf dem Tisch standen. Detail am Rande: Von Varoufakis erfuhr man, dass Finanzminister sich grundsätzlich duzen. Doch während der Grieche dann auch im Film manchmal über „Wolfgang“ sprach, andere Male benutzte er die Formulierung „Doktor Schäuble“, nannte der deutsche Finanzminister seinen Amtskollegen in den Interviewpassagen nicht „Yanis“.

Gänzlich rätselhaft blieb einem eine Sequenz dieses Films, in der Schäuble im Rollstuhl in der norddeutschen Provinz durch den Regen rollte, um einen unbedeutenden Preis entgegenzunehmen, den die örtliche Sparkasse ihm zugedacht hatte: Warum tut der Mann sich bei all dem Stress auch so etwas noch an? Und genau diese Frage fehlte in diesem ansonsten sehr sehenswerten Porträt eines Politikers, der wahrscheinlich kaum jemals vorher einen Filmemacher so nah an sich hat ‘rankommen’ lassen. Dabei lieferte Lamby in mehreren Rückblicken reichlich Material, das diese Frage mehr als nahegelegt hätte. Darunter das Attentat vom Oktober 1990, seit dem Schäuble querschnittsgelähmt ist, sowie all die politischen Niederlagen und Demütigungen, die er im Lauf seiner über 40 Jahre währenden Karriere erlitten hat.

So musste Schäuble den Affront des damaligen Kanzlers und CDU-Patriarchen Helmut Kohl verkraften, der ihn zunächst zu seinem Nachfolger aufbaute, dann aber, entgegen früheren Ankündigungen, 1998 doch noch einmal zur Bundestagswahl antrat (und sie verlor). Dann die leidige CDU-Spendenaffäre, in der Schäuble schließlich öffentlich einräumen musste, einen Umschlag mit Bargeld des Waffenhändlers Schreiber entgegengenommen zu haben. Das kostete ihn den kurz zuvor errungenen CDU-Parteivorsitz. Schließlich die Brüskierungen durch seine neue Vorgesetzte Angela Merkel, die ihn bei der Berufung eines neuen Bundespräsidenten gleich zweimal überging und aktuell auch bei den Verhandlungen mit den Griechen nicht uneingeschränkt auf seiner Seite stand.

Wolfgang Schäuble reagierte im Film auf die Konfrontation mit diesen Demütigungen teils gereizt (Spendenaffäre), teils aber auch seltsam nachsichtig. Mit sonderbarer Dienermentalität sprach er stets von der Loyalität gegenüber seinen jeweiligen Vorgesetzten und vermochte ein Motiv für sein Handeln dennoch nicht zu benennen. So löblich man es finden mag, dass Stephan Lamby seine Auswahl an Zeitzeugen und Experten hier auf ein Minimum beschränkte, hätte man doch gern Näheres zu der Frage erfahren, was solch einen Menschen wie Schäuble im gesetzten Rentenalter eigentlich immer noch derart antreibt, anstatt es sich in seinem Eigenheim mit der Gattin gemütlich zu machen.

Unter dem Strich war die 75-minütige Dokumentation „Schäuble – Macht und Ohnmacht“ (Produktion: Eco Media) trotz übertrieben eingesetzter Dramatisierung durch Musikunter­malungen das überaus sehenswerte Porträt eines streitbaren Politikers. Ungewöhnlich genug und umso löblicher, dass die ARD für diesen Film (2,46 Mio Zuschauer, Marktanteil: 9,7 Prozent) sogar ihr Programmschema änderte, ihm einen guten Sendeplatz vor den „Tagesthemen“ gab und deshalb an diesem Montagabend das Nachrichtenmagazin um eine halbe Stunde nach hinten verschob.

04.09.2015 – Reinhard Lüke/MK