Beate Langmaack/Kai Wessel: Frau Roggenschaubs Reise (ZDF)

Ein Fernsehereignis

28.12.2015 •

Mit dieser Dame ist nicht gut Kirschen essen. Schon ihr martialisch klingender Name flößt Furcht ein. Gleich in der ersten Szene faltet Rosemarie Roggenschaub, eine Logistik-Expertin, die bei einem großen Unternehmen im Hamburger Hafen arbeitet, via Skype eine Mitarbeiterin nach allen Regeln der Kunst zusammen. Als dann noch ihre Stelle wegrationalisiert wird, ist die Frau mit den Haaren auf den Zähnen völlig ungenießbar. Das bekommt ihr Noch-Ehemann Klaus (Christian Redl) zu spüren, der seine letzten Habseligkeiten aus dem gemeinsamen Haus abholen will. Unvorsichtigerweise rückt er mit seiner neuen Lebenspartnerin (Michaela May) an, die sich süßlich grinsend aufs Sofa setzt. Nur zu gut kann man nachfühlen, dass Rosemarie, verkörpert von Hannelore Hoger, über dieses aus ihrer Sicht empfundene ‘Downgrading’ ihres Mannes zutiefst verärgert ist, sich aber um Gottes willen nichts anmerken lässt.

Diese ausführliche Beschreibung der Hauptfigur ist notwendig, um zu verstehen, wie pfiffig hier der eigentliche Plot eingefädelt wird: Um ihrem Ex eins auszuwischen, verscherbelt Rosemarie nun dessen Besitztümer an den Sinti-Gärtner Sasha (Rahul Chakraborty), der zufällig in der Nachbarschaft arbeitet. Dummerweise stellt sich heraus, dass sich unter dem Plunder eine E-Gitarre befand, auf der angeblich Jimmy Hendrix spielte. Das Instrument muss wieder her. Und auf der abenteuerlichen Suche nach dem vermeintlich so wertvollen Gegenstand gerät Rosemarie dann in eine regelrechte Parallel­welt.

In dieser Komödie, die Kai Wessel nach einem Drehbuch von Beate Langmaack inszeniert hat, trifft eine sesshafte Hamburger Hausbesitzerin auf eine Sinti-Großfamilie. Das klingt nach einem gut gemeinten Fernsehfilm mit sozialkritischer Botschaft. Während Rosemarie sich auf resolute Weise bei Sashas Anhang einquartiert, wird die Funktionsweise einer Sinti-Familie streiflichtartig beleuchtet. Am Küchentisch erledigen Kinder ihre Schulaufgaben. Onkels und Cousins besprechen geschäftliche Dinge. Es geht hektisch, aber herzlich zu. Eine solche familiäre Geborgenheit fehlt Rosemarie, die durch ihre Vereinsamung zynisch und dickhäutig geworden ist. Schon bald weint sie dicke Tränen. Natürlich nur, weil sie beim Zwiebelschälen hilft. So zusammengefasst, klingt das wohl, als ob man rasch abschalten könnte.

Doch dank Beate Langmaacks gekonntem Drehbuch bekommt das vermeintliche Idyll der Sinti-Familie auch Risse. Auf der Suche nach der verlorenen Gitarre blickt Rosemarie nämlich auch hinter die Kulisse der Sippe. In deren Zentrum sitzt Marinela Mandel (Rigoletta Weiss), die tagtäglich für den gesamten Clan kochen muss. Dennoch lobpreist die nebenberufliche Wahrsagerin die ehernen Werte der Großfamilie. Obwohl deren Enge ihr zuweilen gewaltig auf die Nerven geht.

Neben Marinela wird vor allem die Figur ihres Sohnes Sasha differenziert gezeichnet. Gegen den Widerstand seiner Familie schickt er seine beiden kleinen Töchter in die Schule. Der Konflikt zwischen Integration und Tradition droht ihn aufzureiben. Trotz dieser Ballung vermeintlicher Klischees erstarrt „Frau Roggenschaubs Reise“ (Produktion: Ufa Fiction) glücklicherweise nicht zum altbackenen Thesenfilm. Das liegt an der grandios gezeichneten Titelfigur. Dank der Charakterdarstellerin Hannelore Hoger, die hier wie in einer anderen Liga aufspielt, wird der detailliert beobachtete Culture Clash zum kurzweiligen Fernseherlebnis.

Die Hochnäsigkeit und die mit Vorurteilen gespickte Arroganz, mit der Rosemarie dem armen Sasha zunächst gegenübertritt, erweist sich im Lauf des Films als teilweise berechtigt. Die energische Hobbydetektivin findet nämlich heraus, dass der Sinto einem Pfarrer weismacht, der Dachstuhl seines Gemeindehauses sei von Holzwürmern befallen, die er dann kostengünstig beseitigt. Als sozial benachteiligter Angehöriger einer ethnischen Minderheit nutzt Sasha die bigotte Gutgläubigkeit gegenüber seiner Volksgruppe gezielt aus. Außerdem schlägt er sich als Analphabet durch und fährt darüber hinaus ganz selbstverständlich ohne Führerschein Auto.

Dieser ZDF-„Fernsehfilm der Woche“ sensibilisiert für die Probleme der Sinti, die dabei als Menschen aus Fleisch und Blut gezeichnet und nicht zu ‘edlen Wilden’ stilisiert werden. Dieser klare und zugleich beherzte Blick auf die Realität funktioniert, weil Hannelore Hoger keine blasierte Tante, sondern eine mit beiden Beinen auf dem Boden stehende Frau verkörpert, die sich zu helfen weiß. Als größtes Plus dieses Films (4,37 Mio Zuschauer, Marktanteil: 13,4 Prozent) erweist sich die spürbare Lust, mit der die Hoger diese anfangs politisch unkorrekte Frau spielt. Sie sitzt beispielsweise im Internet-Café einer Afrikanerin gegenüber und säubert deshalb erst einmal angeekelt die Tastatur. Zu einem Ereignis wird der Film, weil er seine Hauptfigur in solch meisterlich beobachteten Szenen nicht verrät, sondern gleichsam „das Richtige im Falschen“ auch aufzeigt. Hut ab! Kai Wessels Regie bleibt dabei vergleichsweise zurückhaltend. Nachhaltig in Erinnerung bleiben Beate Langmaack und Hannelore Hoger als dynamisches Duo.

28.12.2015 – Manfred Riepe/MK

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